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Sonntag, 26. Juli 2015

Alben und Songs des Monats - Juni & Juli



 Vince Staples - Summertime '06
"My teachers told me we was slaves. My mama told me we was kings.
I don't know who to listen to. I guess we somewhere in between."

Das lang erwartete Debüt-Album von Vince Staples übertrifft Erwartungen und ist dabei in vielerlei Hinsicht auf angenehme Weise äußerst überraschend.

Staples wurde bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Odd Future und zeigte bereits dort, dass von ihm noch großes zu erwarten ist. Richtig bekannt wurde er dann durch seine gefeierte EP Hell Can Wait auf der Staples aus Gangsta Rap, fantastischen Lyrics und seinem düsteren Weltbild absolute Banger machte. Doch statt diesen Weg konsequent weiter zu gehen, gibt es mit Summertime '06 ein unheimlich düsteres, monolithisches Konzept-Doppel-Album. Und entgegen aller Befürchtungen hat er sich dabei auch noch selbst übertroffen. Es gibt weniger Hits und definitiv keine Radio-Singles auf Summertime, aber ein kompromissloses, abwechslungsreiches Meisterwerk, das trotzdem immer nach Vince Staples klingt und bei 20 Songs keine einzelne Schwachstelle aufweist.

Großen Anteil daran hat sicher auch der legendäre Produzent No I.D., der den Großteil des Albums produzierte und daneben Beats von Clams Casino und DJ Dahi mühelos in das Ganze einflechtete, ohne ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten zu opfern. Wo viele andere Rap-Alben entweder unter nicht zusammen passenden Tracks leiden oder aber unter einer zu großen Gleichförmigkeit, formten No I.D. und Staples ein ganzes Doppel-Album wie aus einem Guss, das dennoch beeindruckend vielseitig bleibt. Die Beats an sich sind größtenteils minimalistisch und düster, behalten aber dabei immer Glanz und Größe .

Das entscheidende für den Erfolg dieses Albums ist aber natürlich das immense Talent von Vince Staples, der mit seinen gerade einmal 21 Jahren selbstbewusst und abgeklärt klingt, aber auch hungrig und energisch wie noch nie. Mein Eindruck eines "Side-Kicks" anderer Rapper, der regelmäßig die Show stiehlt, wird hier schnell widerlegt - Staples ist trotz vieler Gäste der uneingeschränkte Star auf Summertime und erzwingt die Aufmerksamkeit zu jeder Sekunde. Die Features sind mehr Teil der Produktion, fügen sich nahtlos in die Geschichte ein und verstärken die Wirkung des Hauptdarstellers nur noch. Und der ist nicht nur ein großartiger Rapper und Texter, sondern auch ein glaubwürdiger Erzähler. Als ehemaliges Gang-Mitglied zeichnet er ein realistisches Bild einer Jugend ohne Perspektiven und Ausweg. Der Titel des Albums steht für das Jahr in dem Staples und seine Freunde ihre Unschuld verloren und ihre Kindheit endete. Er rappt wie so viele andere über das Gangleben, verzichtet aber vollständig auf seine Glorifizierung. Dieser Realismus macht Summertime zu einem bedrückenden und oft hoffnungslosen Album, aber auch zu einem intensiven, fesselnden Hörerlebnis.           

Lieblingslieder: Lift Me Up, Dopeman (feat. Joey Fatts & Kilo Kish), Señorita, Summertime, Surf (feat. Kilo Kish), Get Paid (feat. Desi Mo), Like It Is

Hudson Mohawke - Lantern
"Watch out for the Riders - YEAH, Watch out!"

Der Hype für Hudson Mohawkes neues Album verpuffte überraschend schnell, was aber keineswegs an der Qualität von Lantern lag, sondern vermutlich viel mehr an falschen Erwartungen und einem Künstler, der sich absolut nicht festlegen will oder kann.

Mohawke wurde durch TNGHT, sein gemeinsames Projekt mit Lunice, bekannt und produzierte danach Musik für hochkarätige Hip Hop-Stars wie Kanye West. Auf Lantern gibt es mehr von dieser Art von Musik (auch wenn keine Rapper auftauchen), aber auch ganz viel anderes. Das hört sich bestenfalls wie eine Compilation von Hits an, klingt aber oft einfach etwas unausgegoren und ziemlich durcheinander. Die bereits erwähnten instrumentalen Tracks, die an TNGHT erinnern, wechseln sich mit poppigen Hymnen, inklusive hochkarätiger Gastsänger, ab. Daneben gibt es dann noch Tracks, die wie Teiles eines bombastischen Filmsoundtracks klingen oder einfach fröhliche Clubsongs. Auch wenn Mohawke sich nach eigener Aussage offenbar viel dabei gedacht hat, wirkt das Album insgesamt wie drei oder vier unterschiedliche EPs, die wild zusammen gewürfelt wurden.

Bevor das zu negativ klingt, muss ich sagen, dass mir das Album nach anfänglicher Skepsis trotzdem enorm gefällt. Ich betrachte das ganze einfach mehr wie eine Song-Sammlung, bei der ich mir je nach Stimmung, die passenden Lieder raus picke. das euphorische Ryderz etwa mit seinem perfekt in Szene gesetzten Soul-Sample ist ein Gute-Laune-Garant. Dann gibt es das wunderbar behämmerte Shadows, das gleichzeitig an 8-Bit-Musik und Eurodance erinnert und gerade deswegen viel Spaß macht. Und auch die Popsongs sind wirklich toll, auch wenn sie nicht zum Rest passen. Besonders Miguel und vor allem der immer wunderbare Antony Hegarty werden von Mohawke wunderbar umschmeichelt. Alles in allem gibt es also keinen einfachen oder durchgehenden Hörgenuss auf Lantern, aber auch keinerlei schwache Songs.

Lieblingslieder: Ryderz, Indian Steps (feat. Antony), Scud Books, Deepspace (feat. Miguel)   

MS MR - How Does It Feel
"No one taught me better than you. There will be highs and there will be lows. Not a lot has to change, things just can't stay the same."

Der Albumtitel des zweiten Albums von MS MR ist ziemlich passend, da ich auch nach vielen Hördurchgängen nicht wirklich weiß, wie ich das Album finden oder bewerten soll. Und irgendwie gilt das auch für das ganze Schaffen der Band.

2012 veröffentlichten MS MR ihre erste EP, die bereits das Beste der Band zeigte. Vier perfekte Pop-Songs, bombastisch aber stimmungsvoll und dabei fast etwas unheimlich. Größte Stärke war dabei die riesige Stimme von Lizzy Plapinger, die den Songs gleichzeitig Hymnen-Status und großes Gefühl gab.
Das erste Album kam dann ein halbes Jahr später und war vor allem mehr desselben. Das lag vor allem daran, dass die vier Songs der EP auch hier zu finden waren und fast alle anderen Songs deutlich in den Schatten stellten.

Und drei Jahre später kommt dann ein Album, das, trotz einiger vorsichtiger Experimente, wieder ziemlich ähnlich klingt. Und das macht es schwer zu sagen, wie ich How Does It Feel eigentlich finde. Die meisten Bands, die sich immer wiederholen, sind sehr langweilig. Aber trotz allem, finde ich einige Songs hier wieder ziemlich mitreißend und Plapingers Stimme ist nach wie vor eine absolute Wucht. Es sind dann vor allem auch jene Songs meine Highlights, in denen sie ihre Stimme besonders ausreizt. Dann funktioniert auch die eigentlich seltsame Mischung aus Synth Pop mit 80er-Nostalgie, düsterer Stimmung und You-Can-Do-It-Mentalität besonders gut.
Doch es gibt auch genug Songs, die trotz toller Stimme und bombastischem Sound beim Hören einfach verpuffen und keinen großen Eindruck hinter lassen. Und insgesamt ist das Album auch etwas "fröhlicher" und verliert dadurch den verträumten und düsteren Unterton - einer der größten Stärken der Band bisher.
Es lässt sich deshalb wieder fest stellen; zurecht gestutzt auf EP-Länge wäre How Does It Feel immer noch eine Selbstkopie, aber trotzdem ziemlich großartig. So muss man sich dann doch die Highlights raus picken und ausmalen, wie viel Potential da noch vorhanden wäre...

Lieblingslieder: Painted, No Guilt In Pleasure, Leave Me Alone, Pieces      

The Armed - Untitled
 "Don't tell me what to do. Don't tell me how to think.
Don't tell me anything at all. It's all just noise."

Ich bin großer Fan von richtig dreckigem Punk Rock und auch von brutalem, technisch beeindruckenden Math Rock. The Armed vermischen diese beiden Genres so mühelos und auf hohem Niveau, dass still sitzen zur Unmöglichkeit wird beim zuhören.

Ich weiß nicht, wieso mir diese Band bisher unbekannt war, obwohl der Meister persönlich, Kurt Ballou (Converge), ihre Musik produzierte. Und wie alles, was der Mann berührt, klingt Untitled fantastisch warm, klar und doch so schweißtreibend und unmittelbar wie ein Tritt ins Gesicht.

Aufmerksam bin ich auf die Band vor allem geworden, weil der übernatürlich begabte Nick Yacyschyn (Baptists, Sumac) auf dem Album Schlagzeug spielt. Im Gegensatz zu seinen anderen Bands, scheint er, angespornt vom Rest von The Armed, sogar noch eine Schippe drauf zu legen. Das Drumming ist technisch präzise, komplex und doch nie klinisch oder angeberisch.

Der Rest der Band steht Yacyschyn in nichts nach und prügelt den Hörer auf 14 Songs fast in die Besinnungslosigkeit. Die größte Leistung ist dabei die bereits erwähnte Verbindung von Genres. Für jede Math Rock-Explosion gibt es melodische Stellen, unglaublich eingängiges Songwriting und eine immer absolut mitreißende Stimmung, egal wie technisch oder brutal die Musik gerade ist. The Armed funktionieren wie eine perfekt geölte Maschine, eine Hitfabrik der härtesten und experimentellsten Sorte. Ich glaube nicht, dass mir ein Album aus dem Hardcore/Metal-Bereich dieses Jahr mehr Spaß bereiten wird. Und das beste Album zum Sport treiben seit Ewigkeiten ist Untitled sowieso.   

Lieblingslieder: Future Drugs, Forever Scum, Blessings, No Risk, Paradise Day

Jenny Hval - Apocalypse, girl
 
"Could I give you that, that which sometimes expects nothing?
Accepting restlessness, accepting no direction, accepting this fearful wanting that isn't desire?"
 
Jenny Hval macht experimentelle Popmusik, die sich trotz ihrer Seltsamkeiten und abstrakter Texte eine unerwartete Eingängigkeit bewahrt. Ihr letztes Album Innoncence Is Kinky war trotz experimentellem Charakter und tiefgreifenden Konzepten angenehm direkt und hatte mit dem Titelsong einen kleinen Hit.

Apocalypse, Girl schraubt die Zugänglichkeit zugunsten von Improvisation und Experimentierfreude, noch etwas weiter zurück. Doch auch hier schimmern funkelnde Melodien immer wieder durch und bilden einen faszinierenden Kontrast. Stimmlich ist Hval unverändert beeindruckend, aber sicher auch nach wie vor polarisierend. Ihr Gesang ist mal kindlich verspielt, mal flüsternd und unheimlich, dann wieder groß und beeindruckend. Er ist jedoch immer recht hoch und wird, ähnlich wie bei Joanna Newsom oder Björk, mehr als vielseitiges (und technisch äußerst beeindruckendes)  Instrument eingesetzt. Das kann beim zuhören anstrengend sein, ist aber auch immer wieder absolut fesselnd. Die Texte der Songs sind dabei kaum konventionelle lyrics, sondern mehr vertonte Gedichte, abstrakte Traumbilder und durchdachte Provokationen. Darin geht es immer wieder um das Verhältnis der Geschlechter und Körper(bilder) im Kapitalismus - Themen, die neben vielen anderen, mit Humor aber auch in einer aufschreckenden Deutlichkeit behandelt werden.

Die Musik auf Apocalypse, Girl ist, im Gegensatz auch zu den Vorgänger-Alben, noch zurück genommener. Der experimentelle Sound, mit seinen Ambient- und Drone-Anflügen erinnert mich an Swans oder Xiu Xiu, aber die oft furchteinflößende Wut und Bedrohlichkeit dieser Bands wird bei Jenny Hvals Musik ersetzt durch eine unbestimmte Bedrohlichkeit und den spannenden Kontrast von Songs, die zugleich zutiefst körperlich und doch auch abstrakt und ätherisch wirken.
Was jedoch bei diesen hochtrabenden Worten nicht vergessen werden darf, ist, dass Apocalypse, Girl auch einfach nur sehr unterhaltsam und immer wieder auch äußerst bewegend ist.

Lieblingslieder:  Take Care Of Yourself, That Battle Is Over, Sabbath


Songs:

Julien Baker - Sprained Ankle: Das Internet ist schon was tolles. Es ermöglicht mir eine noch nahezu unbekannte Künstlerin, die tausende Kilometer entfernt lebt und Musik macht, durch Zufall zu entdecken. Ein fesselndes Foto und dann ein absolut umwerfender Song und die Welt ist sofort schöner. In nicht mal 2 1/2 Minuten zaubert Baker nur mit ihrer zarten, aber vollen Stimme und hypnotischen Gitarrenklängen ein kleines Meisterwerk voller Gefühl. (Link)

Chvrches - Leave a Trace: Das unglaublich sympathische Trio aus Glasgow macht immer noch tollen Synth Pop mit großen Refrains. Die erste Single des zweiten Albums knüpft nahtlos am bisherigen Sound der Band an, ist dabei neben einem besonders großartigen Refrain aber auch mit einer überraschenden Portion Wut ausgestattet, die ihm sehr gut steht. (Link)

Foals - Mountain At My Gates: Foals entwickeln sich konstant weiter, aber spätestens mit dem zweiten Album in einer kontinuierlichen Richtung: Dramatische Rockmusik mit Pop- und auch leichtem Post-Rock-Einschlag. Die ersten Singles des vierten Albums machen da keinen Unterschied, scheinen aber insgesamt noch eine ganze Ecke gewaltiger daher zu kommen. (Link)

Laura Marling - I Feel Your Love (Director's Cut): Short Movie war Laura Marlings elektrisches und rockiges Album, da liegt es nur nahe den Songs eine Rock n Roll-Überarbeitung zu schenken. Bei Feel Your Love wird die akustische Gitarre von einem stampfenden, elektrischen Blues-Riff ersetzt und die Streicher durch einen Background-Chor. Steht dem wütenden, sexy Song ausgesprochen gut. (Link)  

Bully - I Remember: Auch wenn ich die Band sehr mag, fiel es mir schwer über Bullys Debüt-Album zu schreiben. Sie sind eine weitere Band in einer scheinbar endlosen Reihe an 90er-Fans. Grunge, Pop Punk und Emo bilden auch hier einen typischen Sound. Aber abgesehen davon, dass Bully wirklich gute Songwriter sind, haben sie in Alicia Bognanno eine Wunderwaffe im Arsenal. Sie hat eine angenehme Singstimme und kann dazu schreien wie Kurt Cobain, aber mit viel mehr Power... (Link)

Carly Rae Jepsen - Run Away With Me: Ich bin kein großer Verfechter von "Poptimism", große Teile der Radiohits sind nach wie vor billig und langweilig, auch wenn sie von Indie-Schreibern schön geredet werden. Aber es gibt auch Ausnahmen wie Carly Rae Jepsen. Wer hätte gedacht, dass sich die Sängerin des unsäglichen "Call Me Maybe", mit Hilfe geachteter Songwriter, mal in eine Produzentin wirklich mitreißender, ansteckend positiver und irgendwie einfach guter Popsongs verwandeln würde? (Link)   

Meow the Jewels - Meowrly: Letztes Jahr versprachen EL-P und Killer Mike scherzhaft, dass sie ihr Album erneut aufnehmen würden und die Produktion komplett durch Katzengeräusche ersetzen würden, wenn jemand eine Deluxe-Version ihres Albums für 40.000 $ kaufen würde. Dann sammelte ein Kickstarter von Fans das nötige Geld in Rekordzeit ein und brachte die Band in Zugzwang. Doch Run The Jewels machten keinen Rückzieher, sondern begannen das Album tatsächlich zu produzieren, bekamen noch jede Menge hochkarätige Unterstützung dazu UND gaben das gesammelte Geld an die Hinterbliebenen von Eric Garner und Michael Brown. Bei all dem ist das eigentliche Produkt schon fast egal, aber jetzt ist der erste Song veröffentlicht und klingt wenig überraschend gleichzeitig fast unhörbar und fantastisch. (Link)
 

Montag, 30. März 2015

Alben und Songs des Monats - Januar, Februar & März

Das erste Quartal des (Musik-)Jahres 2015 ist vorbei und ich war schon lange nicht mehr so begeistert - nach nur 3 Monaten ist dieses Jahr musikalisch schon aufregender als viele andere Jahre in der jüngeren Vergangenheit. Da ich es nicht geschafft habe im Januar oder Februar etwas zu veröffentlichen, gibt es hier nun zusammen gefasst meine bisherigen Highlights 2015. Ab April dann hoffentlich wieder monatlich...


Meine Album-Highlights Januar - März:



Kendrick Lamar - To Pimp A Butterfly

"The evils of Lucy was all around me. So I went runnin' for answers..."

Eins vorweg: Über das neue Album von Kendrick Lamar zu schreiben traue ich mir eigentlich erstens nicht zu, zweitens wurde mittlerweile wohl auch schon alles dazu geschrieben und drittens bin ich kein riesiger Fan und finde manches auf dem neuen Album schlichtweg anstrengend. Trotzdem ließ mich dieses ausschweifende, ungewöhnliche Album nicht los und veranlasste mich dazu meine anfänglichen Vorbehalte immer weiter zu überdenken, bis ich anerkennen musste, dass ich trotz des ganzen Hypes ein Meisterwerk hörte.

Anders als viele anderen konnte ich bei Lamars bisheriger Musik zwar das immense Talent, die großen Ambitionen und das technische Können anerkennen, aber bis auf wenige Ausnahmen nicht wirklich mit den Songs warm werden. Das ist bei To Pimp A Butterfly zu meiner großen Überraschung vollkommen anders. Statt eines durchaus verdienten Ausruhen auf den Lorbeeren "schockiert" er große Teile seiner Fans mit Songs, die Jazz, Funk und viele Elemente "schwarzer" Musik einbauen und dafür klassischen Rap sogar oft hinter sich lassen. Und das Ding ist: das funktioniert fast überall verdammt gut.

Thematisch gibt es dazu diesmal keinen Kurzfilm in Musikform, sondern viele Vignetten, die sich vor allem mit der Lage von Schwarzen in den USA im allgemeinen und dem schwarzen Künstler im Besonderen befassen. Auch wenn ein Hadern mit der eigenen Berühmtheit und Lamars Selbsteinschätzung als Erlöser oftmals zum Augen Rollen einladen, hat er dennoch mehr zu sagen als die meisten anderen Rapper zusammen und dazu eben unvergleichliches Können und Charisma.

Es ist verlockend dieses Album endlos zu analysieren, Samples und Beteiligte zuzuordnen, oder die wiederkehrenden Gedichtsfetzen, allgegenwärtige Antagonistin Lucy (Luzifer) und 2Pac-Verehrung. Doch das kann abschrecken und abhalten davon ein Album wirklich zu genießen, das eben nur ein wenig Geduld erfordert.    

Lieblingslieder: Wesley's Theory, King Kunta, Alright, How Much A Dollar Cost, The Blacker The Berry

Father John Misty - I love You, Honeybear
 
"You left a note in your perfect script: >>Stay as long as you want<< 
I haven’t left your bed since"

Father John Misty ist das schräge Alter Ego von J. Tillman, der vorher unter seinem Namen und kurz als Teil der Fleet Foxes ernsthafte Folk Musik machte. Nach dieser bewussten Veränderung mit neuem Namen ist das zweite Album als Father John Misty eine große Überraschung. Es gibt immer noch jede Menge unerwartete, schräge Momente und Texte voller Zynismus, Ironie und Augenzwinkern. Gleichzeitig ist Honeybear jedoch ein unglaublich ehrliches Album über die Liebe geworden - von einem Mann, der es scheinbar nach wie vor nicht fassen kann, dass er die Liebe seines Lebens gefunden hat, obwohl er an diesen Liebeskram nicht wirklich glaubt...

I Love You... ist eine Liebeserklärung auf Albumlänge, bei der Poesie, Humor, Zynismus und Kitsch so eng verwoben sind, dass man als Hörer irgendwann aufgibt verstehen zu wollen, wie viel Tillman von dem Ganzen eigentlich ernst meint und wo er die hoffnungslosen Romantiker nur auf die Schippe nimmt. Was das Album, neben dem grandiosen Songwriting, jedoch so außergewöhnlich macht, ist die realistische Liebesgeschichte in seinem Zentrum, die nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch Mut und Lust macht sich mal wieder richtig zu verlieben...

Lieblingslieder: Chateau Lobby 4 (in C for Two Virgins), When You're Smiling And Astride Me, The Ideal Husband, I Went To The Store One Day

Zugezogen Maskulin - Alles Brennt
"Endlich wieder Weltkrieg! Tote, Bier und Titten!
Hashtag #ww3, Sexy Uniformen von Adidas
Und das Oranje-Pack kriegt mal wieder auf den Sack"

Testo und Grim104 von Zugezogen Maskulin haben halb scherzhaft lamentiert, dass sie jetzt Feuilleton-Rapper seien. Also von der Presse gefeiert, aber noch nicht erfolgreich genug um richtig Geld zu machen und gleichzeitig bei den richtigen Rap-Fans wegen Ausverkauf verhasst. Das die Beiden entgegen dieser Prophezeiung nicht nur äußerst erfolgreich mit ihrem neuen Album sind, aber trotzdem fast überall als die Rettung des Deutsch Rap gefeiert werden, ist zwar verwunderlich, aber voll verdient. 

Wie ihr Name schon deutlich macht, sind Zugezogen Maskulin zutiefst im Deutsch Rap verwurzelt, grenzen sich aber auch bewusst und unbewusst bei jeder Gelegenheit von ihm ab. So wird aus Alles Brennt ein Album, das weitgehend ohne die üblichen Klischees und Probleme des Genres auskommt und sich stattdessen ebenso humorvoll wie intelligent mit Themen wie Nationalismus, Elendstourismus, Flüchtlingspolitik und immer wieder der Rapmusik in Deutschland auseinander setzt. Statt dem erhobenen Zeigefinger oder Emo Rap gibt es aber hier zum Glück lieber schwarzen Humor, echte Wut und enorme Cleverness der beiden Rapper. Die Produktion dazu erinnert mich an amerikanische Trap Beats und Hudson Mohawke - ist also nicht bahnbrechend neu, aber äußerst effektiv und perfekt zugeschnitten auf die überdrehten Darbietungen von Testo und Grim104. 

Lieblingslieder: Oranienplatz, Endlich wieder Krieg, Vatermord, Schiffbruch

Natalie Prass - Natalie Prass
"Our love is a long goodbye, our love is a long goodbye"

Dieses selbstbetitelte Debüt ist auf den ersten Blick etwas irreführend. Auch wenn die titelgebende Sängerin klar im Mittelpunkt steht, waren an der Entstehung des Albums 13 Menschen beteiligt, die alle sehr wichtig für dieses kleine Wunder sind. Durch sie entstanden große Songs mit Streichern und Bläsern, die meisterhaft die Balance zwischen Schwermut und Leichtigkeit bewahren. 

Prass selbst trägt selbstverständlich mit ihrer delikaten, luftigen Stimme und ihren melancholischen Texten auch sehr zu dieser Balance und damit dem Erfolg der Musik bei. Es ist einfach unglaublich, dass ein Debüt, das auch noch Jahre lang unveröffentlicht blieb, so ambitioniert, vollendet und dennoch aufregend klingen kann. Und das die einzelnen Songs dann noch durchgehend solche Hits sind, die trotz eindeutigen Einflüssen und gelegentlich aufkommenden Nostalgiefaktor, unverkennbar nach etwas neuem und aufregenden klingen, macht einfach glücklich und Lust auf mehr.

Lieblingslieder: My Baby Don't Understand Me, Your Fool, Why Don't You Believe In Me, Violently

Love A - Jagd und Hund


"Ich wäre nicht gerne so wie früher, wäre nur früher gerne hier gewesen"

Mit Jagd und Hund meistern Love A aus Trier das schwierige und oft entscheidende dritte Album einer Band scheinbar mühelos. Sie perfektionieren den eigenen Sound ohne sich nur selbst zu kopieren und öffnen sich weiter dem Pop, aber immer weit entfernt vom Ausverkauf. Der ungestüme Zorn und Protest des Punk Rock vereint sich mit bissigem Humor, aber auch immer wieder unerwartet großen Refrains und Gefühlen.

Die bereits erwähnte Öffnung zum Pop ist bei Love A zwar auch der Hang zu eingängigen Melodien, viel mehr sind es aber diese großen, packenden Refrains in allen Songs, die schon beim ersten Hören einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was aber Jagd und Hund und damit auch Love A so einzigartig macht, sind die schlauen, lustigen oder auch unvermittelt tiefgründigen Textzeilen, die diese ebenso kantige, wie eingängige Musik begleiten.  So kann es passieren, dass man beim Hören lacht, dann zustimmend nickt und Minuten später inne hält um nach zu denken.

Das alles ist dann eben noch verpackt in energische Punk-Songs, bei denen sich Vertrautheit und Überraschung genau in der Mitte treffen.  

Lieblingslieder: Lose Your Illusions, 100.000 Stühle leer, Augenringe, Modem

Lady Lamb - After
"Now I'm an old song that you once knew, 
you can't remember me for the life of you"

Auf ihrem neuen Album setzt Aly Spaltro ihre große Stimme und ihr immenses Songwriting-Talent noch selbstbewusster in Szene als bisher. Ihr letztes Album lebte von den überraschenden Wendungen und Spaltros bildgewaltiger Sprache voll von Sex, Leidenschaft und ungebrochener Kraft. 

After ist da vielleicht etwas geradliniger und durchdachter, verliert aber dabei nichts von seiner überschwänglichen, unbändigen Energie. Stattdessen wird diese Energie in Songs verwandelt, die durchweg kraftvoll, positiv und insgesamt noch rockiger ausfallen als Spaltros bisheriges Schaffen. Was bleibt ist die pure Lust an der Musik, die man in jedem Lied deutlich hören kann und mit geschlossenen Augen sieht man das breite Grinsen von Aly Spaltro klar vor sich. Beim hören ist das genauso ansteckend wie der Spaß an ihrer Musik. 

Lieblingslieder: Violet Clementine, Spat out Spit, Penny Licks, Milk Duds, Atlas 

Purity Ring - Another Eternity
"I'll whisk away your heartsigh and bury it in mine"

Das Debüt von Purity Ring war ein spannendes, unheimliches aber durchwachsenes Electro Pop-Album mit ein paar großen Hits. Für ihr zweites Album hat die Band die Seltsamkeiten etwas zurück geschraubt und sich stattdessen weiter für Pop und EDM geöffnet. Zwar bleibt dabei die unheimliche Atmosphäre der Band etwas auf der Strecke, doch verschwunden ist sie nicht. Die Öffnung zur Elementen der Mainstream-Musik sorgt dazu nicht nur für jede Menge Hits, sondern auch für überraschende Schlenker im Electro Pop der Band. Die wahre Stärke von Purity Ring bleibt aber die perfekte Symbiose von Corin Roddicks funkelnder Produktion und Megan James märchenhafter Stimme. 

Lieblingslieder: Heartsigh, Stranger Than Earth, Begin Again, Dust Hymn, Flood On The Floor 

Laura Marling - Short Movie
"Is it still okay that I don't know how to be at all?"

Wenn man ihre Musik hört vergisst man schnell, dass Laura Marling nach wie vor erst 25 Jahre alt ist und nicht schon seit Jahrzehnten ihre Musik perfektioniert. Da ist es dann auch nicht verwunderlich, dass die Musikerin in die zwei Jahre, die seit ihrem letzten Album vergangen sind, scheinbar genug Lebenserfahrungen für eine ganze Karriere gepackt hat: Für die Liebe nach New York gezogen, dann Beziehungsende, Schaffenskrise, Arbeit in Restaurants, Lebenskrise in der fremden Stadt und schließlich Rückkehr nach England. Diese einschneidenden Erlebnisse merkt man Short Movie deutlich an. Es ist Marlings rockigstes, amerikanischstes und stilistisch ungewöhnlichstes Album. 

Die frühe Ankündigung eines Albums mit elektrischer Gitarre entpuppt sich zum Glück nicht als Gimmick oder Fehltritt, sondern organische Erweiterung von Marlings Sound, die gut zu den oft wütenden, energischen Songs passt. Schön und düster waren Marlings Texte und Musik schon immer, aber zum ersten Mal seit ihrem Debüt machen die Songs hier uneingeschränkt Spaß. 

Leider stehen den vielen neuen Ideen und dem sehr dynamischen Songwriting auch ein paar Songs gegenüber, die schlichtweg wenig aufregend sind und sich vor allem im Kontrast zum Rest des Albums ein wenig nach Selbstkopie anhören. Das macht aus einem uneingeschränkten Karriere-Highlight ein "nur" größtenteils überzeugendes Album, toll ist es aber trotzdem noch. 

Lieblingslieder: False Hope, I Feel Your Love, Don't Let Me Bring You Down, Easy, Short Movie  


Songempfehlungen:


Courtney Barnett - Pedestrian at Best: Der Text von Pedestrian at Best ist clever, witzig, bissig und einfach nur genial. Ihrer Musik hat Barnett dazu eine überraschend punkige Note verpasst, die sehr an In Utero erinnert, aber immer noch unverkennbar Courtney Barnett ist.

Torres - Strange Hellos: Mackenzie Scott scheint für ihr zweites Album die Energie ihrer Live Shows in die Songs einfließen lassen. Thematisch passend dazu ist ihr neues Album eine Abrechnung mit ihrer biologischen Mutter, die sie im Stich ließ. Und auch wenn ich einiges erwartet habe, gab mir der Song beim ersten Hören doch einen "Holy Shit!"-Moment im besten Sinne.

Björk - Notget: Wenn Björk die Trennung zur Liebe ihres Lebens verarbeitet klingt das unheimlich persönlich und doch auch welterschütternd und apokalyptisch. Notget etwa ist eine furchteinflößendes, dramatisches Monstrum voll Schmerz und Kraft.

Viet Cong - Silhouettes: Viet Cong sind die Nachfolgeband der viel gehypten Women und erinnern dazu oft an alte Interpol, Wolf Parade und Joy Division. Wenn man aber von all den Erwartungen und Vergleichen einmal absieht, bleibt die Musik ein beeindruckend kompaktes und druckvolles Post Punk-Glanzstück.

Caitlin Canty - Get Up:  Caitlin Cantys wundervolle Musik zwischen Country, Folk, Blues und Rock klingt zu gleichen Teilen hoffnungsvoll und schwermütig. ihre Stimme ist eine warme Offenbarung, Pedal Steel-Gitarre und Schlagzeug geben dem Song Get Up in Ergänzung und Kontrast dazu Dringlichkeit und Power.

HVOB - Ghost: HVOB machen House Musik, die den Widerspruch von schwermütiger Stimmung und traumhafter, oft tanzbarer elektronischer Musik immer wieder in ihren großartigen Songs auflöst. Das sich langsam entfaltende Ghost ist da keine Ausnahme, sondern weiteres Highlight. 
Kelela - A Message: Kelela hat eine große, sinnliche Stimme, die an Aaliyah erinnert und macht Musik irgendwo zwischen R&B und Trip Hop. Auf A Message arbeitet sie erstmals mit Produzent Arca (FKA twigs, Björk, Kanye West) zusammen - eine ebenso naheliegende wie brillante Partnerschaft.

Earl Sweatshirt - Grief: Der schleppende, dreckige Beat und ein Text voller Drogen Depression und Paranoia steht in einem interessanten Kontrast zu Earls Raps, die selten so zielstrebig, kontrolliert und selbstbewusst klangen. Grief ist ein uneingeschränktes Highlight auf einem unerwartet geradlinigen, aber sehr guten Rap-Album.