Montag, 12. Dezember 2011

Meine Lieblingsmusik 2011 - Teil III: Alben Top 15

Link Teil 1: Musikvideos
Link Teil 2: Plätze 16-30

Ohne größere Einleitung, meine 15 Lieblingsalben aus dem Jahr 2011 (bis jetzt):
  
15. 
Feist – Metals  
(Folk/ Singer-Songwriter/ Indie)


Feists letztes Album The Reminder war gleichzeitig ein spannendes Popalbum und ein hervorragendes Hintergrund-Enstpannungsalbum...und ich meine das auf die positivste Art und Weise! Die Eingängigkeit der Songs und Leslie Feists wunderbar warme Stimme führten dann nicht nur für die Verwendung eines ihrer Songs in einer Ipod-Werbung, sondern auch dazu, dass sich Leute wie Shia LaBeouf öffentlich zu Feists „Frauenmusik“ bekannten. Und das alles ohne das Leslie Feist etwas von ihrem „Indie-Cred“ verlor. 
 Nach so einem Erfolg wäre es natürlich einfach, dasselbe noch einmal zu machen, aber Metals entzieht sich dieser Falle dankbarerweise durch größere Ambitionen und weniger offensichtlichere Hits. Das soll nicht heißen, dass das neue Album keine guten und eingängigen Songs hat, nur schmiegen sie sich dem Hörer nicht alle so leicht an und fordern etwas mehr Aufmerksamkeit und Geduld. How come you never go there etwa ist eine reich instrumentierte Nummer, die gleichzeitig absolut tanzbar und dennoch fast „zu cool“ für die Tanzfläche ist. Opener The Bad in each other dagegen ist eine reine Rocknummer, die stampfend und dramatisch sicher so einige falsche Erwartungen bei Ersthörern hervorgerufen hat. Denn auch wenn insgesamt die rockigen Passagen etwas zahlreicher sind, bleiben die ruhigen, balladesken Songs noch in der Überzahl. Leslie Feists warme, unvergleichliche Stimme erhebt dabei all diese Songs automatisch über den Durchschnitt, aber verstecken braucht sich auch davon abgesehen keiner der Songs. Mehr noch als auf The Reminder sind sich die Songs zwar auf den ersten Blick ähnlich, offenbaren aber bei genauerem Hinhören vielfältige Mikrokosmen. Der größte Unterschied ist, dass die Songs diesmal weniger hörbar sind, wenn man sie nur nebenbei laufen lässt. Was Metals vielleicht kommerziell etwas weniger erfolgreich machen könnte (es aber erfreulicher weise nicht wirklich gemacht hat), macht es gleichzeitig zu einem spannenderen und auch lohnenswerteren Langzeit-Hörerlebnis.
- Anspieltipps: The Bad in each other, Graveyard, A Commotion, The Circle married the Line

14.
Wolves in the Throne Room – Celestial Lineage  
(Black Metal)


Wolves in the Throne Room haben es aus irgendeinem Grund geschafft die Vorzeige-Black Metal-Band der Indie-Szene und Kritikerwelt zu werden. Die ersten Alben der Band wurden auf Pitchfork, ähnlichen Websites und selbst bei etablierten Zeitungen bejubelt und sorgten für Interesse auch bei Nicht-Metal-Fans. Das führte zu einer vergleichsweise großen Popularität der Band und einiger anderer „intelligenten“ Black Metalbands, aber leider auch für viele sinnlose Diskussionen, die von der guten Musik ablenkten. Die Band verzichtet auf die meisten Black Metal-Klischees und schreibt stattdessen Songs über die Natur. Damit und mit ihrer Popularität ziehen sie natürlich den Hass von elitären Metalfans auf sich, die mangelnde Haarlänge, falsches Gebaren oder den Hippie-Metal allgemein beschimpfen und damit noch peinlicher sind als die Hipster, die sich nur aus Imagegründen die Platten der Bands kaufen. Bevor das ganze aber auch hier ausartet, zurück zu Celestial Lineage.
Nach dem eher enttäuschenden Black Cascade, dass die Post Rock-Elemente zugunsten eines typischeren Black Metal-Sounds zurückschraubte und leider auch langweiliger machte, beinhaltet das neue Album wieder alles was Wolves in the Throne Room so spannend machte und auch noch etwas mehr. In vier Songs und drei mehr oder weniger kurzen Zwischenstücken finden sich neben den majestätischen Black Metal-Parts auch Post Rock- und Ambientanteile (Hilfe dabei erhielten sie diesmal auch von Faitch Coloccia und Aaron Turner) und wiederkehrender dramatischer Frauengesang, der für Abwechslung aber auch eine Vertiefung des typischen Metalsounds sorgt. Celestial Lineage ist dabei das bisher eingängiste Wolves-Album. Songs wie das epische Thuja Magus Imperium oder das äußerst abwechslungsreiche Astral Blood werden ergänzt von melodischen und stellenweise fast schon melancholischen Gitarrenriffs. Subterranean Initation ist der typischste Black Metal-Track, wartet aber mit sehr viel Abwechslung und Energie auf, was ihn zu einem der besten Wolves-Tracks bisher macht, wohingegen das abschließende Prayer of Transformation mit seinem fast schon Doom-Anfang einen genussvoll schleppenden Kontrast zum Rest des Albums bietet. Zwischen all der Abwechslung und den verschiedenen Genrebezeichnungen darf aber nicht vergessen werden, dass Wolves in the Throne Room in der Hauptsache immer noch kolossale Soundwände erschaffen, in der die Instrumente zu einer den Hörer immer wieder überwältigenden Einheit verschmelzen. Egal was vielerorts gesagt wird, die Band macht progressiven Black Metal mit Hirn aber auch mit Eiern und das auf Celestial Lineage vielleicht so gut wie noch nie! Leider ist es wohl auch das letzte Album der Band...
- Anspieltipps: Subterranean Initiation, Astral Blood


13. 
Touché Amoré - Parting The Sea Between Brightness And Me  
(Hardcore/ Screamo)


Ich versuche diese Kritik so kurz zu halten, wie das Album. 13 Songs in 20 Minuten ist eine eindrucksvolle aber auch irreführende Tatsache. Bei einem solchen Song-Minuten-Verhältnis erwarte ich eher ein rumpelndes Grindcorealbum oder ultraschnelles Hardcoregeknüppel. Doch Parting the Sea between Brightness and me hat irgendwie Zeit neben wütend-verzweifeltem Hardcore auch melancholische Passagen und immer organisch wirkende Tempowechsel einzufügen. Die Songs wirken beim Hören entweder viel länger als sie eigentlich sind (gemeint im absolut positivten Sinne!) oder aber wie ein einziger, epischer, bis zum bersten mit Emotionen beladener Monstersong. Musikalisch erinnern mich Touché Amoré teilweise an 90er-Screamo-Bands, gleichzeitig klingt alles aber immer nach frischem und eigenständigem Hardcore. Im Mittelpunkt der Songs thront die raue, immer gut verständliche Stimme von Sänger Jeremy Bolm, der unglaublich viel Wut und Verzweiflung in die Präsentation seiner poetischen Texte legt und so immer wieder für Gänsehaut sorgt. Der klare und volle Sound schließlich verstärkt die Intensität der Band noch äußerst effektiv. So klingen diese besagten 20 Minuten wie eine lebensverändernde Ewigkeit und doch auch viel zu kurz. Da hilft nur der Repeat-Knopf...
- Anspieltipps: Pathfinder, Method Act, Amends

12. 
Ane Brun – It All Starts With One  
(Singer-Songwriter/ Indie/ Pop)


Ane Brun hat eine wahnsinnig tolle Stimme und macht seit Jahren schöne Singer-Songwriter-Musik, die leider weder kommerziellen noch übermäßig kritischen Erfolg mit sich gebracht hat. Auch It starts with One wird das nicht ändern, aber verdient wäre es doch mehr denn je.
Die meisten Reviews betonen ihre norwegische Herkunft und die damit scheinbar zwangsläufige Erwähnung des düsteren, kühlen und spröden Charakters der Stimme und der Musik. Doch auch wenn die Musik natürlich keineswegs fröhlich oder unbeschwert daherkommt, finde ich doch jede Menge Wärme und Intimität darin. Bruns Stimme ist klar und balanciert immer atemberaubend zwischen Melancholie und einer enormen Mächtigkeit.
Die Musik dazu ist im Kern zwar immer noch so etwas wie Singer-Songwriter, aber mit einem großen Fokus auf Percussion und Streicherarrangements. Das passt wunderbar zu Bruns großer Stimme und ergibt zusammen schwelgerische, weiträumige Kompositionen, die sich trotz allem immer den nötigen Funken von Intimität und Emotionalität bewahren.
Die erste Single Do you Remember ist ein Uptempo-Song mit stampfendem Rhythmus und den Damen von First Aid Kit als Backgroundsängerinnen. Der Song ist gleichzeitig ein spannender Ausflug in die Popwelt und ein sehr irreführender Vorgeschmack auf das Album. Was nicht heißen soll, dass es beim Rest von It starts with One Enttäuschungen gäbe. Wenn man sich auf den größer angelegten Fokus und die prominente Orchestrierung eingestellt hat, ist es ein wunderbar verträumtes Gesamtkunstwerk voller großer Emotionen.
Opener These Days führt die bereits erwähnten Elemente zusammen mit einer Gesangsdarbietung, die wie eine düstere und mächtigere Version von Feist klingt. Worship ist ein Duett mit José Gonzaléz, der dem Song auch sein typisches Gitarrenspiel leiht, aber stimmlich leider etwas flach daherkommt und von Bruns Stimme eindeutig überwältigt wird. Lifeline in der Mitte des Albums ist der einzige Song, in dem die Akustikgitarre eine prominente Rolle spielt und eine kleine aber feine Singer-Songwriter-Ballade. One danach ist dagegen der aufgeregteste Song, mit beschwingter Klaviermelodie und Gesang irgendwo zwischen Barsängerin und großer Bühnenshow. Es gibt keine wirklichen Schwachpunkte auf It starts with One, im Gegenteil wird das Album nach hinten hinaus sogar immer besser. The Light from One etwa ist eine unheimlich traurige und flehende Riesenballade, die fast nur von Bruns emotionalem Gesang und einer simplen Klaviermelodie getragen wird, während im Hintergrund unruhige Percussion dem Song Energie verleiht. Und am Schluss kommt dann noch Undertow. Das Prinzip ist auch hier dasselbe. Doch das Klavier ist drängender, die Percussion noch unruhiger und der Song steigert sich unter der Regie von Ane Bruns fantastischer Stimme in unglaubliche Höhen hinauf, strotzt vor Leidenschaft und zerreißt Herzen bevor er langsam ausklingt. So muss ein Album enden und es ist sehr schade, dass es viel zu wenig Menschen hören werden...
- Anspieltipps: Do you Remember, One, The Light from One, Undertow

11. 
Tombs – Path Of Totality  
(Sludge/ Noise/ Post-Metal)


Path of Totality war für Stereogum das beste Metalalbum des ersten Halbjahres 2011. Da ich Tombs vorher nur vom Namen her kannte, musste ich die Cd ob so hohen Lobes natürlich sofort probe hören. Der Ersteindruck war eher enttäuschend: Zu monoton, zu sperrig. Doch irgendwas musste ja dran sein an dem Lob (das auch anderswo nicht ausblieb). Also hörte ich weiter und weiter. Und siehe da, mit etwas Geduld und der richtigen Einstellung wuchs und wuchs Path of Totality immer weiter. Die scheinbare Monotonie entpuppte sich als ein sehr eingespielter Bandsound, der sich durch das Album zieht, aus dem sich aber auch viele Nuancen und Unterschiede in den einzelnen Songs heraushören lassen. Die Gleichförmigkeit die davon abgesehen noch hörbar ist, wird zu einer der größten Stärken von Tombs: Der Hörer wird förmlich überrollt von brutalen Geschwindigkeitsattacken und schleppenden Parts, die sich wieder und wieder abwechseln. Das ist Monotonie im besten Sinne, es signalisiert Ausweglosigkeit und Kompromisslosigkeit. Der Sound ist die größte Stärke von Path of Totality. Alles klingt ultradreckig und verzerrt ohne aber dabei auch nur einen Funken von seiner Mächtigkeit und Klarheit einzubüßen. Das meist pfeilschnelle Schlagzeugspiel und die Gitarrenriffs klingen so fast schmerzhaft direkt und verhindern ein zu langes Still sitzen garantiert. Bandleader Mike Hill singt, schreit, faucht und spricht sich dazu durch die zwölf Songs und schafft es durchgängig uneingeschränkt böse zu klingen ohne ins comichafte abzudriften. Gibt man Path of Totality also genügend Zeit, entwickelt sich aus diesem brodelnden Metalhybrid auch so etwas wie eingängige Songs. Eingängig aber in dem Sinne, dass einen die Songs, die man vorher nicht mal unterscheiden konnte, plötzlich nicht mehr los lassen und das ganze Album auf einmal erschreckend kurz wirkt. Musikalisch einzuordnen lässt sich der Sound von Tombs nur schwer, es stecken unter anderem Sludge-, Hardcore- und Noise Rock-Anteile darin. Platt (und treffend) formuliert sind Tombs einfach das musikalische Äquivalent zu einer massiven Barschlägerei.
- Anspieltipps: To Cross the Land, Blodletters, Path of Totality, Red Shadows

10. 
EMA – Past Life Martyred Saints  
(Folk/ Indie/ Electronic)


EMA ist das Soloprojekt von Erika M. Anderson, die vorher bereits mit der Band Gowns (gemeinsam mit ihrem Ex-Freund Ezra Buchla) für Aufmerksamkeit sorgte. Im Gegensatz zum ultradüsteren, mit Drone-Anteilen versehenen Drogen-Folk von Gowns ist Andersons Solo-Musik insgesamt optimistischer und auch „schöner“. Im Mittelpunkt steht immer noch etwas, dass man Mangel eines besseren Wortes als Folk bezeichnen könnte. Ausgehend davon bietet Past Life Martyred Saints eine sehr breit gefächerte Auswahl unterschiedlichster Songs, die sich trotzdem auf wundersame Weise zu einem schlüssigen und hörenswerten Ganzen zusammenfügen.
Opener Grey Ship beginnt als zurückgenommene Lo-Fi-Nummer, ändert nach einer Halbzeit plötzlich die Zielrichtung und verwendet den Rest der Songlänge sich in einen hypnotischen Rocksong zu verwandeln. In der erste Single California rappt Anderson fast eine wütende Hassliebes-Erklärung auf den US-Bundestaat untermalt von einem Gitarren-Drone-Teppich. Diese beiden Elemente sind es auch, die der Vielseitigkeit des Albums das nötige Gewicht zur Seite stellen. In ihren Gitarrenparts wechselt Anderson zwischen akustischer Zurückhaltung, eindrucksvollen Drone-Parts und richtigen Gitarrenriffs. Ebenso schafft sie es aus ihrer warmen, zarten Stimme die verschiedensten Emotionen und jede Menge Intensität herauszuholen. In Marked etwa schafft sie es mit einer gurrenden, kratzigen Stimme dem Song gleichzeitig Sex-Appeal und eine leise Verzweiflung zu verleihen. Die Verzweiflung und Düsternis von Gowns findet sich zwar auf allen Songs von Past Life Martyred Saints wird aber immer begleitet von einer ätherischen Schönheit oder gar leiser Euphorie, die sich beim Hören langsam aus den Liedern herausschält.
- Anspieltipps: California, Marked, Red Star
 
9. 
Oathbreaker – Mælstrøm  
(Hardcore/ Metalcore)


Oathbreaker sind die Nachfolgeband der belgischen Hardcoregruppe No Recess und ein Nebenprojekt des Amenra-Gitarristen. Nach einer guten, aber nicht spektakulären EP wurden sie vom nahezu unfehlbaren Label Deathwish Inc. gesignt und lassen mal eben mit ihrem neuen Album Mælstrøm die gesamte Konkurrenz alt aussehen. Musikalisch klingen Oathbreaker dabei jetzt mehr wie Labelkollegen Rise and Fall oder Converge und auch wenn es um Energie und Aggression geht brauchen sie diesen Vergleich kaum scheuen. Shouterin Caro schreit sich reichlich angepisst, aber trotzdem abwechslungsreich durch die Songs, die atemlos und wie vom Teufel besessen von einem Plateau zum nächsten springen. Highlights sind dabei Sink into Sin – I, dass die technische Finesse mit so etwas wie Eingängigkeit vermischt, der Brecher Black Sun, der sich bis zum Ende hin immer weiter absurd steigert und der abschließende akustische Titelsong in dem Caro ihre durchaus gute Singstimme unter Beweis stellen kann. Auch wenn ich großer Amenra-Fan bin, kann ich nur hoffen, dass Oathbreaker kein bloßes Nebenprojekt bleibt und bald noch mehr kommen wird. Potential ist auf jeden Fall so einiges vorhanden.
- Anspieltipps: Heirophant, Sink into Sin – I, Black Sun

8.
Des Ark – Don't Rock The Boat, Sink The Fucker  
(Singer-Songwriter/ Punk)


Die Songs von Des Ark funktionieren nach einem einfachen Schema, dass aber dennoch immer mitreißend bleibt. Auf der einen Seite ist Aimee Argot mit ihrer warmen, melancholischen Stimme und ihrer akustischen Gitarre. Dazu kommen an ausgewählten Stellen noch eine ganze Band, die Songs innerhalb von Sekunden von einer traurigen Ballade in einen wütenden oder aber euphorischen Rocksong verwandeln kann. Die Musik, die daraus entsteht könnte man unzureichend Folk Punk nennen, auf jeden Fall berührt und fesselt sie wie sonst kaum eine Andere. Argot erzählt dazu kleine Geschichten in denen sie unverblümt von Sex, Drogen und ihrem offensichtlich ereignisreichen (Liebes)-Leben erzählt. Ihre Stimme entzieht sich dabei einer leichten Beschreibung; mal hört man ihr Lächeln beim singen fast, mal klingt sie fragil und verletzlich, dann wieder aggressiv oder sexy. Die leider nur acht Songs auf Don't rock the Boat, sink that fucker kondensieren die entscheidenden Momente und Gefühle des Lebens einfach unnachahmlich gut. Eindrucksvollstes Beispiel dafür ist der erste Song My saddle is waitin (c'mon jump on it). Aus einer zarten, gezupften Gitarrenmelodie schält sich ein melancholischer Song, der langsam flotter und fröhlicher wird, kurz Anstalten macht Post-Rock-artige Züge anzunehmen bevor er vollkommen organisch zu einem Folk Rock-Hit wird. Argot schwankt dabei zwischen zögerlich-traurigem und selbstbewusstem Gesang im Chor mit sich selbst. Das trotzdem alles so spannend und wie aus einem Guss klingt ist danach bei allen Songs immer wieder ebenso verblüffend und am Ende der leider viel zu kurzen Achterbahnfahrt ist der Drang verdammt groß, sofort wieder von vorne anzufangen...
- Anspieltipps: My saddle is waitin (c'mon jump on it), Bonne Chance, Asshole, 
It's only a bargain if you want it

7.
Hawks & Doves – Year One 
 (Folk/ Post-Hardcore/ Singer-Songwriter)


Planes mistaken for Stars sind nach wie vor eine meiner absoluten Lieblingsbands und gleichzeitig das schmerzhafteste Beispiel einer Band, die ich erst entdeckt habe, nachdem sie sich bereits aufgelöst hatten und ich sie dazu noch unwissentlich als Vorband einer Converge-Tour verpasst hatte. Auch kann ich es bis heute nicht verstehen, wieso eine Band, die sich von einer intensiven und kratzbürstigen Emocore-Band langsam zu etwas noch viel intensiverem und fast schon erschöpfend emotionalem und aufgeladenem entwickelt hat, so unbekannt geblieben ist. Eine zentrale Komponente davon war Gared O' Donnells unvergleichbare Stimme, die jetzt endlich in Form eines lange angekündigten und von mir sehnlichst erwarteten Soloalbums (mehr oder weniger) zurück ist. Diese Stimme klingt einfach so herrlich kaputt, getränkt in Zigaretten, Whiskey, Sex und Schmerz, ein wenig wie die Hardcore-Variante von Tom Waits. Und das passt perfekt zu Year One, das er selbst als Soundtrack zu einem beschissenen Jahr bezeichnet hat. Die Härte ist hier im Gegensatz zu Planes mistaken for Stars deutlich zurückgeschraubt und auch die Intensität auf den ersten Blick nicht ganz so heftig. Doch das täuscht. Die zurückhaltendere Musik lässt noch mehr Raum für O'Donnell extrem düstere und oft fast schon unangenehm persönlichen Texte. Es geht um billigen Sex, billigeren Alkohol und immer wieder um den Schmerz und die Depression in O'Donnells Leben. Und wo die abwechslungsreiche Musik und die spannenden Texte Hawks & Doves bereits weit über den Durchschnitt „emotionaler“ Musik erheben ist es immer wieder diese Stimme, die Year One zu einem fantastischen Album machen. O' Donnell knurrt, fleht und schreit mit seiner Reibeisenstimme schmerzerfüllt immer am Rande der Selbstaufgabe und totalen Verausgabung.
Opener Another Hellfire Sermon oder das bereits vorher abgeändert erschienene Hush Money sind dynamische und getriebene Rocksongs, während die epischen I Do declare und Hexing an eine noch düstere Version von Planes mistaken for Stars erinnern. Der brutalste Track auf Year One ist jedoch gleichzeitig der ruhigste. 1217's besteht nur aus einer simplen Gitarrenmelodie und O' Donnells unglaublich leidenschaftlicher und erschöpft klingenden Gesangsdarbietung. Er beschreibt den Song auch selbst am besten: „But to be true this song is so gross and soul baring, I can hardly listen to it, it's like I invited the whole world in to the bathroom to watch me puke in the urinal“ Nach so viel Depression und Schmerz wartet am Ende von Year One dann mit dem Liebeslied North of Tenth doch noch ein unerwarteter Hoffnungsschimmer, der für O'Donnell eine neue Liebe nach einem schlimmen Jahr bedeutet und für den Hörer eine wohlverdiente Erholung bevor es in einen weiteren Hördurchgang geht.
- Anspieltipps: Hush Money, Say When, 1217's, Hexing, North of Tenth

6.
We Were Promised Jetpacks – In The Pit Of The Stomach  
(Alternative/ Indie)


In the Pit of the Stomach hat leider recht wenig Aufmerksamkeit bekommen und wurde dann oft in der Kritik nur als Fast-Kopie des Debüt-Albums der Jetpacks bezeichnet. Das Zweitwerk ist aber schon beim ersten Hören deutlich anders als These Four Walls. Es fehlt ein Hit wie Quiet little Voices, aber dafür sind Songwriting und Texte ausgereifter. Insgesamt ist In the Pit of the Stomach düsterer, lauter und auch sperriger. Nach einer Eingewöhnungsphase wird der Hörer dann aber mit Breitwand-Indie-Rock voller fiebriger Energie und leiser Melancholie belohnt, in denen die Poppigkeit zugunsten von mehr Wucht und Hymnencharakter zurückgeschraubt wurde. Opener Circles und Squares fällt gleich mit der Tür ins Haus und zeigt was die Band 2011 für Musik machen will. Wie auch auf den folgenden Songs werden tanzbarer Brit-Rock und die manchmal fast Post-Rockigen, epischen Songstrukturen und Gitarrenwände, die auf These Four Walls noch meist in getrennten Songs neben einander standen, gekonnt und absolut mitreißend vermengt. Das ist für manche Fans des ersten Albums bestimmt am Anfang überwältigend und bei oberflächlichem Hören manchmal zu viel des Guten. Aber genau das ist auch die größte Stärke von In the Pit of the Stomach: We were promised Jetpacks können alle Hemmungen fallen lassen und erschaffen so ein Indie Rock-Album im größtmöglichen Breitwandformat. Fast ohne Verschnaufpause geht es so bis zum Abschlusstrack Pear Tree, der noch einmal los lärmt, dann innehält und sich schließlich von einem Mantra-artigen Flehgesang zum bisher größten Lärmorgasmus von In the Pit of the Stomach steigert und damit endgültig klar macht, wieso die Jetpacks auch den passendsten Albumtitel des Jahres gewählt haben.
- Anspieltipps: Circles and Squares, Medicine, Boy in the Backseat, Pear Tree 

5.
Austra – Feel It Break  
(Synth Pop/ Electronic)


Auf dem Papier vereinen Austra ziemlich viel schreckliches. Sie werden oft als Mischung aus Synth Pop und diversen Wave-Begriffen beschrieben, haben viele 80er-Elemente in ihrem Sound und passen perfekt in die Hipsterkultur. Doch es steckt so viel mehr in dieser Band. Der Synthpop macht das ganze ungemein tanzbar, die oft düsteren Elektro- und Goth-Versatzstücke sowie natürlich die mächtige Stimme von Sängerin und Songwriterin Katie Stelmanis sorgen dagegen dafür, dass der Sound von Austra nie in eine reine 80er-Huldigung verfällt. Stelmanis Stimme ist dabei immer Mittelpunkt und Hauptattraktion von Austra. Sie klingt abwechselnd dramatisch oder verspielt und wird in ihrer erstaunlichen Variabilität und Dominanz als zentrales Instrument des Bandsounds benutzt. Das erinnert mich an Kate Bush oder auch an Bat for Lashes, hier wird aber der Gänsehautfaktor und die Dramatik ergänzt durch diese seltsam tanzbare Mixtur der Musik. Manchmal klingt es schon sehr nach 80er und Disco, aber dann kommt plötzlich ein unverkennbar moderner Beat oder eine in diesem Kontext überraschend düstere Melodie. Songs wie Lose it oder The Future sind deutliche 80er-Verbeugungen mit flatterhaft-dramatischem Gesang und furchtbar ansteckenden Tanzbeats. Andere Songs wie The Beat and the Pulse oder Spellwork dagegen verstecken diese Elemente in hypnotischen und düsteren Songstrukturen. Der letzte Track The Beast ist der ungewöhnlichste Teil von Feel it Break. Stelmanis' Stimme kann sich hier, größtenteils nur von einem Klavier begleitet, frei entfalten und zu erstaunlichen Höhen aufschwingen. Die restlichen Songs des Albums bewegen sich gekonnt zwischen diesen drei Punkten und sind dabei zwar auf den ersten Blick recht einheitlich, offenbaren aber bei mehrmaligem Hören einen Detailreichtum und eine Heterogenität, die Feel it Break auch über ein kurzweiliges Vergnügen für die Tanzfläche hinaus attraktiv machen.
- Anspieltipps: Lose it, Beat and the Pulse, Spellwork, The Noise

4.
All Pigs Must Die – God Is War  
(Hardcore/ Punk/ Crust)


All Pigs must Die sind schon auf dem Papier ein eindrucksvolles Projekt. Neben zwei Mitgliedern von Blood Horse sind Ben Koller (Converge) und Kevin Baker (The Hope Conspiracy) beteiligt. Auch auf Platte hält die Band genau das was der Name und seine Mitglieder versprechen: Kompromissloser Hardcore mit Metal-Schlagseite und Punk-Attitüde. Im Gegensatz zur 2010 erschienen EP sind die Songs noch ausgereifter, die Produktion besser und der Aggressionsfaktor noch einmal deutlich gesteigert. Es gab tatsächlich Leute,die sich beklagten Shouter Baker hätte sich zuvor gesanglich zurückgehalten. Meiner Meinung klang er schon auf der EP als ob er jeden Moment vor Wut platzen würde, aber auf God is War hat er sich gesanglich aber auch lyrisch noch mal gesteigert. Die Musik ist dazu passend brutal, strotzt vor Energie und das Gaspedal, abgesehen von einigen hervorragenden schleppenden Passagen, durchgehend voll durchegetreten. Die Produktion (von Kurt Ballou (Converge), mittlerweile wohl mein Lieblingsproduzent, auf jeden Fall aber der mit dem besten Geschmack) ist kristallklar und wirkt trotzdem irgendwie dreckig und trocken und sorgt damit endgültig dafür, dass aus God is War ein fast schmerzhaft gutes Hardcore-Monster wird.
- Anspieltipps: Death Dealer, God is War, Sadistic Vindicator

3.
Morne – Asylum  
(Sludge/ Crust/ Post-Metal)


Morne machen Musik irgendwo zwischen Sludge, Crust und Post-Metal und erinnern mich sowohl an die grandiosen Fall of Efrafa und natürlich ihre Vorväter im Geiste Neurosis und Isis. Doch auch wenn sie mit diesen Bands einen scheinbar nie endenden, genreüberschreitenden Einfallsreichtum gemeinsam haben, sind Morne eine absolut eigenständige und wieder erkennbare Band. Gleich der erste Song ist 17 Minuten lang, enthält aber soviel Dynamik und Kreativität, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Auch die anderen Songs sind durchweg sehr lang, was aber nie dem Zwang folgt, den viele andere progressive Bands scheinbar verspüren, sondern immer notwendig ist, um die ausufernde Verzweiflung ebenso wie noch ausuferndere Wucht der Musik ausreichend wieder geben zu können. Die heftigen Songs gewinnen durch melancholische Keyboard-Parts eine weitere Dimension und verstärken zusätzlich die majestätische Natur dieser Songbrocken. Die größte Stärke von Asylum ist aber, dass das Album komplexen „Kopfmetal“, mit enormen Melodiegespür und einer unvergleichlichen Heaviness verbindet ohne jemals zusammengestückelt zu klingen. Das perfekte Album für die dunkle Jahreszeit.
- Anspieltipps: Asylum, Edge of the Sky, My Return

2.
Laura Marling – A Creature I Don't Know  
(Folk/ Singer-Songwriter)


Als ihr erstes Album Alas, I can not swim herauskam war Laura Marling 17 Jahre alt und verblüffte alle Kritiker und Hörer. Ihr erfrischender Folk wurde von einer Stimme begleitet, die viel reifer und faszinierender klang als es eine 17-Jährige eigentlich sein dürfte. Dazu schrieb Marling Texte, die verspielt und lustig waren, aber auch eine unheimliche Lebensweisheit immer zwischen beruhigendem Augenzwinkern und leichtem Zynismus ausstrahlten. Die Weiterentwicklung bei ihrem nächsten Album I speak because I can war dann ebenso verblüffend. Musikalisch versierter, aber auch düsterer, textlich abstrakter und erwachsener.
Bei Marlings drittem Album A Creature I don't know ist der musikalische Sprung im Vergleich zu seinem Vorgänger auf den ersten Blick nicht mehr so dramatisch, zeigt aber eine Künstlerin, die durch ein turbulentes Leben und viele Live-Erfahrungen selbstbewusster geworden ist. Die Songs auf A Creature I Don't Know sind so abwechslungsreich wie noch nie zuvor, mal spartanisch, mal ausschweifend, immer aber getragen von Marlings hypnotischer, leicht unnahbarer Stimme, auf die doppelt so alte Sängerinnen neidisch wären. Diese Stimme setzt sie wie auch ihre musikalischen Einflüsse noch variabler ein. Opener The Muse wäre mit seiner leicht jazzigen Instrumentierung fast für die Tanzfläche geeignet. The Beast als anderes Extrem ist ein brodelndes Stück voller Sex und Wut, dass gegen Ende hin fast metal-artige Züge annimmt. Die erste Single Sophia entwickelt sich dagegen nach einem leisen Anfang zu einer Folk Rock-Hymne über eine zerbrochene Beziehung, einem Thema dem sich auf gänzlich andere Weise auch die traurige Gitarrenballade Night after Night widmet. Wie viel privates in die insgesamt ungewohnt wütenden Songs eingeflossen ist (Ihre Beziehung zu Marcus Mumford, der sie angeblich betrogen haben soll, zerbrach kurz zuvor) belibt unklar, da Marlings Texte scheinbar persönliche und intime Lyrics mit einer literarischen Distanz vermischt, die aber dafür den Interpretationsspielraum angenehm weit offen lassen.
Der letzte Song All my Rage beendet das hervorragende dritte Album von Laura Marling auf einer fröhlichen Note mit einem stampfenden Folk Song, der wie ein altes Traditional klingt und trotzdem auch sofort als Marling-Song erkennbar ist. Es ist unheimlich und aufregend sich vorzustellen, was diese Frau nach so einem Album noch alles erreichen kann, denn man kann es nicht oft genug betonen, Laura Marling ist erst 21! Die letzte Widmung in den Liner Notes von A creature I don't know „Here's to love and logic, two creatures of unceasing cruelty, and endless joy.“ dient somit nicht nur als mögliche Erklärung des Albumtitels, sondern zeigt dem Hörer gleichzeitig was Marling in ihrer hoffentlich noch langen Karriere noch verstehen, erleben und zu Musik machen kann.
- Anspieltipps: The Muse, Rest in the Bed, Sophia, All my Rage

1.
Zola Jesus – Conatus  
(Synth Pop/ Noise/ Gothic)


Conatus ist die logische Weiterentwicklung von Zola Jesus' Ep's Stridulum und Valusia aus dem letzten Jahr, die sie weg vom Lo-Fi und hin zu theatralischem Synth Pop führten. Auch Conatus hat alle Bestandteile, die Zola Jesus für mich zur Künstlerin des Jahres 2010 machten: Dramatische Popmusik mit Synth- Gothic- und Industrialelementen und Nika Roza Danilovas operntrainierte Riesenstimme im Mittelpunkt. Seit Stridulum hat sich also musikalisch nicht viel verändert, viel mehr hat Danivola ihren Pop-Appeal und ihre Tanzbarkeit ebenso perfektioniert wie ihre Gänsehaut bescherenden Melodien. Songs wie Hikikomori oder Seekir würden ohne weiteres in der Disco funktionieren ohne dabei flach zu wirken. Alle Songs überschwemmen den Hörer nach wie vor mit dick aufgetragenen, aber trotzdem irgendwie zu jeder Zeit authentisch wirkenden Emotionen. In Ixode, einem der besten Songs auf Conatus schafft Danilova dies sogar ganz ohne verständlich gesungene Worte nur mit ihrer unglaublich ausdrucksstarken Stimme. Neu sind auf Conatus stärkere 80er-Elemente, am deutlichsten im Song Seekir und am anderen Ende der musikalischen Skala Noiseteppiche (vor allem im letzten Track Collapse, der zeitweise fast nach Fuck Buttons klingt), die ebenso gekonnt die Klanglandschaft von Zola Jesus bereichern.
Die Texte sind passend zur Musik und Danivolas Stimme dramatische Liebesdeklarationen oder Reflektionen über die Einsamkeit voll von großen Gesten und plakativen Zeilen, die aber gerade im Kontext von Musik und Stimme nie pathetisch oder falsch wirken, sondern den Hörer sofort in den Sog von Danivolas Gefühlslandschaft ziehen. Im Gegensatz zu den bisherigen Releases schafft es Conatus noch besser, den Bombast mit einer großen Wärme und intimität zu verbinden und insgesamt mehr wie das Schaffen einer ganzen Band zu klingen. Eine Entwicklung, die sich besonders live auszahlt, wo die neuen Songs vor allem dank eines echten Drummers noch mächtiger und berührender wirken. Aber auch auf Cd bleibt das Album eines der besten Herbstalben, in dem sich zum Glück auch noch genug Sonnenstrahlen für die nächsten Frühlingsgefühle verstecken...
- Anspieltipps: Vessel, Hikikomori, Ixode, Collapse


Nächste Woche geht es weiter mit den Alben, die den Sprung in die Top 30 mehr oder weniegr knapp verpasst haben, meinen Enttäuschungen und allem dazwischen...

Sonntag, 11. Dezember 2011

Meine Lieblingsmusik 2011 - Teil II: Alben Platz 16-30

Link Teil 1: Musikvideos


Dieses Jahr gab es wirklich extrem viele gute Alben und ich habe mehr noch als in den letzten Jahren sehr unterschiedliche und auch verdammt viel Musik gehört. Das führte nicht nur dazu, dass nahezu mein gesamtes Geld für Cd's, Mp3's, Platten, Merchandise und Konzerte drauf ging, sondern auch dazu, dass ich eine Menge sehr gute Alben zu hören bekam, die eine immer extensivere Jahresendliste erzwangen und die endgültige Auswahl der "besten" Alben zu einer spaßigen Qual machten. 2011 ist für mich persönlich das Musikjahr in dem verschiedene Formen von Metal und "heftiger" Musik wieder ein größeres Comeback in meinem Leben machten und so für eine noch kontraststärkere Liste sorgen. Auch dieses Jahr ist die Liste wieder überraschend Frauen-domininert, für jemanden, dessen Horizont vor 10 Jahren nicht wirklich über Musik "gemacht von Männern" hinausging...Alle Alben sind zur Orientierung (und Warnung) mit einer ungefähren Genre-Eingrenzung gekennzeichnet.    

30. 
Thees Uhlmann – Thees Uhlmann  
(Deutschrock/ Indie)


Ich habe Tomte nie wirklich gehört, es war einfach nie so wirklich mein Ding, ebenso wie Kettcar oder Tocotronic. Ich mag mittlerweile die Sachen der Band, aber Fan werde ich nie wirklich werden. Thees Uhlmanns erstes Soloalbum gefällt mir dafür überraschenderweise ziemlich gut. Man merkt einfach, dass Uhlmann hier alle Schwere und Bedeutsamkeit seiner Hauptband ablegt und endlich einfach mal drauf losrockt und Spaß hat. Musik und Texte schwanken bei allen Liedern zwischen nostalgischer Lagerfeuerromantik und routiniertem Deutschrock. Das ist natürlich nie innovativ oder bahnbrechend, aber das muss und will es auch gar nicht sein. Stattdessen gibt es ein persönliches Album mit ehrlichen Texten über elementare Themen wie die Liebe und das erwachsen werden. Natürlich gibt es da auch ein paar gruselige Textstellen ("Dein Herz ist wie eine Berliner Synagoge - Es wird Tag und Nacht bewacht" *schüttel*) oder billige Melodien, doch der Großteil von Thees Uhlmann ist mitreißend, tanzbar und hervorragend geeignet zum mitsingen. Und wenn man dann noch das herrlich nostalgisch-kitschige Video zum besten Song Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf (auch ein Anwärter auf den besten Songtitel des Jahres!) und Uhlmanns Auftreten live, in Interviews oder bei Facebook verfolgt, weiß, hier ist nichts kalkuliert oder geglättet. Der Mann freut sich einfach wie ein kleines Kind an Weihnachten, endlich mal sein Ding durchzuziehen und ist ehrlich überrascht und oft sprachlos, dass er auch kommerziell mit dieser Herzensangelegenheit einen zweiten Frühling erlebt. Dieses erfrischende Verhältnis zur eigenen Musik verstärkt die bereits in der Musik steckende Ehrlichkeit und Natürlichkeit noch einmal und steckt sofort an.
- Anspieltipps: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf, 
17 Worte, Die Toten auf dem Rücksitz, Römer am Ende Roms


29. 
Lykke Li – Wounded Rhymes  
(Indie/ Pop)


Lykke Li hat auf Wounded Rhymes das naiv-süßes Image gegen ein düster-erotisches eingetauscht und es steht ihr außerordentlich gut. Sie macht immer noch unwiderstehliche Popsongs aber jetzt mit mehr Ecken, Kanten und eben auch Texten wie „I'm your prostitue – come and get some“. Was sofort auffällt ist die prominente, oft ungewöhnliche Percussion, die sich durch die Songs zieht und viele der Nummern gleichzeitig tanzbar macht, ihnen aber auch eine mysteriöse, exotische Note verleiht. Die Instrumentierung schafft es auf spannende Weise Songs zu gestalten, die auf den ersten Blick wie lupenreine Pop-Perlen wirken, ohne in die üblichen Fallen von Austauschbarkeit und mangelnder Langzeitwirkung zu treten. Wounded Rhymes besteht dabei zu gleichen Teilen aus stampfenden Tanznummern und langsamen Liedern zwischen Melancholie und großer Dramatik. Die Themen schwanken zwischen den hellen und dunklen Aspekten von Liebe und Sex, mit sratker Tendenz zu den Dunkleren. Neben der bereits erwähnten, ausgeprägten Erotik ist dabei besonders verwunderlich und auch aufregend wie düster und persönlich das Dargebotene oft klingt. Und das sei abschließend noch ein mal erwähnt: Auf Wounded Rhymes gibt es nur Hits, ohne das Lykke Li eine gleichförmige, oder austauschbare Popsängerin werden würde.
- Anspieltipps: Youth knows No Pain, Get Some, Sadness is a Blessing, Silent my Song


28. 
Liturgy – Aesthethica  
(Black Metal)


Hunter Hunt-Hendrix, Haupt-Songwriter von Liturgy polarisiert die Metalszene sehr. Er schreibt Manifeste zum Stand des Black Metals, faselt äußerst intellektuell über die Musikrichtung und nimmt sich allgemein viel zu ernst. Das mag Fans und Musiker, die aktiv in der Szene sind, nerven und stören, mich als Teilzeit-Black-Metalhörer stört das aber nur wenig und ich kann es wunderbar von der Musik trennen. Aesthethica ist davon abgesehen nämlich ein technisch eindrucksvolles, hyperschnelles Stück Black Metal. Auf den ersten Blick sind die konstanten Noiseattacken und die sich in absurde Geschwindigkeitstaumel steigernden Songs anstrengend und können mit der falschen Einstellung schnell zu Kopfschmerzen führen. Gerade diese machen aber auch den Reiz dieser Cd aus. Die heulenden Tremolo-Gitarren, brutalen Blast Beats und der Kreischgesang erzeugen im Gegensatz zu den meisten Black Metal-Bands bei mir eher eine Art Euphorie. Der ganze Körper schwingt beim Hören von Aesthethica mit und die manischen Songstrukturen erzeugen schnell eine innere Unruhe ebenso wie ein breites Grinsen. Liturgy machen natürlich keine fröhliche oder gar angenehme Musik, sind aber auch meilenweit davon entfernt typischen Black Metal zu machen und die damit assoziierten Gefühlsregungen zu erzeugen. Aesthethica ist keine schwarze Wand voller Hass, sondern mehr wie ein vertonter, epileptischer Anfall, aber auf eine gute Weise, wenn auch leicht schmerzhaft. Diese kaum auszuhaltende Euphorie wird in zwölf atemlosen Wall of Sound-Ungetümen voll effektiver Wiederholungen und Steigerungen konserviert und an den Hörer weitergegeben. Da ist es ehrlich gesagt scheißegal, ob die zugehörige Band sich für intellektuell hält oder aussieht wie eine Pseudo-Emo-Band auf MTV. 
- Anspieltipps: Returner, Tragic Laurel, Harmonia

27. 
Pianos Become The Teeth – The Lack Long After 
(Screamo/ Post-Hardcore)


The Lack long after platzt fast vor Gefühlen und ist teilweise in seiner Intensität kaum zu ertragen. Pianos become the Teeth machen Screamo, der sich zwar an Bands aus den 90ern orientiert, aber um einiges heavier klingt und eine deutliche Schlagseite zu (emotionalem!) Hardcore hat. Sänger Kyle Durfey schreit sich in allen Songs die Seele aus dem Leib und legt soviel Schmerz, Verzweiflung und Sehnsucht in seine Stimme, dass man sich als Zuhörer vor Gänsehautschauern kaum retten kann. Seine Stimme ist dabei für Genreverhältnisse nicht nur überdurchschnittlich aussagekräftig, sondern auch variabel. Schon der Opener I'll be damned ist dabei ein heftiger und variabler Hardcoresong auf dem Durfey, wie auch auf dem gesamten Album, die schwere Krankheit und den frühen Tod seines Vaters verarbeitet. Durch die Persönlichkeit der Texte entfalten Pianos dabei im Gegensatz zu anderen, vergleichbaren Bands noch eine größere Identifikationskraft und Unmittelbarkeit für den Hörer. In der Mitte von The Lack Long After steht Liquid Courage, dass mit Explosion in the Sky-artigen Gitarren fast nach Post-Rock klingt und einen halben Ruhepol bildet, bevor es mit einer Eruption in den Song Spine übergeht und damit die zweite Hälfte des Albums einläutet. Die restlichen Songs sind eine Mischung aus chaotischem Screamo und melodischem aber äußerst heftigem, modernen Hardcore, der einen packt und nicht mehr loslässt. I'll get by, der letzte Song von The Lack Long After ist dann ein epischer Mid-Tempotrack auf dem noch mal alle aufgewühlten Emotionen hoch kommen und es bis zuletzt unklar bleibt, ob Durfey selbst oder ich als Hörer zuerst in Tränen ausbrechen werde. Mit nur 8 Songs ist das Album zwar scheinbar kurz, aber auch auf positive Weise so anstrengend und erschöpfend, dass es vollkommen ausreicht.
- Anspieltipps: I'll be damned, Spine, I'll get by

26. 
Bon Iver – Bon Iver  
(Folk/ Singer-Songwriter)


Die obligatorischen Dinge, die sonst in jedem Bon Iver-Artikel mindestens den ersten Absatz einnehmen gleich mal vorweg: CD-Aufnahmen in einsamer Hütte, Pitchfork, Hype, Hype, Hype, Kanye West. Okay weiter geht’s. Das zweite Album von Bon Iver ist weniger spartanisch als der gefeierte Vorgänger For Emma, Forever ago, es gibt mehr Instrumente, mehr Produktion, mehr Stilrichtungen. Was bleibt ist Justin Vernons vielseitiger Falsettogesang und die schönen, zarten Songs voller Melancholie. Für den Überraschungseffekt sorgen diesmal eher die größer angelegten Arrangements und die deutlich sichtbare Liebe für die 80er, die sich aber beide harmonisch in den musikalischen Kosmos von Bon Iver einfügen. Die Einzigartigkeit und unheimliche Geschlossenheit von For Emma, forever ago ist zwar weg, dafür scheint es so, als ob Vernon erstmals alle seine musikalischen Ideen und Marotten ausleben konnte.
- Anspieltipps: Perth, Holocene, Calgary

25. 
Subrosa – No Help For The Mighty Ones 
(Doom Metal/ Sludge/ "Pop")


Subrosa sind im weitesten Sinne eine Doom Metal Band. Es gibt tonnenschwere Riffs und Drums, sowie einen insgesamt trostlos düsteren Sound. Doch darüber hinaus steckt in No Help for the mighty Ones viel mehr. Zwei elektrische Celli geben den Songs eine zutiefst melancholische und dramatische Note und fügen sich dabei trotz ihrer Dominanz erstaunlich organisch in den Gesamtsound ein. Ein weiterer Punkt, der Subrosa meilenweit über das Niveau vieler vergleichbarer Bands erhebt ist der Gesang. Es gibt drei Sängerinnen, die sich abwechselnd oder gemeinsam in schönen Harmonien, meistens singend, manchmal effektiv growlend/schreiend, die Ehre geben und immer aufregend und dynamisch klingen. Darüber hinaus wird der Doom-Sound noch ergänzt von Stoner Rock- Sludge- und Folk-Elementen, was aber nie zusammengestückelt, sondern stets passend und spannend zugleich klingt. In ihrer Vielseitigkeit und dem erfolgreichen Spagat zwischen mitreißender Eingängigkeit und kompromissloser Heaviness erinnern mich Subrosa oft an eine Doomversion von Kylesa, auch wenn sie natürlich absolut ihr eigenes Ding durchziehen.
- Anspieltipps: Borrowed Time, borrowed Eyes, The Inheritance, Dark Country

24. 
James Blake – James Blake  
(Electronic/ Dubstep)


James Blake wird teilweise schon fast als neuer Heiland in der elektronischen Musik gefeiert. Das ist sicher übertrieben. Blakes Musik ist sehr schön, aber auch nicht weltbewegend. Das soll aber keine Geringschätzung sein, denn sehr gut ist es ja schon was der junge Engländer da macht. Sein minimalistischer, aber dennoch detailverliebter Elektro-Klavier-Mix wird ergänzt von Blakes klarer, melancholischer Stimme und schafft so wunderbar verträumte und sehnsuchtsvolle Stücke. Am auffälligsten ist zunächst das Feist-Cover Limit to your Love, das als dramatische Klavierballade beginnt und durch vorsichtig hinzugefügte Dubstep-Elemente ein spannendes, neues Gesicht bekommt. Doch auch seine eigenen Songs können mit diesem Niveau mithalten und bewegen sich dabei immer zwischen den Polen Klaviermusik und Dubstep. Der vielfach gedoppelte, verzerrte und manipulierte Gesang erinnert dabei, genau wie die musikalische Grundstimmung, oft an Justin Vernon, der das mit Bon Iver perfektioniert hat. Genau wie Vernon macht James Blake Musik, die volle Aufmerksamkeit und den Willen sich auf das Gehörte einzulassen, erfordert. Sonst entgehen einem die vielen Nuancen der Songs und die Schönheit der Musik kann untergehen in ihrer bei oberflächlicher Betrachtung möglicherweise empfundenen Gleichförmigkeit und Einfachheit. Denn dahinter verbergen sich elf Songs, die zwar wie aus einem Guss wirken, aber trotzdem ganz unterschiedliche Stimmungen transportieren. Da wäre etwa Lindisfarne II, dass wie das musikalische Äquivalent eines schüchternen Lächeln klingt. Am anderen Ende des Spektrums sorgt das gespenstische und endlos traurige Why don't you call me für ähnliche Gänsehautschübe. Es lohnt sich auf jeden Fall auch den anderen Songs des Albums die nötige Zeit zu geben, ebenso wie den EP's die in diesem und dem letzten Jahr erschienen sind und James Blake, neben einem der interessanten Künstler auf jeden Fall auch zum fleißigsten der Gegenwart machen.
- Anspieltipps: The Wilhelm Scream, Lindisfarne II, Limit to your Love, Why don't you call me

23. 
KEN Mode – Venerable  
(Noise Rock/ Hardcore/ Sludge)


Und schon wieder Kurt Ballou! Der Gitarrist von Converge produziert wirklich jedes Jahr mindestens ein Album, dass es in meine Jahresbestenliste schafft. Dieses Mal sind es gleich drei (All Pigs must Die, Des Ark und eben KEN Mode). Ob er sich wirklich immer nur die besten Bands heraussucht oder aktiv die Bands zu etwas erst richtig gutem macht ist nicht immer klar, aber auf jeden Fall ist auch Venerable ein großartiges Album mit äußerst passender Produktion. KEN Mode sind ein Trio aus Kanada, das Noise Rock mit metallischer Schlagseite macht. Musikalische Orientierungspunkte sind für mich Knut, Coalesce oder Botch (ich kenne mich allerdings nicht allzu gut aus in diesem Bereich), allerdings mit etwas weniger Experiment/Chaos und dafür viel Groove. Die Brüder Jesse und Shane Mathewson sowie Neuzugang Thérèse Lanz bilden eine extrem eingespieltes Team und klingen dank Kurt Ballous Produktion zu allen Zeiten unglaublich mächtig. Wenn ich den Effekt, den KEN Modes Musik auf mich hat, beschreiben soll, fallen mir nur die englischen Begriffe „pummeling“ und „devastating“ ein, die sich übersetzt nur schwer sinnvoll in diese Kritik einfügen lassen. Und eigentlich bin ich auch viel zu beschäftigt mir beim headbangen vor dem PC das Genick auszurenken oder mich beim Air-Drums spielen bis zur völligen erschöpfung zu verausgaben, um dieses heftige Stück Musik sinnvoll zu beschreiben. Abschließend sei nur noch angemerkt, dass Venerable auf dem Label Profound Lore erschienen ist, die in letzter Zeit gefühlte 2/3 aller guten Metal-Releases herausbringen. Also anhören!
- Anspieltipps: Obeying the Iron Will..., Batholith, Never was

22. 
My Brightest Diamond – All Things Will Unwind  
(Folk/ Chamber Pop/ Singer-Songwriter)


All Things will unwind war eines meiner meist erwarteten Alben dieses Jahr und kann meine vielleicht auch unfair hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängeralben sind die Rockelemente noch weiter zurückgestellt. Stattdessen macht Shara Worden hier gemeinsam mit dem Klassik-Ensemble ymusic so etwas wie Kammerpop. Die wunderbare Theatralik in Stimme und Musik ist immer noch da, aber es fehlt das düstere, unheimliche zugunsten von verspielteren und fröhlicheren Nummern. Natürlich kann man einem Künstler nicht vorwerfen, dass er persönliches Glück und Fröhlichkeit in seine Musik einfließen lässt, doch vermissen werde ich es trotzdem. Bevor das hier aber wie eine negative Kritik klingt, All Things will unwind ist immer noch ein sehr schönes Album. Die Zusammenarbeit mit ymusic führt zwar gelegentlich zu weniger Abwechslungsreichtum und Spannung, ergänzt und umschmeichelt Shara Wordens absolut einzigartige Stimme dafür aber perfekt. Opener We added it up ist ein verspielter Song über die Liebe, die alle Gegensätze besiegen kann. Dieses Lied zeigt schon wunderbar, was Shara Worden so einzigartig macht. Sie singt scheinbar problemlos auf diese unglaublich komplexe, vielseitige und dramatische Art und man merkt ihr dabei zu jedem Moment den Spaß an, den sie hat. Und ihre Stimme ist auf diesem Album nach wie vor fantastisch und vielleicht so gut wie noch nie. Die aufregende und eingängige Vorabsingle Reaching through to the other Side und das sich langsam zu einer kleinen Explosion tänzelnde Be brave sind auf den ersten Blick die besten Songs. Beide haben jede Menge Drama und einen guten Spannungsbogen. There's a Rat ist für My Brightest Diamond-Verhältnisse zunächst ungewöhnlich wütend und zynisch, macht aber auch gerade deswegen Spaß. Abschließendes Highlight ist der Quasi-Titeltrack Everything is in Line, ein atemberaubendes, unheimlich harmonisches Duett mit DM Stith, dass sich in fantastische Höhen schraubt. Dazwischen befinden sich ein paar Songs, die leider nicht so richtig zünden wollen, aber von einem mittelmäßigen Album ist All Things will unwind natürlich immer noch meilenweit entfernt.
- Anspieltipps: Reaching through to the other Side, Be Brave, Everything is in Line

21. 
Mamiffer - Mare Decendrii  
(Ambient/ Post-Rock)


Das Ehepaar Faith Coloccia (Everlovely Lightningheart) und Aaron Turner (Isis, Old Man Gloom, 5000 andere Projekte) sind unbestreitbar ein Traumpaar experimenteller Musik und Mamiffer scheint jetzt ihre Hauptaufmerksamkeit zu bekommen, nachdem sich die jeweiligen Vorgängerbands aufgelöst haben. Im Gegensatz zum ersten Album Hirror Enniffer, auf dem die Songs noch kürzer und zugänglicher waren (und Turner nur Gastmusiker war), sind auf Mare Decendrii nicht nur die Songlängen, sondern auch der Noise- und Ambient-Anteil gestiegen. Die neuen Songs sind schwerer zugänglich und erinnern mehr an Coloccias vorherige Band Everlovely Lightningheart. Anders aber als dort wird bei Mamiffer ein größeres Augenmerk auf Spannungsbögen und Songstrukturen gelegt. Neu ist auch die Erweiterung von Songelementen: Streicher, Chöre oder eine für Gänsehaut sorgende Gesangsdarbietung des finnischen Künstlers Mika Rättö (Circle) vertiefen das Hörerlebnis immens. Wie alle Musik des Ehepaars Turner-Coloccia erfordert auch Mare Decendrii die volle Aufmerksamkeit von seinem Hörer. Wer sich aber darauf einlässt wird belohnt mit einem fast schon außerweltlichen und ätherischen Hörerlebnis, das einen so schnell nicht mehr loslässt.
- Anspieltipps: We speak in the Dark, Iron Water

20. 
Dillon – This Silence Kills  
(Indie/ Singer-Songwriter/ Electropop)


Dillon ist die 23-jährige Dominique Dillon de Byington. Sie macht grandiose Musik irgendwo zwischen Electropop, Klaviermusik und "Indie-Operette" (Quelle: Intro-Magazin). Gesanglich erinnert sie dabei an Lykke Li, Karin Dreijer Andersson und Joanna Newsom, aber ohne wie eine Kopie zu klingen. Auch musikalisch teilt sie zwar einige der Sounds, sowie die Exzentrik und Vielseitigkeit dieser Damen, erschafft aber auf ihrem Debütalbum einen eigenen, eigenständigen und umwerfenden, musikalischen Kosmos.

Dillons oft süß und kindlich klingende Stimme und die stellenweise niedlich-beschwingte Musik wirkt dabei als spannender Kontrast zu den direkten Texten und oft überraschend düsteren Musikelementen, die sich in den Songs verbergen. Das Ergebnis ist ein Album, das gleichzeitig zum tanzen und fröhlich sein einlädt, ohne dabei seine melancholische, gar unheimliche Grundstimmung zu verlieren. Es gibt Ohrwürmer wie Tip Tapping oder Hey Beau, die klingen wie ein älterer Lykke Li-Song, gekreuzt mit einer Zirkusmelodie. You are my Winter und Undying Need to Scream dagegen sind melancholisch-verträumte Klavierballaden, angereichert durch sanfte Elektronik. Thirteen Thirtyfive wiederum lebt nur vom Klavierspiel und dem außergewöhnlichen Gesang von Dillon und schafft den Spagat gleichzeitig wie ein süßes Liebeslied und dennoch absolut verstörend zu wirken. Diese Qualität haben viele der Songs und machen somit Dillon nicht bloß zu einem weiteren Indie-Hype, sondern zu einer Künstlerin voller spannender Widersprüche und immer einem Hauch von Mysteriösität.

Knackpunkt für viele Hörer wird dabei von Beginn an Dillons Stimme sein, die ähnlich extravagant, unperfekt und ungewöhnlich klingt wie die im ersten Absatz erwähnten Sängerinnen. Doch ebenso wie diese, gibt es auf This Silence Kills eine Künstlerin zu hören, die ihre Stimme als ausdrucksstarkes und äußerst emotionsintensives Instrument einsetzt und nicht bloß auf klassische und langweilige Art und Weise vor sich hin singt.

- Anspieltipps: Tip Tapping, Your Flesh against mine, You are my Winter, Texture of my Blood

19. 
Basement – I Wish I Could Stay Here  
(Melodic Hardcore/ Punk)


Basement aus England machen melodischen Hardcore und haben mit I wish I could stay Here ein gleichermaßen eingängiges wie tiefgründiges Album geschaffen. Die letzten Zeilen des Openers Fading „Everything I had will fall apart. Nothing stays the same“ sind ebenso simpel wie passend, um Musik und Stimmungslage von Basement zu beschreiben. Es geht um verlorene Liebe, ein oft sinnloses Leben voller Einsamkeit und Traurigkeit, aber letztendlich auch um Neuanfänge und einen Funken Hoffnung. Transportiert werden diese Themen von Andrew Fishers leicht rauer, aber vor allem extrem emotionalen Stimme, die einen sofort in den Strudel aus widerstrebenden Stimmungen zwischen Verzweiflung, Melancholie und Hoffnung zieht. Die Musik dazu bleibt immer eingängig, ohne dabei jemals ihre Authentizität zugunsten von billigen Pop- oder Emomomenten aufzugeben. Das alles ist zwar weder musikalisch noch thematisch etwas wirklich neues, aber die dargebotenen Songs und auch die damit verbundenen Gefühle klingen immer echt und aufrichtig. Die sich schnell abwechselnden Stimmungen des Albums finden einen treffenden Abschluss in den ambivalenten letzten Zeilen „No more waiting for you. No more waiting for me.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer in dunklen Zeiten. Das gilt ebenso für Basement als Band, wie für ihre Musik auf diesem Album.
- Anspieltipps: Fading, Crickets throw their Voice, Yoke, March

18. 
Book of Black Earth – The Cold Testament  
(Blackened Death Metal)


Es überrascht mich immer noch, dass mir The Cold Testament so gut gefällt. Die Mischung aus technisch anspruchsvollem Death Metal mit Black Metal-Anteilen und einer extremen Eingängigkeit und "Headbang-Qualität" lassen mich immer wieder nostalgisch werden zu einer Zeit in der ich hauptsächlich Metal gehört habe. Aber auch ohne diesen Bonus ist die neue Cd von Book of Black Earth ein sehr gutes Album, auf dem sich ausschließlich Hymnen befinden. Vom pfeilschnellen Opener Weight of the World bis zum schleppenden Abschlusstrack I see Demons hat The Cold Testament keinerlei Schwachpunkte und dafür viele Highlights, wie der hervorragende Mitgröhlsong Road Dogs from Hell oder das um einen spannenden Interviewausschnitt herum aufgebaute Termination. Still sitzen fällt auf jeden Fall schwer.
- Anspieltipps: Antarctica, Irritating Spectre, Road Dogs from Hell

17. 
Lisa Hannigan – Passenger  
(Singer-Songwriter/ Folk/ Pop)


Eigentlich schreibt Lisa Hannigan nur Liebeslieder. Unabhängig von Themen oder Stimmungen in ihren Songs, transportiert ihre unglaublich warme und natürliche Stimme immer eine ansteckende Lust am Leben und der Musik. Ihr zweites Soloalbum beginnt mit Home, dem ungewöhnlichsten Song des Albums. Mit Streichern und dramatischer Instrumentierung klingt er irgendwie voller und wuchtiger als andere Songs der Irin. Hannigans Stimme steht aber dennoch nach wie vor unangefochten im Mittelpunkt und vermittelt wie auch auf dem Rest des Albums sofort ein Gefühl von Geborgenheit und beruhigender Zuversicht. Ein weiterer Höhepunkt ist die erste Single Knots, die mit Ukulele beginnt und sich im Laufe von 3 ½ Minuten, durch Hinzuziehen immer neuer Instrumente, zum bisher tanzbarsten Song von Lisa Hannigan entwickelt. Bei ihrem Gesang kann man das Lächeln förmlich hören und sobald Hannigans Stimme einsetzt geht auch hier einfach die Sonne auf. Der Rest von Passenger ist nicht großartig anders als ihr erstes Soloalbum Sea Sew. Ansteckend fröhliche Lieder wie Knots oder What I'll do wechseln sich ab mit zärtlichen Balladen wie Little Bird oder dem süßen Safe travels, (don't die). Insgesamt wirken die Lieder hier lediglich noch etwas runder und durchdachter. Aber das ist auch nicht schlimm, denn die Vielfältigkeit und Schönheit von Hannigans Stimme wird sich so schnell nicht abnutzen. Ihr Weg vom oft einzigen Lichtblick in Damien Rices düsteren Liedern hin zur eigenen helleren und bunteren Welt ist Hannigan vollends gelungen und war auf jeden Fall eine gute Entscheidung. Manchen mag das auf Passenger gebotene zu kitschig oder süß sein, aber wenn Lisa Hannigans letzte Albumzeilen „You'll never have nowhere to go“ verklungen sind bin ich gerne bereit an eine bessere Welt und ein glücklicheres Leben zu glauben.
- Anspieltipps: Home, Knots, Passenger, Safe travels, (don't die)

16. 
Krallice – Diotima  
(Black Metal)


Diotima ist ein durch und durch „anstrengendes“ Album. Fast 70 Minuten lang und mit dem Großteil der Songs über 10 Minuten Länge. Die Texte sind intelligente, philosophische Abhandlungen (Diotima selbst ist eine Figur in Platons Dialog, die ihn über die Natur des Eros belehrt), die Aufmerksamkeit und Nachdenken erfordern. Und die Musik ist ein komplexes, extrem abwechslungsreiches und erschöpfendes Lehrstück modernen Black Metals.
Für wen das jetzt alles abschreckend klingt, dem sei versichert: Diotima kann problemlos auch ohne Vorwissen gehört werden und benötigt keine höhere akademische Bildung. Es ist eine unerbittliche und süchtig machende Metalplatte, die auch einfach Spaß macht. Trotzdem finde ich es erfrischend und auch eindrucksvoll, dass es gerade in einem Musikbereich, wo es oft oberstes Ziel zu sein scheint, möglichst böse und misanthropisch rüber zu kommen, eine Band gibt, die fast liebevoll alle Aspekte und Details ihrer Musik konstruiert. Mir als Black Metal-Laien fallen dann auch sofort die Gegensätze zu vielen anderen Bands auf. Die bereits erwähnten Texte liegen auf dem anderen Ende des Spektrums von simplen Satans- und Mordlyrics. Der Gesang bewegt sich meistens im äußerst tiefen Bereich, bietet aber auch verhältnismäßig viel Abwechslungsreichtum. Die Musik selbst befindet sich genreüblich immer zwischen ultraschnellen und hypnotisch langsamen Tempi, aber füllt beide Kategorien mit genug Abwechslung, Detailreichtum und Spielfreude für fünf herkömmliche Alben. Die Songs einzeln zu beschreiben wäre nur unzureichend machbar und würde auch den Rahmen hier sprengen. Es gibt jedoch keinerlei Schwachpunkte und jeder Song doppelt, wie auch das Album als Ganzes, simultan als mitreißende Metaldosis und lärmende, kathartische Erfahrung.
- Anspieltipps: The Clearing, Telluric Rings


Morgen gehts weiter mit der Top 15...

Sonntag, 4. Dezember 2011

Meine Lieblingsmusik 2011 - Teil I: Musikvideos

Das ist Teil I (von voraussichtlich 7 oder 8) meiner dieses Jahr viel zu ausführlich geratenen aber dafür auch sehr vielfältig geratenen Jahres-Endliste für Musik. Die anderen Teile folgen in den nächsten Tagen und Wochen vor Weihnachten...  

Musikvideos sind mittlerweile endgültig zu einer reinen Internetsache geworden, nachdem das Musikfernsehen seit einer Weile absolut tot und begraben ist. Das macht vieles einfacher. Auch kleine Bands können mit ihren oft sehr kreativen und künstlerisch wertvollen Videos ein großes Publikum erreichen und der geneigte Zuschauer hat eine riesige Auswahl kostenlos und immer präsent abrufbar ohne auf MTV und Co. angewiesen zu sein...ja wäre da nicht die GEMA. In einem Jahr mit extrem vielen guten Musikvideos ist es zunehmend frustrierend, dass dank des Verhandlungsstillstandes zwischen youtube und der GEMA praktisch 1/3 bis die Hälfte aller Videos für deutsche Nutzer gesperrt bleiben. Das ist sicher nicht im Sinne der Bands und ich hoffe 2012 bringt endlich mal eine Änderung. Trotzdem hier der Versuch meine liebsten Musikvideos aus diesem Jahr zu verlinken (zum Glück gibt es auch noch vimeo):



Matthew Dear - Slowdance: Eine schöne und mysteriöse Frau räkelt sich verträumt auf dem Bett halb verborgen hinter schnellen Schnitten und abstrakten Mustern - Die perfekte Ergänzung für Matthew Dears Musik.


 Link zu Vimeo, danke GEMA 
EMA - Marked: Sex Appeal, Rockstarqualitäten und ein wenig Seltsamkeit schaffen ein effektives Musikvideo und auch eine gute Zusammenfassung von EMA's Musik insgesamt. 



Keaton Henson - Charon: Die Wirkung von Hensons todtrauriger Musik wird um ein vielfaches gesteigert durch dieses Video in dem eine depressive Handpuppe auf  unterschiedliche Weise versucht Selbstmord zu begehen. 



Bon Iver - Holocene: Eine Liebeserklärung an die wunderschönen Landschaften Islands, die in Kombination mit dem schönsten Song des aktuellen Albums fast zu schön zum aushalten ist. 



Creep - You (feat. Nina Sky): Die Zwillinge von Nina Sky geben diesem ungemein stylishen s-w-Clip nicht nur jede Menge Erotik, sondern auch einen unheimlichen Vibe, der perfekt zu dem Goth-R & B-Stück passt... 



My Brightest Diamond - Be Brave: Shara Worden tanzt, singt und beschwört verschiedene Seiten ihrer Persönlichkeiten herauf in diesem aufregenden Musikvideo.   



Ane Brun - Do you Remember: Eine Varieté-Show für einen alten Kriegsveteranen auf Drogen? Seltsame und liebevoll gemachte Musikvideos sind einfach die Besten!


James Blake - Lindisfarne: Atemberaubende Bilder und schöne Menschen, die merkwürdige Rituale voll ziehen...



Lia Ices - Daphne: Atemberaubende Landschaften und schöne Menschen, die merkwürdige Rituale vollziehen...



Thees Uhlmann – Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf: Wunderbar authentisch-sympathisch-nostalgisches Video für einen eben solchen Song.


Matt & Kim - Cameras: Matt & Kim machen einfach die lustigsten Videos und haben offensichtlich verdammt viel Spaß mit ihrer Musik und miteinander. Hier artet ein Proberaum-Streit in einen herrlich blutigen Zweikampf aus.  



Alex Clare - Relax my Beloved: Traurig, überaus dramatisch und voller fiebriger Energie; passt perfekt zu diesem Song.


 

Trash Talk - Awake: So gehen Hardcore-Videos - Knapp 2 Minuten Adrenalin bis zum Anschlag!


Link zu vimeo, danke GEMA
Braids - Lammicken: Bitte alle Lichter im Zimmer ausmachen, auf Vollbild stellen und die Boxen aufdrehen!


Freitag, 18. November 2011

Liebeserklärung an ein Album: Ys von Joanna Newsom


Ys ist ein Meisterwerk. Musikalisch und textlich absolut einzigartig, mitreißend und über jeden Zweifel erhaben. Es findet sich in fast allen Jahres- und auch Jahrzehnt-Endlisten großer und kleiner Kritiker, Blogs und Zeitungen auf einem der vorderen Plätze.
Und trotzdem sind es meistens zwei Dinge, die zuerst ins Auge bzw. Ohr fallen und viele Musikhörer davon abschrecken Joanna Newsom zu hören. Auch ich habe lange zu dieser Gruppe gehört.

Zuerst wäre da die Harfe. Newsom ist professionell ausgebildete Harfenspielerin und benutzt sie auch als Hauptinstrument in allen Songs auf Ys. Die Harfe, dieses scheinbar so langweilige, leicht esoterische Instrument, dass sonst nur in der hinteren Ecke von Orchestern seinen Platz findet oder auf ironische Weise in der Popkultur vorkommt. Zu sperrig, zu harmlos um spannend zu sein? Falsch. Newsom zeigt in ihren Kompositionen wie vielseitig, aufregend und auch zu jeder Zeit berührend so eine Harfe klingen kann. Das ist noch dazu zu keiner Zeit akademisch oder eintönig. Stattdessen gibt es hier fünf schwelgerische, dramatische und einfach wunderschöne Lieder zwischen Folk, Pop und einem Hauch Klassik. Unterstützt wird Newsom dabei auf fast allen Songs von einem Orchester, dass von Van Dyke Parks äußerst stimmig arrangiert wurde.

Das zweite „Problem“ ist Joanna Newsoms Stimme. Ebenso wie ihre Musik ist ihr Gesang einzigartig, aber beim ersten Hören auch seltsam und befremdlich, für manche sicher gar nervig und nur schwer zu ertragen. Newsom quietscht und gurrt in einer hohen Stimme, in der immer etwas dramatisches und gleichzeitig niedliches mitschwingt. Das führt dazu, dass viele Hörer bereits vor dem ersten richtigen Hördurchgang behaupten Newsom könne nicht singen und Ys keine weitere Chance geben. Doch ganz im Gegenteil. Die Kontrolle, die Joanna Newsom über ihre Stimme hat, die Emotionen und den Ausdruck, den sie in ihre Vortragsweise steckt, sind unglaublich und beeindruckend. Und mit der Zeit gewöhnt man sich nicht nur an die scheinbar kindliche Gesangweise, man beginnt sie zu lieben. Und es ist auch eigentlich nicht mal wirklich eine kindliche oder gar kindische Stimme. Newsom verbindet in ihrem Gesang viel mehr die Essenz kindlicher Weltoffenheit und Abenteuerlust mit erwachsener Lebensweisheit und Desillusion. 


Nachdem diese Punkte geklärt wären, endlich zurück zu den eigentlichen Songs. Alle fünf stehen mit Songlängen zwischen sieben und siebzehn Minuten und einer Struktur, die auf Refrains oder gar Strophen zugunsten eines Kurzgeschichten-artigen Aufbaus verzichtet, ganz entgegen popmusikalischer Konventionen. Nach einer Eingewöhnungsphase wird aber schnell klar, dass sowohl Songlängen als auch Songstrukturen nötig sind, um Newsoms ausschweifender Musik und ihrem enormen Erzähltalent gerecht werden zu können. Die Texte sind dann auch abwechselnd witzige, spannende und traurige kleine Geschichten, die Vokabular und Einfallsreichtum der meisten anderen Musiker bei weitem übertreffen.  

Emily zum Beispiel ist eine bombastische und aufgeregte Liebeserklärung an Joanna Newsoms Schwester (die auch Background singt), eine Astrophysikerin. Dem entsprechend verbinden die Lyrics dann auch Worte der Zuneigung mit Erzählungen vom gemeinsamen Sterne beobachten, mit einer Pallette farbenfroher Vokabeln . Das alles beschreibt und singt Newsom so detailliert und lebendig, dass der Hörer sofort unmittelbar in diese Situationen befördert wird.
Das wird noch deutlicher bei dem Song Monkey & Bear. Von der Thematik ist das ein Märchen, in dem eine Bärin und ein Affe aus Liebe zueinander und dem Wunsch nach Freiheit aus dem Zirkus ausbrechen. Doch der Affe überredet die Bärin weiterhin für Geld zu tanzen, um überleben zu können. Da sie das nicht erträgt, begeht die Bärin am Ende Selbstmord. Das klingt auf den ersten Blick absurd und merkwürdig aber wieder zeigt die Emotionalität und die Lebendigkeit der Worte ihre volle Wirkung und lässt den Hörer gefesselt und traurig zurück. 
Der ungewöhnlichste Song ist Sawdust & Diamonds, der als einziger auf jegliche zusätzliche Instrumentierung neben der Harfe verzichtet. Dennoch oder auch gerade deswegen ist es der emotional berührendste und überwältigendste Song auf Ys. Auch wenn es schwer ist allen Metaphern, Wortspielen und Gedankengängen zu folgen, bleibt Sawdust & Diamonds einer der treffendsten, poetischsten und realistischsten Liebeserklärungen überhaupt. Jeder zweite Satz ist so schön formuliert oder so prägnant, dass man sich ihn tätowieren lassen könnte. Dazu spielt Newsom scheinbar mühelos komplexe Harfenmelodien, für die eigentlich vier Hände nötig wären und singt den Hörer durch ein Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffnung, Wut und Freude, während im Hintergrund eine alles durchdringende Aura von Melancholie schwebt. Die typische Hörreaktion dabei lässt sich, wie auch bei allen anderen Songs auf Ys, folgender maßen beschreiben: Offener Mund, debiles Grinsen, plötzlich Gänsehaut, dann ein paar Tränen und am Ende das Gefühl, dass man so eben Zeuge von etwas ganz besonderem geworden ist. Schwachpunkte gibt es so auch keine auf dieser Cd und es bleibt abschließend nur zu sagen: Der Hype, die Lobeshymnen sind alle mehr als angemessen und Joanna Newsoms Musik ist es Wert alle Vorbehalte und Vorurteile über Bord zu werfen...

Sonntag, 6. November 2011

Ungewöhnliche „Liebes“-Filme / Filme über die Liebe II

Hier nun Teil II (Teil I siehe hier: Ungewöhnliche "Liebes"-Filme / Filme über die Liebe ) dieser Reihe.

In dieser zweiten Liste befinden sich Filme, die zwar vom Genre und Inhalt sehr unterschiedlich sind, denen aber eine ungewöhnliche und alles besiegende Liebe im Mittelpunkt der Handlung gemeinsam ist.



Der Sternwanderer (Stardust)
Ja ich gebe es zu, Stardust ist auf dem Papier nicht nur ein Fantasy-Film irgendwo zwischen Fluch der Karibik und dem Hobbit, sondern auch ein waschechtes und kitschiges Märchen. Trotzdem gehört der Film aus mehreren Gründen in diese Liste. 

Der Film beginnt vor gut 100 Jahren in einem fiktiven Dorf in England, dass durch eine Mauer von einem sagenumwobenen Märchenland getrennt wird. Tristan (Charlie Cox), ein naiver und ungeschickter Lebensmittelverkäufer versucht die Zuneigung der oberflächlichen Dorfschönheit Victoria (Sienna Miller) zu gewinnen, die seine vermeintliche große Liebe ist. Gleichzeitig stirbt auf der anderen Seite der Mauer der alte König des Zauberlandes und wirft mit seinem letzten Atemzug sein königliches Amulett ins Weltall und verspricht demjenigen Sohn sein Königreich, der das Amulett zurückbringen kann. Das Amulett kollidiert mit einem Stern, der dadurch in das Märchenland abstürzt wo er sich in das Mädchen Yvaine (Claire Danes) verwandelt. Während Tristan seiner Victoria als Liebesweis verspricht innerhalb einer Woche den gefallenen Stern zurückzubringen, machen sich die Söhne des Königs ebenfalls auf den Weg, um das Amulett zu finden. Auch eine böse Hexe (Michelle Pfeiffer) und ihre beiden Schwestern sind auf der Suche nach dem fleischgewordenen Stern, dessen Herz ihnen ihre verlorene Jugend zurückgeben kann. Tristan und Yvaine mögen sich am Anfang überhaupt nicht, aber durch ihre vielen gemeinsamen Abenteuer entdecken sie langsam eine gegenseitige Zuneigung. 

Diese Kurzbeschreibung des Films schreckt sicher viele ab, aber es steckt so viel mehr in der Geschichte, als nur typischer Fantasy-Kitsch. Der Film (nach der Vorlage des großartigen Buchs von Neil Gaiman) sprüht vor ansteckender Kreativität, nicht nur was die Fantasyelemente angeht, sondern auch in seinem ungewöhnlichen Humor und den liebenswert überzeichneten Charakteren. Neben vielen anderen exzentrischen Figuren sticht neben den fantastisch bösartigen Hexen besonders der Luftpirat Captain Shakespeare (großartig: Robert de Niro) hervor, der hinter einer grimmigen Fassade eine schillernde Persönlichkeit verbirgt. 

Im Herzen des Märchens steht aber natürlich die langsam aufblühende Liebe zwischen Tristan und Yvaine. Der Stern verliebt sich schnell in den jungen Mann, aber Tristan braucht eine Weile um zu erkennen, dass seine wahre Liebe nicht die falsche Victoria, sondern der menschgewordene Stern ist, der in seiner Nähe immer heller aufleuchtet. Die beiden Liebenden sind dabei von Anfang an erfrischend anders als in so vielen Liebesfilmen. Tristan träumt nur von der großen Welt und der wahren Liebe, Yvaine dagegen kennt Liebe und Abenteuer nur aus ihrer Beobachterperspektive im Himmel. Beide stürzen sich dann bei erster Gelegenheit mit großen Augen und einer charmanten Naivität ins Abenteuer, die den Zuschauer einfach mitreißt. Dasselbe gilt auch für ihre alles mitreißende Liebe. Yvaine verrät ihre Gefühle durch ein ausgeprägtes Leuchten in Tristans Gegenwart und er trägt alle seine Gefühle offen als seine größte Stärke gegen die falschen und intrigierenden Nebenpersonen des Films. Am Ende siegt natürlich wie in jedem Märchen gut über Böse und die Liebe über den Hass, aber es ist der ungewöhnliche Weg zu diesem Ende und die aufregende Chemie zwischen den Claire Danes und Charlie Cox, die diesen Film hervorhebt und mich am Ende sogar offen mitfiebern, entgegen meiner besten Vorsätze. 


Abbitte (Atonement)

Gute Buchverfilmungen sind selten. Sie machen etwas neues aus dem Buchmaterial, überspielen die Schwächen und nutzen die Vorteile des Filmmediums ohne dabei die ursprüngliche Geschichte zu zerstören. Atonement nach dem fantastischen Buch von Ian McEwan ist so eine Seltenheit. Wie das Buch erzählt auch die Verfilmung von Joe Wright (Stolz und Vorurteil, Wer ist Hanna?) eine überwältigende und mitreißende Geschichte von Liebe, Schuld und Sühne.

Die erfolgreiche Schriftstellerin Briony Tallis nutzt ein Fernseh-Interview anlässlich ihres neuen Buches von einem Fehler zu berichten, den sie in ihrer Kindheit begangen hat und der sie bis ins hohe Alter nicht mehr losgelassen hat. Von diesem Punkt aus entfaltet sich die eigentliche Handlung des Films in zwei Teilen vor und während dem zweiten Weltkrieg. Briony kommt aus einer wohlhabenden Familie und führt ein sorgloses Leben im Mittelpunkt des familiären Landsitzes. Der erste Teil des Films spielt nur im Laufe eines Tages und endet in einer Katastrophe nachdem Briony die geheime Liebe zwischen ihrer Schwester Cecilia (Keira Knightley) und Robbie (James McAvoy), dem Sohn des Hausdieners, fehlinterpretiert. Mit einer Lüge, geboren aus kindlichem Unverständnis und Eifersucht, zerstört das junge Mädchen ungewollt nicht nur die Beziehung der jungen Liebenden, sondern auch das Leben der Beiden für immer. 

Der zweite Teil des Films setzt Jahre später ein und Brionys Lüge hat dafür gesorgt, dass Robbie zunächst im Gefängnis landet und jetzt im zweiten Weltkrieg kämpfen muss, während Cecilia jeglichen Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hat und als Krankenschwester arbeitet. Briony versucht jetzt, nachdem sie die Schwere ihrer Taten als Kind verstanden hat, Busse zu tun, indem sie ebenfalls als Krankenschwester arbeitet und erneut die Nähe zu ihrer Schwester sucht. Während Cecilia, Robbie und Briony mit dem Grauen des Krieges konfrontiert werden, halten die beiden Liebenden ihre Liebe tapfer aufrecht, der durch die Umstände nie eine Chance gegeben wurde. Der Zuschauer sieht von der Liebe zwischen Cecilia und Robbie nur einen Tag voller Andeutungen und vielsagender Blicke. Den Rest des Filmes müssen sie getrennt verbringen und nur der Gedanke an den anderen und zahlreiche Briefe lassen sie die Ungerechtigkeiten des Lebens und den Horror des Krieges ertragen. Das reicht vollkommen um sich in die Liebe der beiden zu investieren und mehr zu verraten wäre dem Genuss des Films abträglich. Wir sehen die Beziehung der Liebenden durch die Augen von Briony, die sich im Laufe des Filmes wiederum in den Augen des Zuschauers rehabilitieren kann, nicht nur durch ihre guten Taten als Krankenschwester im Krieg oder der Einsicht ihrer Fehler als Kind, sondern vor allem, weil sie, wie der Zuschauer schon lange vorher, die Größe und Tragik der Liebe zwischen Robbie und Cecilia erkannt hat. 

Was den Film noch viel schöner macht sind die filmischen Komponenten. Joe Wright filmt unvergessliche Szenen, zuerst auf dem malerischen Landsitz von Brionys Eltern, gefüllt mit wilder Natur und kräftigen Farben. Auch die Szenen im Krieg bewahren sich, trotz ihres grausigen Inhalts, durch ihre meisterliche Komposition eine eigene Schönheit, die noch unterstrichen wird von dem herzergreifenden und zu recht Oscar-gekrönten Soundtrack von Dario Marianelli. Der Film ist ein aufwendig inszenierter Historienfilm und ein großangelegtes, dramatisches Epos, doch im Herzen ein Film über eine ungewöhnliche Liebe.


Kammerflimmern

Kammerflimmern ist einer meiner Lieblingsfilme aus Deutschland und erzählt eine typisch deutsche Liebesgeschichte, die aber dennoch originell ist. Crash (Matthias Schweighöfer) verlor als Kind bei einem Autounfall beide Eltern, ein Vorfall, der ihn zu einem traumatisierten, hypersensiblen Einzelgänger gemacht hat. Als Rettungsassistent versucht er alle verletzten, kranken und sterbenden Menschen, die ihm begegnen zu retten. Doch das Elend, dass er sieht, wäre schon für hartgesottene Naturen zu viel und Crash droht daran zu zerbrechen. Jede Niederlage, jeden Toten nimmt er persönlich. Das einzige, dass ihn glücklich macht sind wiederkehrende Träume an deren Ende immer das lächelnde Gesicht einer ihm unbekannten Frau auftaucht.

November (Jessica Schwarz) ist hochschwanger und versucht den Vater ihres Kindes von den Drogen weg zu bekommen. Als dieser trotzdem an einer Überdosis stirbt, ist der herbeigerufene Rettungsassistent niemand anderes als Crash, der in November sofort die Frau aus seinen Träumen wieder erkennt. Die zarte Liebesgeschichte, die jetzt entsteht, scheint zunächst angesichts der vielen Hindernisse, die ihr im Weg stehen, mehr als unwahrscheinlich. November trauert um den toten Vater ihres ungeborenen Kindes und steht vor der Herausforderung ein Kind alleine und aus tiefster Trauer heraus groß zu ziehen. Crash dagegen ist immer noch nicht über den Tod seiner Eltern hinweg, wird täglich mit Leid konfrontiert, dass er weder verarbeiten noch filtern kann und sieht in November zunächst eine Art Traumwesen, dass ihn von all dem erlösen wird.

Das die Liebesgeschichte trotzdem schön und vor allem glaubwürdig bleibt, liegt in der Hauptsache an den beiden Hauptdarstellern. Schweighöfer und Schwarz waren zum Zeitpunkt von Kammerflimmern noch keine allgegenwärtigen Stars, sondern lediglich Hoffnungsträger des deutschen Films und bewiesen hier mit natürlichen Darstellungen bereits eindrucksvoll ihr Können. Die Chemie zwischen den beiden überaus fragilen Figuren ist großartig und hilft dem Film, der statt auf große Gesten und Kitsch lieber auf intime Szenen setzt, enorm.

Die zärtlichen und hoffnungsvollen Szenen zwischen Crash und November helfen auch den Rest des Films auszugleichen. Durch seine Arbeit trifft Crash nicht nur trauernde Angehörige, Sterbende und Menschen, die das Leben bereits lange aufgegeben haben, sondern, in der tragischsten Szene des Films, auch ein junges Mädchen, dass sich umbringen will. Der naive wunsch von Crash sie und all die anderen zu retten und die endgültige Vergeblichkeit seiner Bemühungen wiegen nicht nur schwer auf seinen Schultern, sondern in Verlängerung eben auch auf denen der Zuschauer. Das zerbrechliche Glück, dass er mit November bekommen hat, ist etwas in das man beim zuschauen schnell investiert ist. Diese Liebe ist nicht nur glaubwürdig, sondern auch verdient und notwendig für das Seelenheil aller Beteiligten. Selten habe ich so sehr auf ein Happy End gehofft und es den Filmfiguren von ganzem Herzen gegönnt... 


Alles was wir geben mussten (Never let me go)

Eine Warnung vorweg: Dieser Film hat mich absolut zerstört.

In einer leicht abgeänderten Realität hat die Medizin so gewaltige Fortschritte gemacht, dass ein Leben von über 100 Jahren zur Normalität wird. Der Preis dafür ist das Klonen von Menschen, die nur als Organspender konzipiert werden. Kathy (Carey Mulligan), Ruth (Keira Knightley) und Tommy (Andrew Garfield) wachsen auf einem elitären, aber isolierten Internat auf und erfahren bereits als Kinder, dass sie nur bis ins frühe Erwachsenenalter leben werden und dann ihre Aufgabe als Organspender zu erfüllen haben. In drei Ettapen zeigt der Film dann Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter der drei Protagonisten, ein Leben was sie zwar langsam aber nie endgültig an die normale Gesellschaft heranführt. Die Vorstellung einer Gesellschaft in der menschliche Organspender nur zum Wohle anderer Menschen existiert ist erschreckend, schlimmer aber noch ist die Unbekümmertheit mit der der größte Rest dieser Gesellschaft, aber auch die Organspender selbst diese Tatsache hinnehmen. Die Indoktrination ist auch für Kathy, Ruth und Tommy so komplett, dass sie sich ihrem Schicksal größtenteils hingeben und nur wegen eines Gerüchtes, dass für Organspender, die echte Liebe gefunden haben, das Spenderdasein verzögert werden kann, gelegentlich von einem anderen Leben träumen. So verbringen sie ihr Leben erst in dem Internat, später auf einem Bauernhof in der malerisch schönen Landschaft Englands, die immer als starker Kontrast zu der Hässlichkeit dieser Klongesellschaft eingesetzt wird.

Das bemerkenswerte an Never let me go ist, dass die drei Protagonisten trotz dieser düsteren Lebensaussicht und ihrem scheinbar unausweichlichen Schicksal nicht aufhören zu träumen oder zu lieben. Kathy und Tommy sind scheinbar schon im Kindesalter füreinander bestimmt, aber die extrovertierte Ruth stellt sich ihnen in den Weg. Es entwickelt sich eine Dreiecksgeschichte, die sich über fast 20 Jahre spannt. Die drei zunächst unzertrennlichen Kinder entfernen sich langsam geistig voneinander und gehen dann auch getrennte Wege. Ruth und Tommy beginnen ihre Karriere als Organspender und Kathy macht eine Ausbildung als Pflegekraft für andere Organspender, die sich Operationen unterziehen. Das immens unfaire an dieser Geschichte ist der Zeitmangel der Drei, den man als Zuschauer immer mehr spürt im Laufe des Films. Die Protagonisten haben nicht nur deutlich weniger Zeit für die Liebe und alles wichtige im Leben, sie haben auch von klein auf ihren scheinbar unverrückbaren Lebensweg vor Augen an dessen Ende der unvermeidliche Tod steht. Erschwerend kommt hinzu, dass sie von ihrer Umgebung nicht als vollwertige Menschen angesehen werden und sich ihre Menschlichkeit und Einzigartigkeit erst erkämpfen müssen. Sie können versuchen, dass beste aus ihrem Leben zu machen oder sich ihrem Schicksal ergeben und auf den erlösenden Tod warten. Am Ende des Films sieht der Zuschauer, dass Liebe und Freundschaft eine dystopische Gesellschaft zwar nicht überwinden können, aber selbst ein kurzes Leben lebenswert und wertvoll machen können.

to be continued...


Dienstag, 1. November 2011

Liebeserklärung an einen Film: Kiss Kiss Bang Bang

Kiss Kiss Bang Bang war ein erstaunlich wichtiger Film für viele der Beteiligten. Es war ein Comeback und auch ein Neuanfang für Drehbuchschreiber und Regisseur Shane Black. In den 80ern und 90ern war er verantwortlich für einige große Action-Blockbuster (u.a. Lethal Weapon), bevor er gänzlich von der Bildfläche verschwand. Kiss war seine erste Regiearbeit und transportierte seinen unnachahmlichen Schreibstil in eine gleichzeitig moderne und wunderbar altmodische Actionkomödie. Danach wurde es zwar seltsamerweise schnell wieder still um Black, aber dieser Film sicherte ihm immerhin Regie- und Schreiberposten für Iron Man 3. Für Robert Downey Jr. war Kiss natürlich noch wichtiger. Erst Iron Man machte ihn zwar erneut zum Superstar, nachdem er durch Drogen seine Karriere zwischenzeitlich scheinbar zerstört hatte, aber es war dieser Film, der zeigte, dass er wieder oder immer noch das Zeug zum Hollywoodstar hatte. Auch für Hauptdarstellerin Michelle Monaghan war Kiss der Beginn einer größeren Karriere, die sie zwar nicht ganz an die Spitze Hollywoods, aber doch relativ nahe daran katapultierte. Am traurigsten ist aber im Zusammenhang des Films die Karriereentwicklung von Val Kilmer. Kiss Kiss Bang Bang war mit der letzte gute Film von einem durchaus begabten Schauspieler. Seitdem wurde Kilmer nur noch dicker und hat es sich scheinbar zum Ziel gesetzt in möglichst vielen B- und C-Movies zu erscheinen.

Dafür, dass er so zentral für die Beteiligten war blieb der Film überraschend erfolglos und ist auch heute noch abgesehen von einem gewissen Kultstatus erschreckend unbekannt. Immerhin taucht Kiss in vielen Listen als einer der besten Filme des letzten Jahrzehnts auf, aber für den Mainstream scheint es eine zu wilde Mischung verschiedener Genres zu sein. Aber zunächst kurz zum Inhalt.

Harry Lockhart (Downey Jr.) ist ein Kleinganove, der beim Versuch Weihnachtsgeschenke für seinen Sohn zu kaufen erwischt wird. Während sein Partner angeschossen wird, flüchtet Harry aus Versehen in ein Vorsprechzimmer für einen Hollywoodfilm. Seine Nervosität und Verzweiflung wird für schauspielerisches Können gehalten und er erhält die Rolle. Schnell bekommt er für den Detektivfilm, in dem er jetzt die Hauptrolle hat, den Privatdetektiv Gay Perry (Kilmer) als Berater an die Seite gestellt. Statt sich aber aus dem Staub zu machen oder wenigstens auf seine Rolle zu konzentrieren, gibt Harry sich als echter Privatdetektiv aus als ihm seine Jugendliebe Harmony Faith Lane (Monaghan) über den Weg läuft, die sich als naive Möchtegernschauspielerin in Hollywood durchschlägt. Als Harmonys Schwester ermordet wird, übernimmt Harry vollkommen ahnungslos und zum großen Verdruss von Gay Perry den Fall in dem sich schnell die Toten häufen und das Chaos ausbricht.

Zurück zu den Genres. Kiss Kiss Bang Bang mischt hauptsächlich zwei Arten von Filmen, Film Noir und die Buddy Action Komödie. Für zweiteres ist Shane Black durch Lethal Weapon so etwas wie der Gottvater. Doch im Gegensatz zu den typischen Buddy Filmen wird das Konzept hier auf den Kopf gestellt. Harry ist zwar ähnlich wie Mel Gibson in der Lethal Weapon-Reihe der wilde Draufgänger, hat aber im Gegensatz zu typischen Actionhelden keinerlei Qualifikationen und stolpert von einer Katastrophe in die nächste. Gay Perry dagegen ist der "Straight Man" des Films, einer Rolle, die im Kontrast zu seiner oft erwähnten Homosexualität steht, der er aber wiederum mit einem Verhalten entegegensteht, dass im krassen Gegensatz zu allen schwulen Filmklischees steht. Zusammen werden die beiden in eine Geschichte hineingezogen, die zunächst wirkt wie ein klassischer Film Noir. Die mysteriöse und verführerische Harmony zieht Harry und damit auch Gay Perry in einen Mordfall, der nach und nach eine größere Verschwörung offenbart. Doch auch hier stellt der Film die Konventionen auf den Kopf. Harry versucht die Detektive aus Film Noir-Filmen zu imitieren, scheitert aber kläglich: statt die Morde aufzuklären macht er einen Fehler nach dem anderen und impliziert sich immer mehr darin. Perry dagegen ist zwar kompetent, aber überhaupt nicht an der Aufklärung des Falles oder gar dem Heldentum interessiert. Harmony ist in diesem Kontext die mysteriöse „damsel in distress“, aber ohne sich ihrer eigenen Sexualität bewusst zu sein, geschweige den sie richtig zu benutzen. Die beiden Teile des Films ergänzen sich auf interessante Weise. Die schräge und pfeilschnelle Actionkomödie gibt der Detektivgeschichte großartigen, pausenlosen Humor und einen durchgehend hohen Adrenalinspiegel, während der Film Noir -Anteil den Actionfilm durch eine durchdachte und spannende, wenn auch zunehmend absurde Hintergrundgeschichte abrundet.

Die erste große Stärke des Films sind die Dialoge. Wie in seinen vorherigen Filmen schafft Black es den Sprüchefaktor konstant hoch zu halten und trotzdem keinerlei Füller oder Schwachpunkte in den Dialogen zu offenbaren. Die manische Überdrehtheit von Harry, der trockene Zynismus von Gay Perry oder die naive Schrulligkeit von Harmony sind durchegehend lustig und sympathisch und in Kombination einfach unschlagbar. Die zweite große Stärke ist dann natürlich die Besetzung. Harry Lockhart ist "die" typische Robert Downey Jr. -Rolle. Er verkörpert den schnell redenden, neurotischen, absolut trotteligen, aber immer ebenso liebenswerten Harry perfekt. Bevor Downey Jr. durch seinen erneuten Erfolg allgegenwärtig und auch zunehmend zu einer reinen Marke wurde, war seine Rolle in diesem Film etwas absolut erfrischendes. Michelle Monaghan dagegen hat zwar die meist undankbare Rolle des "Traummädchens", verleiht ihrer Figur aber auch Tiefe und ihr komödiantisches Timing. Und dann ist da noch Val Kilmer, der hier auf tragische Weise beweist, wie gut er doch eigentlich sein kann mit dem richtigen Material. Der beißende Sarkasmus und die zunehmende Frustration verursacht von den inkompetenten Idioten, die ihn umgeben und den absurden Situationen in die er gegen seinen Willen reingezogen wird, ist einfach extrem witzig und großartig gespielt von Kilmer. Die drei Schauspieler in Kombination mit diesem Drehbuchfeuerwerk sind eine Glanzleistung des Casting Directors und eine Quelle unendlicher Freude für den Zuschauer.

Eine letzte Eigenheit und Stärke des Films ist seine Erzählform. Harry selbst ist der Erzähler und zwar ein typisch unzuverlässiger Erzähler. Er ergänzt die Handlung durch Rückblicke auf seine und Harmonys Kindheit, spult die Handlung zurück, weil er etwas vergessen hat und ändert das Ende des Films nach seinen Vorstellungen. Das ganze macht Harry irgendwie noch sympathischer und am Ende des Films wünscht man sich nichts sehnlicher als viele weitere Filme mit einem gemeinsamen Detektivbüro der Hauptdarsteller im Mittelpunkt. Da aber dieser perfekte Film auf der anderen Seite niemals durch Fortsetzungen oder ähnliches verunstaltet werden sollte, bleibt abschließend nur die Hoffnung, dass alle Beteiligten noch häufig zusammen arbeiten werden und vor allem auch Shane Black bald wieder häufiger Filme machen wird. 


Ältere Liebeserklärung hier: The Fountain