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Sonntag, 21. Juni 2015

Alben und Songs des Jahres 2015 (Halbzeitstand)

1. Father John Misty - I Love You, Honeybear 
(Folk / USA)
Father John Misty ist das schräge Alter Ego von J. Tillman, der vorher unter seinem Namen und kurz als Teil der Fleet Foxes ernsthafte Folk Musik machte. Nach dieser bewussten Veränderung mit neuem Namen ist das zweite Album als Father John Misty eine große Überraschung. Es gibt immer noch jede Menge unerwartete, schräge Momente und Texte voller Zynismus, Ironie und Augenzwinkern. Gleichzeitig ist Honeybear jedoch ein unglaublich ehrliches Album über die Liebe geworden - von einem Mann, der es scheinbar nach wie vor nicht fassen kann, dass er die Liebe seines Lebens gefunden hat, obwohl er an diesen Liebeskram nicht wirklich glaubt...

2. Hop Along - Painted Shut 
(Indie Rock / USA) 
Die Erwartungshaltung war so groß, dass ich kurzzeitig wirklich Angst hatte Painted Shut endlich zu hören. Zum Glück war die Angst ausnahmsweise unbegründet. Hop Along haben ein wunderbares, unverwechselbares Album aufgenommen. Nach wie vor steht Frances Quinlan im Mittelpunkt und auch wenn es wirklich schwer fällt ihre Stimme zu beschreiben, eine andere wie ihre gibt es definitiv nicht. Sie singt kraftvoll, aber kratzig, oft scheint sich ihre Stimme zu überschlagen und doch hat sie die totale Kontrolle darüber. Auf jeden Fall singt Quinlan auch auf Painted Shut jede einzelne Zeile mit maximaler Überzeugung, voller Emotion und immer als ob ihr Leben davon abhinge. Dabei sind es nicht immer die großen, weltbewegenden Themen über die sie singt. Stattdessen sind es vermeintlich alltägliche Dinge, denen sie das nötige Gewicht verleiht.

3. Natalie Prass - Natalie Prass 
(Singer-Songwriter / USA)
Das Debütalbum von Natalie Prass ist ein typisches Trennungsalbum. Es ist traurig, wehmütig, anklagend und delikat. Die Songs handeln von schwieriger, zerstörerischer und zerbrochener Liebe. Doch entgegen dieses Eindrucks machen Prass und ihre Band zu keiner Zeit depressive oder gar düstere Musik für das stille Kämmerlein. Stattdessen gibt es hier überaus ambitionierte Popmusik voller Leben - verspielte und gleichzeitig große Songs, die sich trotz ihrer Themen immer mitreißend und lebensbejahend anfühlen. Es ist also entweder das fröhlichste Trennungsalbum oder das tiefgängigste Popalbum des Jahres. Eines der Schönsten ist es auf jeden Fall!   

4. Kendrick Lamar - To Pimp A Butterfly 
(Hip Hop / USA)
Gerade in der heutigen Zeit erscheinen nur wenige Alben, denen man ohne Übertreibung die Prädikate "wichtig" und "wegweisend" geben kann, doch To Pimp A Butterfly ist definitiv so ein Meilenstein. Kendrick Lamar verbindet seine persönlichen Erfahrungen als Rapper, Künstler, Schwarzer in Amerika mit einer beeindruckenden Analyse der schwarzen Erfahrung in der Gesellschaft. Dazu schrieb er ein anspruchsvolles, komplexes, progressives Rapalbum, das Kritiker begeistert und trotzdem Charterfolge feierte. To Pimp A Butterfly integriert Jazz, Soul, Spoken Word und viele andere Einflüsse zu einer Mischung, die ohne Widerspruch gleichzeitig als ein klassisches Rap-Album und so etwas wie "Post-Rap" gelten kann. Der Hörer kann lyrics, Themen und Hintergründe von Lamars studenlang analysieren, aber auch einfach äußerst unterhaltsame Songs genießen.

5. HVOB - Trialog 
(Deep House / Österreich)
Die Musik von HVOB ist eigentlich irgendwo zwischen Deep House und Minimal Techno anzusetzen, hat jedoch viel Raum für warmen Gesang und Popsensibilitäten. Den Mittelpunkt dabei bildet auch auf dem zweiten Album die wunderbare Stimme von Anna Müller. Sie klingt äußerst melancholisch, ohne dabei die Songs ihn düstere Gefilde zu ziehen. Es ist schwer zu beschreiben, wie sich diese Mischung aus emotionaler Wucht und tanzbarer Leichtigkeit anhört, die Wirkung auf den Hörer ist jedoch unmittelbar und hebt sich erfreulich ab von dem Klischee der kühlen elektronischen Musik, ebenso wie von der Substanzlosigkeit vieler Electro Pop-Bands.

6. Billy Woods - Today, I Wrote Nothing 
(Hip Hop / USA)
Der Titel Today, I Wrote Nothing klingt schon etwas absurd für ein Album mit 24 Songs, das vor Kreativität fast zu bersten scheint. Nach zwei gefeierten Alben, die bereits sehr unterschiedlich waren, entwirft Billy Woods hier eine Art Kurzgeschichten- und Vignetten-Sammlung in Rapform.
Sowohl sein langsamer Flow als auch seine dichten, vielschichtigen Texte machen diesen Ansatz äußerst erfolgreich, mit einer Trefferquote, von der andere Rapper nur träumen können. Woods ist ein geborener Geschichtenerzähler und hat eine Präsenz, die das Zuhören einerseits leicht macht, andererseits auch fast erzwingt.  

7. Zugezogen Maskulin - Alles Brennt 
(Hip Hop /Deutschland)
Wie ihr Name schon deutlich macht, sind Zugezogen Maskulin zutiefst im Deutsch Rap verwurzelt, grenzen sich aber auch bewusst und unbewusst bei jeder Gelegenheit von ihm ab. So wird aus Alles Brennt ein Album, das weitgehend ohne die üblichen Klischees und Probleme des Genres auskommt und sich stattdessen ebenso humorvoll wie intelligent mit Themen wie Nationalismus, Gentrifizierung, Flüchtlingspolitik und immer wieder der Rapmusik in Deutschland auseinander setzt. Statt dem erhobenen Zeigefinger oder Emo Rap gibt es aber hier zum Glück lieber schwarzen Humor, echte Wut und enorme Cleverness der beiden Rapper. Die Produktion dazu erinnert mich an amerikanische Trap Beats und Hudson Mohawke - ist also nicht bahnbrechend neu, aber äußerst effektiv und perfekt zugeschnitten auf die überdrehten Darbietungen von Testo und Grim104. 

8. Love A - Jagd und Hund 
(Punk / Deutschland)
Die Öffnung zum Pop ist bei Love A zwar auch der Hang zu eingängigen Melodien, viel mehr sind es aber diese großen, packenden Refrains in allen Songs, die schon beim ersten Hören einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was aber Jagd und Hund und damit auch Love A so einzigartig macht, sind die schlauen, lustigen oder auch unvermittelt tiefgründigen Textzeilen, die diese ebenso kantige, wie eingängige Musik begleiten.  So kann es passieren, dass man beim Hören lacht, dann zustimmend nickt und Minuten später inne hält um nach zu denken. Das alles ist dann eben noch verpackt in energische Punk-Songs, bei denen sich Vertrautheit und Überraschung genau in der Mitte treffen.

9. Jenny Hval - Apocalypse, girl 
(Art Rock / Norwegen)
Jenny Hval macht experimentelle Popmusik, die sich trotz ihrer Seltsamkeiten und abstrakter Texte eine unerwartete Eingängigkeit bewahrt. Ihr neues Album Apocalypse, girl schraubt die Zugänglichkeit zugunsten von Improvisation und Experimentierfreude noch etwas weiter zurück. Doch auch hier schimmern funkelnde Melodien immer wieder durch und bilden einen faszinierenden Kontrast. Stimmlich ist Hval unverändert beeindruckend, aber sicher auch nach wie vor polarisierend. Ihr Gesang ist mal kindlich verspielt, mal flüsternd und unheimlich, dann wieder groß und beeindruckend. Er ist jedoch immer recht hoch und wird, ähnlich wie bei Joanna Newsom oder Björk, mehr als vielseitiges (und technisch äußerst beeindruckendes) Instrument eingesetzt. Das kann beim zuhören anstrengend sein, ist aber auch immer wieder absolut fesselnd. Die Texte der Songs sind dabei kaum konventionelle lyrics, sondern mehr vertonte Gedichte, abstrakte Traumbilder und durchdachte Provokationen. Darin geht es immer wieder um das Verhältnis der Geschlechter und Körper(bilder) im Kapitalismus - Themen, die neben vielen anderen, mit Humor aber auch in einer aufschreckenden Deutlichkeit behandelt werden.

10. Liturgy - The Ark Work 
(Black Metal / USA)
Hunter Hunt-Hendrix ist nach wie vor ein größenwahnsinniger, pseudointellektueller Musiker, der mit seiner Band Liturgy zielstrebig den Hass vieler Black Metal-Fans auf sich zieht und die Kritikerwelt äußerst heftig in hypende Verehrung und aggressives Unverständnis spaltet.

Und auf dem neuen Album The Ark Work übertrifft er sich in dieser Hinsicht noch einmal selbst. Die Schreie der Vorgänger-Alben ersetzt er durch einen monotonen, manchmal hypnotischen Sprechgesang und der Sound zwischen Black Metal und Mathcore wird erweitert durch Bläser, Dudelsack, jede Menge Glockenspiel, prominente Hip Hop-Anleihen und eine gewisse wehmütige Grundstimmung. Doch hinter diesen auffälligen Neuerungen steckt der "typische" Liturgy-Sound mit Blastbeats (die Drums sind auch hier wieder absolut beeindruckend), Tremolo-Gitarren und repetitiven, sich stetig wandelnden Songstrukturen. Und wieder gelingt es Liturgy immer wieder eine fiebrige, überwältigende Intensität zu erreichen und das Grundgerüst des Black Metal zu etwas aufregendem, vollkommen Anderem zu formen. Dieser Eindruck kann sich jedoch ganz schnell wandeln - mit der falschen Stimmung oder einem anderen Blickwinkel wird The Ark Work zu einer anstrengenden und langweiligen Hörangelegenheit. Die Grenze zwischen aufregendem Geniestreich und prätentiösem Lärm ist bei Liturgy eben äußerst fließend und instabil.

Meine Top 30-Songs jenseits dieser Alben:  

 

1. Björk - Notget

2. Soap&Skin - Mawal Jamar

3. Purity Ring - Flood On The Floor

4. Kelela - A Message

5. Inner Tongue - Fallen Empire

6. Florence And The Machine - Which Witch

7. Earl Sweatshirt - Grief

8. Waxahatchee - Under A Rock 

9. Courtney Barnett - Pedestrian at Best

10. Lady Lamb - Spit Spat



11. Braids - Miniskirt

12. Laura Marling - False Hope

13. Foals - What Went Down

14. Viet Cong - Silhouettes

15. Caitlin Canty - Get Up

16. Wolf Alice - Giant Peach

17. Dan Mangan + Blacksmith - Mouthpiece

18. Self Defense Family - Talia

19. Eskimeaux - The Thunder Answered Back

20. Tyler, The Creator - Keep Da O's



21. Sophie Hunger - Heicho

22. Jamie xx - Girl

23. Tigran Hamasyan - Entertain Me

24. Brown Bird - Pale And Paralyzed

25. MS MR - Painted

26. Torres - Strange Hellos

27. Makthaverskan - Witness

28. Soak - Blud

29. Boosie Badazz - Hip Hop Hooray (Feat. Webbie)

30. Marriages - Southern Eye

Montag, 30. März 2015

Alben und Songs des Monats - Januar, Februar & März

Das erste Quartal des (Musik-)Jahres 2015 ist vorbei und ich war schon lange nicht mehr so begeistert - nach nur 3 Monaten ist dieses Jahr musikalisch schon aufregender als viele andere Jahre in der jüngeren Vergangenheit. Da ich es nicht geschafft habe im Januar oder Februar etwas zu veröffentlichen, gibt es hier nun zusammen gefasst meine bisherigen Highlights 2015. Ab April dann hoffentlich wieder monatlich...


Meine Album-Highlights Januar - März:



Kendrick Lamar - To Pimp A Butterfly

"The evils of Lucy was all around me. So I went runnin' for answers..."

Eins vorweg: Über das neue Album von Kendrick Lamar zu schreiben traue ich mir eigentlich erstens nicht zu, zweitens wurde mittlerweile wohl auch schon alles dazu geschrieben und drittens bin ich kein riesiger Fan und finde manches auf dem neuen Album schlichtweg anstrengend. Trotzdem ließ mich dieses ausschweifende, ungewöhnliche Album nicht los und veranlasste mich dazu meine anfänglichen Vorbehalte immer weiter zu überdenken, bis ich anerkennen musste, dass ich trotz des ganzen Hypes ein Meisterwerk hörte.

Anders als viele anderen konnte ich bei Lamars bisheriger Musik zwar das immense Talent, die großen Ambitionen und das technische Können anerkennen, aber bis auf wenige Ausnahmen nicht wirklich mit den Songs warm werden. Das ist bei To Pimp A Butterfly zu meiner großen Überraschung vollkommen anders. Statt eines durchaus verdienten Ausruhen auf den Lorbeeren "schockiert" er große Teile seiner Fans mit Songs, die Jazz, Funk und viele Elemente "schwarzer" Musik einbauen und dafür klassischen Rap sogar oft hinter sich lassen. Und das Ding ist: das funktioniert fast überall verdammt gut.

Thematisch gibt es dazu diesmal keinen Kurzfilm in Musikform, sondern viele Vignetten, die sich vor allem mit der Lage von Schwarzen in den USA im allgemeinen und dem schwarzen Künstler im Besonderen befassen. Auch wenn ein Hadern mit der eigenen Berühmtheit und Lamars Selbsteinschätzung als Erlöser oftmals zum Augen Rollen einladen, hat er dennoch mehr zu sagen als die meisten anderen Rapper zusammen und dazu eben unvergleichliches Können und Charisma.

Es ist verlockend dieses Album endlos zu analysieren, Samples und Beteiligte zuzuordnen, oder die wiederkehrenden Gedichtsfetzen, allgegenwärtige Antagonistin Lucy (Luzifer) und 2Pac-Verehrung. Doch das kann abschrecken und abhalten davon ein Album wirklich zu genießen, das eben nur ein wenig Geduld erfordert.    

Lieblingslieder: Wesley's Theory, King Kunta, Alright, How Much A Dollar Cost, The Blacker The Berry

Father John Misty - I love You, Honeybear
 
"You left a note in your perfect script: >>Stay as long as you want<< 
I haven’t left your bed since"

Father John Misty ist das schräge Alter Ego von J. Tillman, der vorher unter seinem Namen und kurz als Teil der Fleet Foxes ernsthafte Folk Musik machte. Nach dieser bewussten Veränderung mit neuem Namen ist das zweite Album als Father John Misty eine große Überraschung. Es gibt immer noch jede Menge unerwartete, schräge Momente und Texte voller Zynismus, Ironie und Augenzwinkern. Gleichzeitig ist Honeybear jedoch ein unglaublich ehrliches Album über die Liebe geworden - von einem Mann, der es scheinbar nach wie vor nicht fassen kann, dass er die Liebe seines Lebens gefunden hat, obwohl er an diesen Liebeskram nicht wirklich glaubt...

I Love You... ist eine Liebeserklärung auf Albumlänge, bei der Poesie, Humor, Zynismus und Kitsch so eng verwoben sind, dass man als Hörer irgendwann aufgibt verstehen zu wollen, wie viel Tillman von dem Ganzen eigentlich ernst meint und wo er die hoffnungslosen Romantiker nur auf die Schippe nimmt. Was das Album, neben dem grandiosen Songwriting, jedoch so außergewöhnlich macht, ist die realistische Liebesgeschichte in seinem Zentrum, die nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch Mut und Lust macht sich mal wieder richtig zu verlieben...

Lieblingslieder: Chateau Lobby 4 (in C for Two Virgins), When You're Smiling And Astride Me, The Ideal Husband, I Went To The Store One Day

Zugezogen Maskulin - Alles Brennt
"Endlich wieder Weltkrieg! Tote, Bier und Titten!
Hashtag #ww3, Sexy Uniformen von Adidas
Und das Oranje-Pack kriegt mal wieder auf den Sack"

Testo und Grim104 von Zugezogen Maskulin haben halb scherzhaft lamentiert, dass sie jetzt Feuilleton-Rapper seien. Also von der Presse gefeiert, aber noch nicht erfolgreich genug um richtig Geld zu machen und gleichzeitig bei den richtigen Rap-Fans wegen Ausverkauf verhasst. Das die Beiden entgegen dieser Prophezeiung nicht nur äußerst erfolgreich mit ihrem neuen Album sind, aber trotzdem fast überall als die Rettung des Deutsch Rap gefeiert werden, ist zwar verwunderlich, aber voll verdient. 

Wie ihr Name schon deutlich macht, sind Zugezogen Maskulin zutiefst im Deutsch Rap verwurzelt, grenzen sich aber auch bewusst und unbewusst bei jeder Gelegenheit von ihm ab. So wird aus Alles Brennt ein Album, das weitgehend ohne die üblichen Klischees und Probleme des Genres auskommt und sich stattdessen ebenso humorvoll wie intelligent mit Themen wie Nationalismus, Elendstourismus, Flüchtlingspolitik und immer wieder der Rapmusik in Deutschland auseinander setzt. Statt dem erhobenen Zeigefinger oder Emo Rap gibt es aber hier zum Glück lieber schwarzen Humor, echte Wut und enorme Cleverness der beiden Rapper. Die Produktion dazu erinnert mich an amerikanische Trap Beats und Hudson Mohawke - ist also nicht bahnbrechend neu, aber äußerst effektiv und perfekt zugeschnitten auf die überdrehten Darbietungen von Testo und Grim104. 

Lieblingslieder: Oranienplatz, Endlich wieder Krieg, Vatermord, Schiffbruch

Natalie Prass - Natalie Prass
"Our love is a long goodbye, our love is a long goodbye"

Dieses selbstbetitelte Debüt ist auf den ersten Blick etwas irreführend. Auch wenn die titelgebende Sängerin klar im Mittelpunkt steht, waren an der Entstehung des Albums 13 Menschen beteiligt, die alle sehr wichtig für dieses kleine Wunder sind. Durch sie entstanden große Songs mit Streichern und Bläsern, die meisterhaft die Balance zwischen Schwermut und Leichtigkeit bewahren. 

Prass selbst trägt selbstverständlich mit ihrer delikaten, luftigen Stimme und ihren melancholischen Texten auch sehr zu dieser Balance und damit dem Erfolg der Musik bei. Es ist einfach unglaublich, dass ein Debüt, das auch noch Jahre lang unveröffentlicht blieb, so ambitioniert, vollendet und dennoch aufregend klingen kann. Und das die einzelnen Songs dann noch durchgehend solche Hits sind, die trotz eindeutigen Einflüssen und gelegentlich aufkommenden Nostalgiefaktor, unverkennbar nach etwas neuem und aufregenden klingen, macht einfach glücklich und Lust auf mehr.

Lieblingslieder: My Baby Don't Understand Me, Your Fool, Why Don't You Believe In Me, Violently

Love A - Jagd und Hund


"Ich wäre nicht gerne so wie früher, wäre nur früher gerne hier gewesen"

Mit Jagd und Hund meistern Love A aus Trier das schwierige und oft entscheidende dritte Album einer Band scheinbar mühelos. Sie perfektionieren den eigenen Sound ohne sich nur selbst zu kopieren und öffnen sich weiter dem Pop, aber immer weit entfernt vom Ausverkauf. Der ungestüme Zorn und Protest des Punk Rock vereint sich mit bissigem Humor, aber auch immer wieder unerwartet großen Refrains und Gefühlen.

Die bereits erwähnte Öffnung zum Pop ist bei Love A zwar auch der Hang zu eingängigen Melodien, viel mehr sind es aber diese großen, packenden Refrains in allen Songs, die schon beim ersten Hören einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was aber Jagd und Hund und damit auch Love A so einzigartig macht, sind die schlauen, lustigen oder auch unvermittelt tiefgründigen Textzeilen, die diese ebenso kantige, wie eingängige Musik begleiten.  So kann es passieren, dass man beim Hören lacht, dann zustimmend nickt und Minuten später inne hält um nach zu denken.

Das alles ist dann eben noch verpackt in energische Punk-Songs, bei denen sich Vertrautheit und Überraschung genau in der Mitte treffen.  

Lieblingslieder: Lose Your Illusions, 100.000 Stühle leer, Augenringe, Modem

Lady Lamb - After
"Now I'm an old song that you once knew, 
you can't remember me for the life of you"

Auf ihrem neuen Album setzt Aly Spaltro ihre große Stimme und ihr immenses Songwriting-Talent noch selbstbewusster in Szene als bisher. Ihr letztes Album lebte von den überraschenden Wendungen und Spaltros bildgewaltiger Sprache voll von Sex, Leidenschaft und ungebrochener Kraft. 

After ist da vielleicht etwas geradliniger und durchdachter, verliert aber dabei nichts von seiner überschwänglichen, unbändigen Energie. Stattdessen wird diese Energie in Songs verwandelt, die durchweg kraftvoll, positiv und insgesamt noch rockiger ausfallen als Spaltros bisheriges Schaffen. Was bleibt ist die pure Lust an der Musik, die man in jedem Lied deutlich hören kann und mit geschlossenen Augen sieht man das breite Grinsen von Aly Spaltro klar vor sich. Beim hören ist das genauso ansteckend wie der Spaß an ihrer Musik. 

Lieblingslieder: Violet Clementine, Spat out Spit, Penny Licks, Milk Duds, Atlas 

Purity Ring - Another Eternity
"I'll whisk away your heartsigh and bury it in mine"

Das Debüt von Purity Ring war ein spannendes, unheimliches aber durchwachsenes Electro Pop-Album mit ein paar großen Hits. Für ihr zweites Album hat die Band die Seltsamkeiten etwas zurück geschraubt und sich stattdessen weiter für Pop und EDM geöffnet. Zwar bleibt dabei die unheimliche Atmosphäre der Band etwas auf der Strecke, doch verschwunden ist sie nicht. Die Öffnung zur Elementen der Mainstream-Musik sorgt dazu nicht nur für jede Menge Hits, sondern auch für überraschende Schlenker im Electro Pop der Band. Die wahre Stärke von Purity Ring bleibt aber die perfekte Symbiose von Corin Roddicks funkelnder Produktion und Megan James märchenhafter Stimme. 

Lieblingslieder: Heartsigh, Stranger Than Earth, Begin Again, Dust Hymn, Flood On The Floor 

Laura Marling - Short Movie
"Is it still okay that I don't know how to be at all?"

Wenn man ihre Musik hört vergisst man schnell, dass Laura Marling nach wie vor erst 25 Jahre alt ist und nicht schon seit Jahrzehnten ihre Musik perfektioniert. Da ist es dann auch nicht verwunderlich, dass die Musikerin in die zwei Jahre, die seit ihrem letzten Album vergangen sind, scheinbar genug Lebenserfahrungen für eine ganze Karriere gepackt hat: Für die Liebe nach New York gezogen, dann Beziehungsende, Schaffenskrise, Arbeit in Restaurants, Lebenskrise in der fremden Stadt und schließlich Rückkehr nach England. Diese einschneidenden Erlebnisse merkt man Short Movie deutlich an. Es ist Marlings rockigstes, amerikanischstes und stilistisch ungewöhnlichstes Album. 

Die frühe Ankündigung eines Albums mit elektrischer Gitarre entpuppt sich zum Glück nicht als Gimmick oder Fehltritt, sondern organische Erweiterung von Marlings Sound, die gut zu den oft wütenden, energischen Songs passt. Schön und düster waren Marlings Texte und Musik schon immer, aber zum ersten Mal seit ihrem Debüt machen die Songs hier uneingeschränkt Spaß. 

Leider stehen den vielen neuen Ideen und dem sehr dynamischen Songwriting auch ein paar Songs gegenüber, die schlichtweg wenig aufregend sind und sich vor allem im Kontrast zum Rest des Albums ein wenig nach Selbstkopie anhören. Das macht aus einem uneingeschränkten Karriere-Highlight ein "nur" größtenteils überzeugendes Album, toll ist es aber trotzdem noch. 

Lieblingslieder: False Hope, I Feel Your Love, Don't Let Me Bring You Down, Easy, Short Movie  


Songempfehlungen:


Courtney Barnett - Pedestrian at Best: Der Text von Pedestrian at Best ist clever, witzig, bissig und einfach nur genial. Ihrer Musik hat Barnett dazu eine überraschend punkige Note verpasst, die sehr an In Utero erinnert, aber immer noch unverkennbar Courtney Barnett ist.

Torres - Strange Hellos: Mackenzie Scott scheint für ihr zweites Album die Energie ihrer Live Shows in die Songs einfließen lassen. Thematisch passend dazu ist ihr neues Album eine Abrechnung mit ihrer biologischen Mutter, die sie im Stich ließ. Und auch wenn ich einiges erwartet habe, gab mir der Song beim ersten Hören doch einen "Holy Shit!"-Moment im besten Sinne.

Björk - Notget: Wenn Björk die Trennung zur Liebe ihres Lebens verarbeitet klingt das unheimlich persönlich und doch auch welterschütternd und apokalyptisch. Notget etwa ist eine furchteinflößendes, dramatisches Monstrum voll Schmerz und Kraft.

Viet Cong - Silhouettes: Viet Cong sind die Nachfolgeband der viel gehypten Women und erinnern dazu oft an alte Interpol, Wolf Parade und Joy Division. Wenn man aber von all den Erwartungen und Vergleichen einmal absieht, bleibt die Musik ein beeindruckend kompaktes und druckvolles Post Punk-Glanzstück.

Caitlin Canty - Get Up:  Caitlin Cantys wundervolle Musik zwischen Country, Folk, Blues und Rock klingt zu gleichen Teilen hoffnungsvoll und schwermütig. ihre Stimme ist eine warme Offenbarung, Pedal Steel-Gitarre und Schlagzeug geben dem Song Get Up in Ergänzung und Kontrast dazu Dringlichkeit und Power.

HVOB - Ghost: HVOB machen House Musik, die den Widerspruch von schwermütiger Stimmung und traumhafter, oft tanzbarer elektronischer Musik immer wieder in ihren großartigen Songs auflöst. Das sich langsam entfaltende Ghost ist da keine Ausnahme, sondern weiteres Highlight. 
Kelela - A Message: Kelela hat eine große, sinnliche Stimme, die an Aaliyah erinnert und macht Musik irgendwo zwischen R&B und Trip Hop. Auf A Message arbeitet sie erstmals mit Produzent Arca (FKA twigs, Björk, Kanye West) zusammen - eine ebenso naheliegende wie brillante Partnerschaft.

Earl Sweatshirt - Grief: Der schleppende, dreckige Beat und ein Text voller Drogen Depression und Paranoia steht in einem interessanten Kontrast zu Earls Raps, die selten so zielstrebig, kontrolliert und selbstbewusst klangen. Grief ist ein uneingeschränktes Highlight auf einem unerwartet geradlinigen, aber sehr guten Rap-Album.