Sonntag, 20. Mai 2012

TV Serien, die DU schauen solltest: Southland


 
Southland ist auf den ersten Blick nur eine unter den unzähligen Polizei-Serien aus dem amerikanischen Fernsehen. Doch wenn man ihr eine Chance gibt, stellt sich schnell heraus, dass die Show überraschend ausgereift, tiefgründig und auf ihre Weise sogar innovativ sein kann. Dazu ist Southland dann aber auch noch großartig besetzt und gleichzeitig endlos spannend, witzig, tragisch und nicht zuletzt angenehm realistisch...
Doch zurück zum grundlegenden: Die Serie beschäftigt sich parallel mit zwei Detective Teams und ihrer Umgebung, sowie mit einem Polizeineuling, der mit einem zynischen "Lehrmeister" auf Streife fährt. Ihre kleinen und großen Fälle überschneiden sich teilweise, laufen aber meistens wie verschiedene Momentaufnahmen des Polizeialltags neben einander her, während sich im Hintergrund übergreifende Handlungsstränge durch die kurzen Staffeln ziehen.
Die Situationen mit denen die Figuren in Southland konfrontiert werden beinhalten von Verkehrskontrollen bis hin zu Mordserien und Schießereien alles aus dem Berufsalltag von Polizisten in den USA. Natürlich wird der Cop-Alltag in der Serie etwas gestrafft und oft auf besonders spannende und außergewöhnliche Fälle reduziert, aber die Show ist trotzdem meilenweit entfernt von den glamourösen und absurden Supercops anderer Shows und deren Melodramen. Stattdessen greift Southland oft echte Vorfälle auf und bindet sie problemlos und glaubwürdig in das Arbeitsleben seiner fiktiven Protagonisten ein.


Viel wichtiger für die Show sind aber ihre Protagonisten und die Entwicklung, die sie durchleben. Das Herz der Show bildet der gerade von der Polizeiakademie abgegangene Ben Sherman (Benjamin McKenzie) und sein erfahrener Partner John Cooper (Michael Cudlitz). McKenzie als bekanntestes Gesicht der Serie dürfte mit seiner Vergangenheit in der Serie O.C. California ebenso viele falsche Fans anlocken wie Richtige abschrecken. Doch er zeigt hier einiges von seinem Talent und kommt dazu sehr natürlich rüber - eine Qualität, die für eine so realistische Show, wie Southland extrem wichtig ist. Ben Sherman klingt dann auch fast wie eine Parodie von Mckenzies bekanntester Rolle: Nach einem traumatischen Erlebnis in seiner privilegierten Kindheit beschließt Sherman Polizist zu werden und kämpft dabei immer wieder mit den Schatten dieses alten Lebens und den Vorurteilen seiner Kollegen. Sein Training Officer wird von dem ebenso exzellenten Michael Cudlitz verkörpert: Sein Officer John Cooper ist ein knallharter, oft zynischer Einzelgänger, der zunehmend unerträgliche Rückenprobleme hinter seinem Stolz versteckt und notdürftig mit unzähligen Medikamenten betäubt. Der Kontrast zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Polizisten, die gemeinsam Streife fahren, gibt schon genug explosives Potential für eine ganze Serie, doch daneben verfolgt Southland noch zwei ebenso spannende Handlungsstränge. Der ewig unterschätzte Shawn Hatosy und Kevin Alejandro (True Blood) bilden ein Team von Gang-Cops, die gleichzeitig beste Freunde sind und es mühelos schaffen den Alltag dieser Polizisten zwischen schwarzem Humor und Momenten absoluter Spannung und echter Tragik abzubilden. Besonders Hatosy als abgehärteter Cop mit Herz aus Gold hat Szenen, die jeden Zuschauer zu Tränen rühren werden und ist dabei zu jeder Zeit absolut natürlich und glaubwürdig.
Das dritte Paar wird gespielt von der fantastischen Regina King und dem daneben fast etwas verblassenden Tom Everett Scott. Kings Figur hat sich ihren Weg aus einer schlechten Nachbarschaft zur dekorierten Polizistin mühsam erarbeitet und kämpft seitdem mit unbeirrbarem Gerechtigkeitssinn gegen die Gewalt und der immer wieder auftauchenden Ungerechtigkeit, die ihr im Job begegnen. Neben diesen Figuren tauchen noch einige, hervorragende Nebenfiguren auf, die sich organisch in die Welt von Southland einfügen, ohne das die Handlungsstränge jemals überfüllt oder überhastet wirken.


Was Southland außerdem von anderen, vergleichbaren Shows unterscheidet, ist die exzellent geschaffene Unmittelbarkeit in welche die Macher den Zuschauer katapultieren. Hand Held Kameras und ein leicht körnig wirkendes Bild sind in letzter Zeit viel zu häufig benutzte Gimmicks, aber hier funktionieren sie hervorragend. In den ruhigen, alltäglichen Szenen wirkt dieser Stil wie eine unsichtbare Dokumentations-Crew, die den Zuschauer hautnah dabei sein lässt. Richtig zu wirken beginnt das Ganze dann aber vor allem bei den spannungsgeladenen Szenen, die dadurch noch realistischer wirken und dazu das Adrenalin des Zuschauers sekundenschnell in die Höhe schnellen lassen können. Wilde Verfolgungsjagden oder Ausbrüche schockierender Gewalt entstehen oft vollkommen unerwartet und unvermittelt aus Situationen polizeilicher Routine und wirken eben auch wegen der Art des Filmens viel besser als in den meisten anderen Serien. Dieses Unerwartete macht Southland dann auch nicht nur zu einer unglaublich spannenden Serie, sondern auch zu einer der Mitreißendsten. Denn aus einem scheinbar langweiligen Tag auf Streife kann sich binnen Sekunden eine Szene entfalten, die bis zum Bersten mit Spannung geladen ist. Und jede der Figuren, die wir zuvor durch die Interaktionen mit Partnern, Familien und den Menschen auf der Straße kennen und lieben gelernt haben, kann darin plötzlich in Lebensgefahr schweben oder für immer traumatisiert werden. Keine der Figuren ist, ebenso wir ihre echten Vorbilder, sicher.  Der besorgte Zuschauer verbringt immer wieder lange Minuten auf der Stuhlkante - in absoluter Angst um diese fiktiven Personen. Und das ist für eine TV-Serie eine beachtliche Leistung!


Die Auflösung von den gezeigten Fällen hat eine überraschende Bandbreite. Das hier sind keine Supercops, die alle Fälle problemlos lösen, nebenbei immer großartig aussehen und aufregende Liebesleben führen. Stattdessen machen hier echte Menschen, mit Problemen und Fehlern ihre Arbeit, kämpfen dabei gegen die Probleme des Systems, respektlose Mitmenschen und den eigenen Verdruss gegenüber einer Gesellschaft, deren schlechteste Seiten sie tagtäglich sehen müssen. Ihre Fälle sind manchmal scheinbar unwichtig und absurd, an anderen Stellen groß und dramatisch, decken so also alle Bereiche der polizeilichen Arbeit ab und geben den Schauspielern viele Gelegenheiten ihre schauspielerischen Leistungen zu demonstrieren. Das Sorgt für eine große Dichte an tollen Szenen - von kleinen, wunderbaren Momenten, hin zu eindrucksvollen Darbietungen, die jede der Folgen mit viel Leben füllen und für unaufhörliche Gänsehautschübe oder auch mal ein unerwartetes Lächeln auf dem Gesicht des Zuschauers sorgen. Wir sehen hier nicht Supermänner und -Frauen, die durch ihre Fähigkeiten der Welt ihren Stempel aufdrücken, sondern die Wirkung, die das Polizeileben auf eine gemischte Palette von normalen Menschen hat. Eine Show, die gleichzeitig einen solchen Realismus ausstrahlt und trotzdem mit das spannendste im TV/auf DVD ist, die großes Drama, mit „intelligenten“ Krimi-Anteilen und einem ungezwungenen Humor verbindet, verdient einen viel größeren Bekanntheitsgrad als es Southland jemals erreichen wird. Und das ist eine Schande!

Sonntag, 13. Mai 2012

10 Videos - Mein audiovisueller Rückblick des Jahres bisher


Langsam wird es Frühling oder Sommer, manchmal auch eher Herbst, schwer zu sagen....Egal, Zeit für einen kurzen audiovisuellen Rückblick meines Jahres 2012 bisher!


Givers & Theophilus London - Words (La Blogotheque)


Der beste Beweis dafür, dass Live-Musik einfach das Beste ist: La Blogotheque veranstalten zwei Secret Shows in einem Gebäude und der Rapper Theophilus London beschließt spontan (während seines eigenen Konzerts!) das Konzert der Indie-Band Givers nebenan zu besuchen und ein wenig zu freestylen. Die positive Energie, die dabei frei gesetzt wird ist einfach nur großartig. Nicht nur klingen die Givers live ohnehin um einiges besser als auf Platte, die Kombination mit dem Rapper passt auch noch unerwartet gut und zeigt wieder mal, dass Genre-Grenzen nur was für kleingeistige Idioten sind. Die offensichtliche Freude aller Beteiligten und die enthusiastischen Reaktionen des Publikums machen diese Version von Words zu einer der tollsten Sachen, die ich seit langem gesehen/gehört habe!


Explosions in the Sky – Postcard from 1952
 

Die euphorische Gitarrenmusik von Explosions in the Sky ist bereits wie geschaffen um emotionale und bedeutsame Szenen aus Film und Fernsehen zu untermalen. Einem ihrer Songs ein Musikvideo zur Seite zu stellen, dass nicht nur perfekt zu der sich langsam steigernden Musik passt, sondern auch noch eine atemberaubend hohe Bildqualität hat, ist also schon ein mal eine gute Idee. Das Musikvideo ist aber auch unabhängig davon eine wunderschöne Angelegenheit: Bilder aus den 50er Jahren, die wichtige Momente im Leben von Kindern festhalten wurden belebt und verwandeln sich in emotionale und fantastisch gefilmte Szenen. 

 
Charlene Soraia – Daffodils (Crypt Sessions live)
 

Diese Version von Daffodils ist noch mal um Welten besser als die bereits wunderschöne Studio-Version. Ein Song, der die Seele streichelt, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Es ist schwer sich zu entscheiden, wo man hinschauen/hören soll: auf Soraia's wunderbar warme und beeindruckend variable Stimme oder auf ihr mindestens ebenso beeindruckendes und ungewöhnliches Gitarrenspiel, mit dem sie diesem Song Komplexität und doch auch irgendwie eine Leichtigkeit verleiht. 

 
Sharon van Etten & Shearwater - Stop Draggin’ My Heart Around


Die Idee hinter dieser Cover-Version ist schon genial. Alle möglichen Bands covern Songs aus einer von der Seite AV Club zusammen gestellten Liste bis alle Stücke gespielt wurden – nach dem Motto, wer zuerst kommt, covert zuerst. Dabei entstehen interessante und vor allem ungewöhnliche Versionen. Das Duett von Stevie Nicks und Tom Petty ist für beide am Cover beteiligten Parteien ungewöhnlich rockiges Terrain, doch nach einer Aufwärmphase steigert sich diese Version zu einer wütenden und sexuell aufgeladenen Rock-Nummer.


Chairlift – Met before

 

Ein Ohrwurm bekommt ein interaktives Musikvideo zur Seite gestellt, in dem der Zuschauer selbst entscheiden kann, wie die Story weitergeht und so gut und gerne mal 30 Minuten mit diesem Song verbringt, sodass er sich (wohl verdient) endgültig in die Gehörgänge einfräst.




 
St. Vincent – Krokodil (live at Coachella 2012)

Gibt es etwas, das cooler und/oder sexier ist als Annie Clark, vor allem wenn sie einen kompletten Song mit für sie ungewöhnlicher Inbrunst singt/schreit, während sie durch die absolut ekstatische Menge crowdsurfed? Wohl kaum...selten habe ich ein Publikum so beneidet...traurigerweise war wohl die Hälfte zu beschäftigt das ganze zu filmen, statt es zu genießen. 


The Dove & the Wolf – Insane, in Love


Die beste Rechtfertigung für die Existenz von youtube sind Channel wie La Blogotheque, CryptSessions oder eben Cargo Video, in denen mehr oder weniger unbekannte Bands die Gelegenehit bekommen, in intimen und oft ungewöhnlichen Umgebungen, ihre Musik vor zu stellen und ihr darüber hinaus noch eine neue Qualität verleihen können. Ein weiteres, beeindruckendes Beispiel dafür ist dieser wunderschöne A Capella Song von The Dove & The Wolf.


Beat Battle 2012- The Tournament

Knapp 5 Minuten übermenschlicher Bewegungen, genial in Szene gesetzt. 

 Will the real Mitt Romney please stand up? (Eminem Cover)

 



Sicherlich die beste, lustigste und aufwendigste Eminem Cover-Version überhaupt und eine gute Repräsentation der republikanischen Vorwahlen in den USA, bei denen man nie weiß, ob man lachen, weinen oder einfach nur Angst haben sollte. 


Arrested Drunk Guy Sings Queen's Bohemian Rhapsody 

 

Der Titel des Videos sagt ja bereits alles: Gleichzeitig extrem witzig und ebenso beeindruckend: Wünschen wir uns nicht alle, einmal so etwas großartiges zu tun, während wir absolut betrunken sind, anstatt einfach nur Mist zu reden und umzufallen? 

Sonntag, 6. Mai 2012

Liebeserklärung an ein Album: The Devil And God Are Raging Inside Me von Brand New


The Devil and God are raging inside me ist ein Album das zuallererst einmal in die kleine Gruppe der Alben gehört, an die ich keine großen Erwartungen hatte, nur um dann komplett umgehauen zu werden. Die Band Brand New aus New York begann mit Your Favorite Weapon als harmlose aber unheimlich eingängige Pop Punk Band. Zwar waren es simple Songs voll von lyrischen Rachefantasien und Selbstmitleid, aber es machte einfach Spaß. Mit Deja Entendu folgte eine Wendung zu einem ernstem, tiefgründigeren und für mich deutlich überschätzten Emo/Alternative-Mix, komplett mit klischeehaften Texten und Songtiteln. Die Band wurde trotzdem oder gerade deswegen erfolgreich und etablierte sich als scheinbar typische Teenie-Band, hinter der aber schon damals etwas mehr zu stecken schien.

Das Brand New ihre verborgenen Stärken jedoch so umfassend präsentieren würden, damit hatte wohl keiner gerechnet. Nach dem großen Erfolg von Deja Entendu und dem Wechsel zu einem Major Label wäre der nächste, logische Schritt wohl eine schwächere Kopie des Vorgängers oder bestenfalls eine sanfte Weiterentwicklung mit größerem Pop-Appeal gewesen. Stattdessen ist The Devil and God are raging inside me eine bombastische, musikalische Offenbarung zwischen wütenden Ausbrüchen und schmerzhaft intimen Geständnissen. Es gibt auf dieser Platte keine leichten Momente, keinen Humor und auch (fast) keine poppigen Hits (im eigentlichen Sinne). Stattdessen ist alles so groß angelegt, so ernst und so dramatisch, dass es eigentlich anstrengend und durchaus auch mal peinlich sein müsste, wenn es nicht so meisterhaft und mitreißend umgesetzt wäre. Und so lösen sich diese Einwände in Sekundenschnelle auf. Bereits das unheimliche, stimmige Cover und der plakative Titel wären bei anderen Bands bloß "Emo"-Klischees, sind aber im Kontext des gigantischen Sounds von Brand New einfach nur stimmig. Der Titel The Devil and God are raging inside me kam laut Sänger Jesse Lachey nach einem Gespräch mit dem manisch-depressiven und schizophrenen Kult-Musiker Daniel Johnston zustande, passt aber auch hervorragend um die musikalische und lyrische Achterbahnfahrt dieses Albums, zwischen leiser Melancholie und schreiender Verzweiflung, zu beschreiben. Musikalisch ist die dazugehörige laut-leise Dynamik mit Anteilen von Emo, Hardcore, Indie und Grunge sicher nichts neues, aber so expansiv und in sich geschlossen, dass sich das Gehörte sofort meilenweit über die unzähligen, vergleichbaren Bands erhebt. Das die Songs so frisch und roh klingen, sich aber trotzdem zu einem so durchdachten und geschlossenen Ganzen zusammenfügen, ist sicher zum Teil dem langen Entstehungsprozess der Musik zu verdanken. Nachdem eine Reihe von halbfertigen Songs geleaked wurden, begann die Band frustriert noch einmal von vorne, schrieb gänzlich neu oder veränderte das bereits Veröffentlichte noch einmal massiv. Die Frustration über den Leak und der zunehmende Druck ein gutes Album zu schreiben, verband sich so mit den durch die lange Schreibzeit langsam gereiften Song-Gerüsten, zu diesen überraschend großartigen Liedern.

 
Der Opener Sowing Season beginnt leise und resigniert, explodiert dann unerwartet in yeah-Rufe, die irgendwie auch noch gut und keineswegs so peinlich klingen, wie es beim lesen klingt. Dazwischen balanciert Jesse Lachey eindrucksvoll zwischen ruhiger Melancholie und trotzigem Zorn. Wie alle Texte auf diesem Album sind seine lyrics hier nicht einfach verständlich, aber nichts desto trotz poetisch und einprägsam. Der Song endet mit den simplen aber fantastischen Zeilen „I'm not your friend, I'm not your lover, I'm not your family!“, die zusammen mit dem riesigen Riff einfach dazu zwingen die Faust in den Himmel zu strecken und mit zu schreien.

Die Single Jesus ist so etwas wie ein offener Brief an Jesus über die großen Fragen des Lebens: Was tun gegen die Einsamkeit? Warum all der der Hass? Was kommt nach dem Tod? Dabei verdient die Band schon einen Preis dafür, den Song weder gotteslästerlich noch übermäßig christlich daherkommen zu lassen und stattdessen biblische Symbole in eine philosophische Gedankenspinnerei über die typischen Fragen des Lebens einzubinden. Davon abgesehen ist Jesus aber auch einfach ein melodischer Geniestreich.

Der thematisch und musikalisch heftigste Song auf dem Album ist das knapp 8-mintüge Limousine (MS Rebridge), der sich mit dem Tod der erst 7-jährigen Katie Flynn beschäftigt. Das Mädchen wurde auf der Heimfahrt von einer Hochzeit, auf dem sie Blumenmädchen war, von einem betrunkenen Fahrer getötet. Ein solches Thema kann schnell erdrückend und schwerfällig daherkommen, aber Brand New erzählen den Unfall aus mehreren Perspektiven (Katie, ihre Mutter, der betrunkene Fahrer) und bilden dabei langsam eine kaum auszuhaltende Spannung auf, die sich dann in einem kurzen Gitarrenriff entlädt, dass die bereits angesammelte Gänsehaut noch einmal vervielfacht und meiner Meinung nach der größte Moment auf einem Album voller großartiger Momente ist.

Der beste Song aber bleibt für mich Degausser. Ein Degausser ist ein Gerät zur Entmagnetisierung bzw. Datenlöschung und dient hier scheinbar als Metapher für eine epische aber auch zerstörerische Liebe. Sänger Jesse Lacey schwankt absolut eindrucksvoll zwischen Resignation, Flehen und wütendem Aufschrei. Dazu gibt es gigantische Gitarrenriffs und einen dramatischen Kinderchor, die den Song bis zum Ende hin zu einem immer breitwandigeren Rocker machen, der emotional aufwühlt und so schnell nicht mehr loslässt. Was diesen Song, ebenso wie das ganze Album, so einzigartig macht sind diese alles durchziehende Emotionalität und diese sich immer wieder entladende Frustration, die im Gegensatz zu den Millionen so künstlich wirkenden Emo- und Alternative Rock-Bands auch nach dem hundertsten Hördurchgang noch überraschen, erschrecken und einfach mitreißen.

"I used to pray like God was listening.
I used to make my parents proud.
I was the glue that kept my friends together,
Now they don't talk and we don't go out."
 


Ältere Liebeserklärungen: hier, hier und hier

Sonntag, 15. April 2012

Musiktipps: 11 weitere, aufregende Musikerinnen unter 30 (UK Edition)

Teil 1 gibt es Hier

Daughter / Elena Tonra (Folk, Singer-Songwriter; geboren 1989 oder 88)   


 
  Gabrielle Aplin (Indie Pop, Singer-Songwriter; geboren 1992) 


Lucy Rose (Indie, Folk; geboren 1989) 

  Rachel Sermanni (Folk, Singer-Songwriter; geboren ~1993)


Emily and the Woods / Emily Wood (Folk, Singer-Songwriter; geboren 1989) 


  Rae Morris (Singer-Songwriter; geboren ~1992)


 Charlene Soraia (Folk, Singer-Songwriter; geboren 1988)


  Misty Miller (Folk, Singer-Songwriter; geboren ~1995)


Hannah Peel (Folk, Singer-Songwriter; geboren ~1983)


  Rose Kemp (Folk; geboren 1984)  
Hörprobe: Rose Kemp - Saturday Night (live) 

...und nicht aus Großbritannien, aber wen interessierts, weil: WOW! 

 Lady Lamb the Beekeeper / Aly Spaltro (Folk, Singer-Songwriter; geboren ~1990) 
Hörprobe: Lady Lamb the Beekeeper - Up the Rafters/Regarding Ascending the Stairs (live)  

Sonntag, 1. April 2012

Dexter und Sons of Anarchy - Sucht-Serien für den "modernen" Fernsehzuschauer


Dexter und Sons of Anarchy sind gute, manchmal auch großartige Spannungs-Serien mit innovativen oder zumindest äußerst ungewöhnlichen Konzepten für Produkte der amerikanischen Fernsehkultur. Sie sind auf eine Weise das absolute Gegenteil typischer amerikanischer Fernse-Serien mit ihrem Fokus auf traditionellen Werten, eindeutigen Helden und vorhersehbaren Spannungsbögen. Trotz allem ist sowohl Dexter als auch Sons of Anarchy oft überraschend traditionell, ja fast schon konservativ und wurde auch genau deswegen zu Publikumslieblingen...


Dexter Morgan, die Hauptfigur der gleichnamigen Serie, ist ein Forensiker mit dem Schwerpunkt Blut bei der Polizei von Miami. Gleichzeitig ist er aber ein methodischer und scheinbar mitleidsloser Serienkiller. Sein verstorbener Vater, der Dexters Neigung früh erkannte, schulte ihn darauf seine Mordlust mit einem Code zu zügeln, der ihm nur erlaubt andere Mörder umzubringen, denen die Polizei nicht beikommen kann oder die sich bisher dem Gesetz erfolgreich entziehen konnten.
Diese Tatsache macht Dexter sicherlich zu einem der deutlichsten und bedenklichsten Anti-Helden in der Fernsehgeschichte. Denn besonders am Anfang wird es durchaus deutlich, dass diese Figur ein eiskalter Mörder ist, der das Töten genießt, es braucht und dazu noch von anderen Killern und deren Taten überaus fasziniert ist. Doch die Serie schafft es Dexter Morgan mit unheimlicher Geschwindigkeit zu einem Helden zu machen, einer Person, mit der man sich so sehr identifiziert, dass man oft vollkommen vergisst, was da eigentlich auf dem Fernsehschirm (und in einem selbst) geschieht. Das ist sicher zum Teil der Verdienst von Darsteller Michael C. Hall, der dieser auf dem Papier so eindimensional und böse wirkenden Figur, unheimlich viele Facetten und Nuancen gibt, sowie ein grandioses Mimik-Spiel. Dazu kommt der abschwächende Trick der Serien-Schreiber Dexter Support-Charakter beizustellen, die ihn zunehmend vermenschlichen und Gegner, die noch viel grausamer und gewissenloser sind als er und sich dazu noch an den Unschuldigen und Wehrlosen vergehen. Dagegen versucht Dexter selbst gegen seine Dränge zu kämpfen, um ein normaler Mensch werden zu können. Und so wird aus einem Massenmörder so etwas wie Batman; ein Mann, der die bestraft, die der Polizei entwischt sind oder denken über dem Gesetz zu stehen.
Doch neben diesen Faktoren spielt sicher auch die Faszination vieler Zuschauer mit Mord und den düsteren Ecken der Gesellschaft und auch dem menschlichen Gehirn eine Rolle. Dexter Morgan kehrt seine Dämonen nach außen und geht seinen Trieben nach, nur gesteuert vom eigenen Überlebensdrang und in einem geringeren Ausmaß auch das Wohlbefinden von Familie und Freunden (zumindest am Anfang der Serie). Solche oder ähnliche Fantasien hat sicher jeder einmal und Dexter gibt dafür ein sicheres Ventil.


Sons of Anarchy ist fast noch drastischer. Es geht um Jackson „Jax“ Teller, den „Golden Boy“ einer Motorradgang, die von seinem (verstorbenen)Vater mitbegründet wurde. Er beginnt das Gangleben voller Gewalt und Waffenhandel in Frage zu stellen und ist hin- und hergerissen zwischen den Verlockungen des Ganglebens und der Vorstellung von einem normalen und friedlichen Leben. Der Konflikt mit dieser Ersatzfamilie und vor allem mit seiner Vaterfigur, dem Gang-Anführer Clarence „Clay“ Morrow hat Züge von Hamlet, ist aber in erster Linie eine hervorragende Action/Spannungs-Serie. In Sons of Anarchy werden so die sonst klassischen Serien-Bösewichte zu den Helden der Geschichte. Das geschieht erst einmal durch die allgegenwärtige Korruption und der uneingeschränkten Eigennützigkeit, die aus den Helden (Polizei, FBI, ATF, usw.) im besten Fall Figuren in einer ethischen Grauzone macht und sie im drastischsten Fall zu manipulativen, machthungrigen Karikaturen verkommen lässt (die aber durchaus unterhaltsam sind). So sind die Sympathien schon deutlich zugunsten der Biker verschoben. Dazu kommt eine oft äußerst bedenkliche Glorifizierung des Gangsterlebens in der Freundschaft, Bruderschaft und Loyalität über allem stehen und jeder dazu einfach verdammt cool ist. Da vergisst oder verdrängt der Zuschauer schnell, dass die „Helden“ der Serie allesamt Mörder, Waffenhändler, Drogendealer und Schläger sind, die noch dazu Frauen oft wie Dreck behandeln. Die Identifikationskraft mit diesen coolen Typen und ihrer „Familie“ geht dann sogar soweit, dass Gewaltausbrüche gefeiert und bejubelt werden. Denn immerhin stehen die Mitglieder von Sons of Anarchy für etwas, in einer Welt, wo sonst jeder nur an sich selbst denkt. Der Wunsch nach Familie, Zugehörigkeit und etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt, macht für viele Zuschauer die Serie sicher ebenso reizvoll wie auch die Vorstellung eines Lebens außerhalb des Alltags und der „normalen“ Gesellschaft. Die Macher der Serie versuchen, ähnlich wie bei Dexter, die Brutalität und moralische Fragwürdigkeit der Protagonisten abzumildern durch Nebenfiguren, die entweder die Hauptfiguren in ein wärmeres Licht tauchen oder aber, durch ihre noch viel größere Boshaftigkeit, heldenhafter erscheinen lassen. Dazu kommt auch hier, der Versuch der Hauptfigur der Kriminalität zu entfliehen und ein ehrenhaftes Leben zu führen. Das die auf den ersten Blick so deutliche, moralische Fragwürdigkeit der Serien-Helden schnell unwichtig wird, ist auch hier der guten Arbeit von Schauspielern und Drehbuchschreibern zu verdanken.


Diese post-“whatever“-modernen Serienhelden sind also das absolute Gegenteil klassischer Fernsehhelden, die mehr oder weniger geradlinig, Verbrecher schnappen und parallel die Frau fürs Leben suchen und/oder Freundschaften pflegen, während sie bei all dem immer einem klar ausformulierten, moralischen Kodex folgen. Doch bei genauerer Betrachtung gehorchen die Protagonisten von Sons of Anarchy und Dexter größtenteils den gleichen Konventionen amerikanischer Fernsehkultur. Die Figuren sind deutlich vielschichtiger und stehen an einer ungewöhnlichen Stelle des Helden-Schurken-Spektrums, gleichzeitig steht aber auch hier das Identifikationspotential für die Zuschauer und deren Verlangen nach den üblichen Geschichten an erster Stelle. So wird aus dem emotionslosen, asexuellen Massenmörder zunehmend ein Familienmensch, der Liebe findet, ebenso wie ein reiches, emotionales Innenleben. Und aus dem ruchlosen Biker wird ein liebevoller Familienmensch, der Gewalt mehr zum Schutz seiner Familie einsetzt und allgemein sein Gehirn einsetzt, anstatt nur seine Fäuste. Diesen Zwängen der Fernsehunterhaltung können auch solche provokanten Serien nicht entkommen. Doch gerade dieser Anteil klassischer Fernsehmechanismen macht diese vielschichtige Fernsehunterhaltung voller tiefgründiger, konfliktbeladener Figuren, die den Zuschauer nicht nur berieseln, sondern heraus fordern und zum Denken anregen, erst möglich. Warum fasziniert mich das so? Warum gefällt mir das so? Ist es in Ordnung, es gut zu finden? Graustufen statt nur schwarz und weiß.


Natürlich haben die Serien auch ihre Probleme: Dexter hat in sich geschlossene Handlungsanteile in jeder Folge und eine Hintergrundhandlung, die sich durch eine ganze Staffel zieht. Dadurch kommt es zwangsläufig dazu, dass der Anfang von Staffeln oft mit Füllmaterial angereichert wird, bevor es zur Mitte hin langsam immer spannender wird. Dazu kommt die oft leider viel zu starke Geschlossenheit der einzelnen Staffeln. Die weitreichenden, schockierenden Entwicklungen in einer Staffel hat größtenteils keine Auswirkungen auf die nächste Staffel und vergangene Ereignisse bleiben frustrierender weise unerwähnt. Die Kehrseite davon ist, dass sich Dexter oft für eine Staffel hervorragende und angesehene Gastdarsteller aussuchen kann, die sich gegenseitig in Charisma und Talent überbieten.
Die Serie beschränkt sich dazu noch zu sehr auf die Perspektive und das Innenleben von Dexter Morgan. Nebenfiguren sind dadurch unterentwickelt und werden mit zunehmender Länge der Serie nahezu überflüssig für die Haupthandlung. Doch die, vor allem am Ende einer Staffel, erzeugte Spannung und der ungewöhnliche, absolut grandios gespielte Protagonist gleichen das größtenteils aus.
Bei Sons of Anarchy fängt das Problem mit dem Serienschöpfer Kurt Sutter an, dessen riesiges Ego ihn zwar zu einem hervorragenden Kritiker macht, aber Kritik an der eigenen Person bzw. Problemen in der Serie unmöglich macht. Auch seine Serie leidet in etwas eingeschränkterem Ausmaß an den fehlenden Konsequenzen. Am Ende einer Staffel kommen alle davon und zu Beginn der nächsten Staffel geht es mehr oder weniger von vorne los, ohne das eine Weiterentwicklung stattgefunden hätte. Dazu kommt mit Jax eine Hauptfigur, die von den Konflikten zwischen Club vs. Familie vs. Liebe vs. Selbsterhaltung so gelähmt ist, dass sie zu einer rein reaktiven Figur wird, die nur selten aktiv ins Geschehen eingreift. Dagegen stehen aber auch hier Schauspieler, die aus auf den ersten Blick für sie unpassend erscheinenden Rollen, alles heraus holen und ein großartig angelegten Spannungsbogen, der am Ende einer Staffel sowohl schlüssig, mitreißend und am wichtigsten - überraschend aufgelöst wird.


Was beide Serien darüber hinaus so faszinierend macht ist ihre thematische Vielschichtigkeit: Anteile von Drama, Comedy und Action werden größtenteils mühelos in die Serien eingefügt und ergänzt durch ethische, psychologische und gesellschaftliche Thematiken. Dazu kommt der hohe serielle Anteil, der das Suchtpotential noch einmal deutlich vergrößert („nur noch eine Folge!“). Dadurch vereinen Dexter und Sons of Anarchy das Beste von alt und neu. Alle Mechanismen, die für erfolgreiche Serien notwendig sind, werden auch hier angewandt und sorgen für ein hohes Identifikationspotential. Dazu kommen aber ungewöhnliche, vielschichtige Protagonisten, die unsere eigenen Moralvorstellungen in Frage stellen, sie gegen unsere geheimen Sehnsüchte ausspielen und dazu noch die in Hollywood oft viel zu klaren (und langweiligen) Grenzen zwischen gut und böse verwischen....

Sonntag, 11. März 2012

TV Serien, die DU schauen solltest: Fringe

 
Es gibt zwei "Probleme" mit Fringe, die es mir sehr schwer machen die Serie ausreichend zu beschreiben und noch schwerer andere mit meinem Enthusiasmus dafür an zu stecken. 

Das erste Problem ist der Aufbau der Serie. Sie begann als groß angelegte Sci-Fi-Show, die eine ganze Weile brauchte, um seine Hauptfiguren richtig gut zu schreiben und die Frage wohin die Reise endgültig gehen sollte. Am Anfang hatten die Figuren (wie so oft bei ambitionierten Serien) noch keine richtige Tiefe und die Schauspieler wussten nicht wirklich, wie sich diesen Rollen nähern sollten. Hinzu kam, dass Fringe in seiner ersten Staffel noch zu sehr auf Stand-Alone-Episoden baute, die eine extrem durchdachte und zunehmend spannende Hintergrundhandlung immer wieder unterbrachen. Doch spätestens in der zweiten Staffel wurde Fringe von einer guten Serie zu einer fantastischen Serie. Ich denke es half ein wenig, dass die Serie nie ein Hit war und der Sender und die Macher sich stattdessen auf die treue und begeisterte Fanbasis konzentrieren konnten. Fringe baute langsam eine komplexe und wunderbar durchdachte Mythologie auf, die viele klassische Science Fiction-Konzepte berührte und ihnen gleichzeitig innovative Einschläge hinzufügte.


Und damit kommen wir zu dem zweiten Problem. Egal von welcher Seite aus ich versuche mich Fringe zu nähern, es klingt nicht besonders schmeichelhaft. Von Anfang an wurde die Serie mit Lost, Alias und Akte X verglichen und schlimmstenfalls als bloßer Abklatsch davon abgetan. Mit Alias hat die Serie aber nur den Schöpfer (J. J. Abrams) gemeinsam und die Tatsache, dass eine Frau die Hauptrolle spielt. Akte X war sicher die Serie, die groß angelegte Mysterien und eine unvergleichliche Seltsamkeit in amerikanischen Fernsehserien popularisierte. Davon und von einigen Ideen für seine Fälle hat sich Fringe sicherlich inspirieren lassen. Sonst haben die beiden Serien allerdings nicht viel gemeinsam. Bei Lost sind die vermeintlichen Parallelen am hinderlichsten. Seit diese Serie das Tor öffnete für komplexe Serien, die ihren Zuschauern eine gewisse Intelligenz und Aufmerksamkeit abverlangten, versuchten alle Sender mehr oder weniger schlechte Kopien von Lost zu machen. Und diesen Vorwurf musste sich auch Fringe gefallen lassen. Neben dem selben Macher, teilweise den selben Schreibern und einem ähnlichen Soundtrack ist es eben auch diese groß angelegte Mythologie voll mit ungeklärten Fragen und Cliffhangern, die bei oberflächlicher Betrachtung an Lost erinnert. Doch in einigen Aspekten haben die Fringe-Schreiber auch aus den Fehlern von Lost gelernt und machen es einfach besser. Wo Lost zum Beispiel so damit beschäftigt war immer neue Rätsel zu erschaffen, die am Ende unmöglich alle halbwegs sinnvoll aufgelöst werden konnten, fing Fringe langsam an und hat bis jetzt schlüssig und logisch seine Welt und seine Mythologie erweitert. Natürlich gibt es auch hier Cliffhanger und eine langsam eskalierende Skala der unglaublichen Ereignisse. Aber im Gegensatz zu Lost hat die Serie bis jetzt nicht vollkommen unerwartet ihre Richtung geändert und wirkt als ob sie auf ein befriedigendes und vor allem geplantes Ende zusteuert. Dazu kommt, dass die Figuren viel mehr Klartext reden, statt wie bei Lost ständig alles geheim zu halten oder unklar auszudrücken. Die Spannung bleibt, aber der Frustrationsgrad ist deutlich geringer.


Es gibt aber natürlich auch noch weitere Gemeinsamkeiten mit Lost, die Fringe gerade zu so einer guten Serie machen. Im Prinzip geht es in der Serie um Olivia Dunham (Anna Torv), die für das FBI arbeitet, bis sie durch einen mysteriösen Fall mit der Fringe Division in Berührung kommt, für die sie in Folge arbeiten wird. Diese Regierungsabteilung kümmert sich um alle möglichen seltsamen und unerklärlichen Vorkommnisse und Verbrechen. Olivia benötigt für ihren ersten Fall die Hilfe des ehemals genialen, jetzt aber leicht wahnsinnigen Wissenschaftlers Walter Bishop (John Noble). Dieser wiederum kann nur durch Einverständnis seines Sohnes Peter (Joshua Jackson) die Irrenanstalt in der er sich befindet, verlassen. Zunächst widerwillig und voller Skepsis, bilden die drei bald ein eingespieltes Team. Diese kurze Beschreibung klingt, besonders für Menschen, die Science Fiction eher nüchtern betrachten, nicht besonders spannend. Mehr von der Mythologie zu erzählen ist daher zwar verlockend, verdirbt aber potentiellen Zuschauern sicherlich die Freude bei der langsamen Entdeckung dieses meisterhaft aufgebauten Universums. Stattdessen komme ich zurück zu einer der Gemeinsamkeiten mit Lost. Denn das eigentlich Herz der Serie sind auch hier die Personen und ihre Beziehungen zueinander. Auch für Leute, die sich nicht so sehr für Science Fiction, Horror, Thriller oder Aspekte zum nachdenken interessieren, kann Fringe so zu einer guten Serie werden. Hauptfigur Olivia Dunham war zu Anfang der Serie noch eine sehr genre-typische Rolle. Die talentierte, leicht unterkühlte Bad Ass-Agentin mit leichten, emotionalen Problemen. Doch Darstellerin Anna Torv gab zusammen mit den Schreibern dieser Rolle so viel Tiefe und Authentizität, dass sie sich ohne Zweifel zu einer meiner absoluten Lieblingsfiguren im Fernsehen entwickelt hat. John Noble dagegen spielt seine auf dem Papier so klischeehaft wirkende Rolle des „verrückten Professors“ einfach meisterhaft, stürzt den Zuschauer in eine Wechselbad der Gefühle, wenn er zwischen Tragik und Komik schwankt und macht ihn unvergleichlich liebenswert. Die sich im Laufe der Serie entwickelnde Vater-Sohn Beziehung der so entfremdeten Bishops ist ebenso herzerwärmend wie realistisch. Und dann wäre da noch die scheinbar obligatorische Liebesbeziehung zwischen Olivia und Peter. Doch auch hier macht die Serie alles richtig. Die Beziehung der beiden entwickelt sich äußerst langsam, aber überaus organisch aus der am Anfang so ungewissen Partnerschaft. Die Serie verzichtet dankbarerweise auf das sonst so übliche „Will they, won't they“-Spiel und lässt den Figuren stattdessen Zeit sich zu entfalten und zu einander zu finden. Die Dynamik zwischen diesen drei ist es also schon wert Fringe eine Chance zu geben, ebenso wie das Talent der Schauspieler und das Leben mit dem sie diese tollen Figuren ausfüllen.


Um aber noch mal auf die Atmosphäre der Serie zurück zu kommen. Die Fälle des Fringe Teams sind immer spannend, oft sehr unheimlich und gerne auch mal ein wenig eklig. Oft sind sie gleichzeitig aber auch zutiefst berührend und schaffen damit den seltenen Spagat zwischen intelligenten, innovativen Science Fiction-Geschichten, die nie die emotionale Komponente vernachlässigen. Die Monster und Verbrecher bei Fringe sind, ebenso wie das Fringe-Team selbst, komplexe, oft verzweifelte oder missverstandene Personen (dazu fast immer von sehr guten Schauspielern verkörpert). Die Wendungen und Auflösungen (und davon gibt es, im Gegensatz zu Akte X oder Lost immerhin einige) der Fälle sind schlüssig und dennoch meist überraschend. Und noch dazu passen sie sich wunderbar in die mysteriöse Welt von Fringe ein und haben dort ihren Platz in der Gesamtmythologie.
Wie es aussieht wird die aktuelle, vierte Staffel auch die letzte für Fringe bleiben, aber so kann die Serie immerhin für sich behaupten, immer besser und mutiger geworden zu sein. Und ein geplantes und schlüssiges Ende hat die Serie angeblich auch schon geplant, geschrieben und abgedreht. Doch völlig unabhängig davon haben die Macher von Fringe eine faszinierende Welt erschaffen, die zu erfoschen sich auf jeden Fall lohnt und ein paar wunderbare Fernseh-Figuren, die jeder Fan liebevoll gemachter TV-Unterhaltung kennen lernen sollte!

Guilty Pleasure-Filme: Ey Mann - Wo is' mein Auto?


Jeder hat so ein paar Filme, die er/sie früher aus irgendwelchen Gründen viel zu oft gesehen hat und die auch jetzt noch neben ungläubigem Kopfschütteln vergeblich unterdrückte Lachanfälle auslösen. Für mich ist einer dieser/ wenn nicht sogar DER Film Ey Mann - Wo is' mein Auto? Es gab eine Zeit, in der ich diesen Film mit Freunden gefühlt mindestens ein Mal pro Woche geschaut habe. Dazu gab es meistens billigen Südsee-Rum gemischt mit Orangensaft und Cola. Ein Getränk, das auf den ersten (und auch zweiten Blick) aussieht wie der Inhalt einer Kläranalage, aber doch überraschend gut schmeckte. Dasselbe gilt passender weise auch für Ey Mann - Wo is' mein Auto?

Der Film nimmt ein simples, aber effektives Comedy-Konzept und mischt in der Folge dumpfen Humor einer Stoner-Komödie mit einem ungewöhnlich hohen Anteil an Absurdität mit großem Erfolg. Jesse und Chester wachen nach einer durchzechten Nacht auf und haben einen absoluten Filmriss. Ihr Kühlschrank ist randvoll mit Pudding, ihre Freundinnen sind sauer und Jesses Auto ist verschwunden. Die beiden machen sich auf die Suche und treffen dabei unter anderem auf äußerst attraktive, aber gefährliche Aliens, einen verrückten, französischen Straußenzüchter und eine Möchtegernsekte unter dem Anführer Zoltan (bis heute mache ich automatisch das Erkennungszeichen, sobald ich diesen Namen höre, wer den Film kennt, weiß, was ich meine...).

Das Konzept des Filmrisses und die darauf folgende Erkenntnis was in der letzten Nacht so alles passiert ist als Ursprung für die Lacher im Film war auch damals noch nichts neues, aber es wurde seitdem leider durch den gnadenlos überbewerteten The Hangover und seine vielen Kopien bis zur totalen Ermüdung ausgelutscht. Ey Mann - Wo is' mein Auto? versuchte aber erst gar nicht wie diese Filme absolut übertriebene und unglaubwürdige Szenen in einer ansonsten realen Welt ein zu bauen. Stattdessen ist der Film von Anfang an eine unglaubwürdige Stoner-Komödie, die nach und nach in einen absurd lächerlichen Kampf zwischen Gut und Böse eskaliert in dem Jesse und Chester ungewollt und planlos die Helden sind, die einen sagen umwobenen Kontinuumstransfunktionator (!!) finden müssen, um die Erde zu retten.


Interessant ist der Film auch aus den Perspektiven der Beteiligten. Als erstes kommt da natürlich Ashton Kutcher in den Sinn, der zur Zeit des Films noch lediglich als Michael Kelso, die liebenswerte Dumpfbacke aus Die wilden Siebziger bekannt war. In Ey Mann - Wo is' mein Auto? spielt er nahezu die selbe Rolle und es war damals auch für alle klar, dass er das ganz gut macht, aber ansonsten für nicht viel zu gebrauchen ist. Mittlerweile ist Ashton Kutcher nach unzähligen, mittelmäßigen Komödien, romantischen und anderen, einer Ehe mit Demi Moore und einem Job als ultranerviger Moderator von Punk'd ein Superstar geworden, der nebenbei der best bezahlte TV-Schauspieler ist und einer der erfolreichsten Twitter-Nutzer der Welt. Wie das passieren konnte, ist mir unbegreiflich und sagt so einiges über den Stand der US-Unterhaltungsindustrie aus. Aber auch, wenn ich Kutcher nicht wirklich mag, freue ich mich doch immer ein wenig für den Kutcher von damals. Sean William Scott dagegen, der die andere Hauptrolle spielt, war bereits durch seine Rolle als Stiffler in American Pie für immer als stumpf und grenzwertig lustiger Typ gecastet. Erst seit kurzem versucht er durch ernstere Rollen diesem Schema langsam zu entfliehen und beweist dabei, dass er auf jeden Fall mehr Talent hat als Kutcher, auch wenn er niemals auch nur ansatzweise dessen Starpower erreichen wird. Die einzige andere bekannte Schauspielerin ist Jennifer Garner, die ihre Rolle in dem Film bestimmt auf ewig bereuen wird, eine Tatsache, die mich bei jedem schauen wieder mit leichtzer Schadenfreude erfüllt.

Nach diesem Exkurs habe ich bemerkt, dass ich bereits endgültig zu viel und zu hochtrabend über einen solch stumpfsinnigen Film berichtet habe. Doch das ist nicht ganz ungerechtfertigt. Denn auch wenn der Film größtenteils unheimlich hirnlos erscheint, steckt doch ein gewisses Schreibtalent, eine ganze Prise Kreativität und eine Liebe zum Detail dahinter, um den scheinbar so stumpfen und billigen Humor auch nach vielen Durchgängen noch so witzig und zitierbar zu machen. So sind typische Szenen wie die Begegnung von Jesse mit einer aggressiv nervigen China-Imbiss-Mitarbeiterin (und daaann?) oder die positiv-schockierende Entdeckung der beiden Hauptdarsteller, dass sie plötzlich tätowiert sind (Was hab ich aufm Rücken?) durch ihr hohes Level an absurder Comedy und einer sich immer weiter steigernden, manischen Energie, die sich durch den ganzen Film zieht, für mich auf ewig unvergesslich....