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Donnerstag, 1. Oktober 2015

Alben und Songs des Monats - September 2015

Empress Of - Me

"Why don't we make up our own rules. And break them when we like."

Ich hatte noch nie von Empress Of gehört, dann wurde sie gleichzeitig von Pitchfork und Stereogum in den Himmel gelobt. Das macht neugierig, aber auch skeptisch. Die Skepsis war schon nach Sekunden weg geblasen, da "Me" meine Erwartungen bei weitem übertroffen hat...
Empress Of ist das Projekt von Lorely Rodriguez, die das Album fast vollkommen alleine geschrieben, aufgenommen und produziert hat. Doch entgegen meiner Vorurteile macht sie mit Empress keine Lo-Fi oder Singer-Songwriter-Musik, sondern wirklich exzellent produzierten, ambitionierten Dance Pop.

Rodriguez ist eine klassisch ausgebildete Sängerin, verzichtet aber hier auf gesangliche Schnörkel zugunsten eines einfachen, erzählerischen Gesangsstils. Gleichzeitig hat die Sängerin enormes Charisma und eine beeindruckende gesangliche Präsenz auf diesen Songs.  Me wirkt am Anfang kurz wie ein persönliches, intimes Album. Doch das macht es nur um so aufregender, wenn die Musik sich plötzlich Richtung Tanzfläche bewegt und da auch erst mal bleibt. Die Songs sind auf jeden Fall Pop und oft sehr tanzbar, gleichzeitig bewahren sie sich einen experimentellen Charakter und haben ungewöhnliche Ideen, die das Album davor bewahren jemals oberflächlich oder vorhersehbar zu werden. Ganz im Gegenteil gibt es bei Empress Of immer wieder Momente in denen ich nicht fassen kann, wie gut das eigentlich ist und was da überhaupt gerade passiert. Die Musik klingt so vertraut, aber doch nie wie eine Kopie von etwas anderem. Schon beim ersten Hören überlegte ich mir woher ich das bloß schon kannte, nur um dann wieder ganz aus dem Häuschen zu sein, weil etwas spannendes, unerwartetes in einem Song passierte.

Rodriguez erfindet das musikalische Rad natürlich nicht neu, aber es fällt doch schwer die Musik zu beschreiben oder etwas vergleichbares zu finden. Nach einiger Überlegung fallen mir nur Iamamiwhoami und Dillon ein. Doch die Musik von Empress Of klingt viel größer, positiver und aufregender als diese eher düsteren und mysteriösen Projekte. Und vor allem vollführt sie erstaunlich gut den Balanceakt zwischen Pop und Indie. Rodriguez' Songs könnten problemlos in großen Clubs laufen, funktionieren aber auch allein zuhause im dunklen Zimmer.  

Lieblingslieder: Water Water, How Do You Do It, Kitty Kat, Make Up

Carly Rae Jepsen - E•MO•TION

"Not a flower on the wall, I am growing ten feet, ten feet tall.
In your head and I won't stop, Until you forget me, get me not."

Carly Rae Jepsen hat ein Problem und das heißt "Call Me Maybe". Der Song wurde zum Hit und dann zum kulturellen Phänomen. Jepsen hatte weitere erfolgreiche Songs und macht gute Popmusik, schreibt sie sogar oft selbst und kommt doch nie aus dem Schatten dieses einen Songs heraus. Nicht zuletzt wird sie von einem Großteil der Musikhörer wegen Call Me Maybe sofort mit Ignoranz oder Verachtung gestraft. Und das ist wirklich schade, denn Emotion ist ein großartiges Gutelaune-Popalbum.

Das Album ist vor allem 80er-Nostalgie und Dance Pop, vollgepackt mit Hits aber auch einer guten Prise künstlerischer Freiheit und Experimentierfreude. Das kommt sicher davon, dass neben Sia und Ariel Rechtshaid auch Rostam Batmanglij von Vampire Weekend und Dev Hynes an der Produktion beteiligt waren. Vor allem aber hilft es, dass Carly Rae Jepsen musikalisch genau zu wissen scheint, was sie will und enorm viel Spaß dabei hat.  

Die erste Single I Really Like You versuchte noch ein wenig das zweite Call Me Maybe zu sein, ist aber trotzdem ein schöner Song. Und der Rest von Emotion ist so randvoll mit Hits, dass es schon merkwürdig ist, dass das Album nicht viel erfolgreicher ist. Das liegt zwar sicher auch an der katastrophalen Veröffentlichungspolitik ihres Labels, aber wohl auch an dem Popstar selbst. Jepsen ist keine kontroverse Sexbombe, sondern eher Girl Next Door. Wenn einen das aber nicht stört und man dann noch ihre musikalische Vergangenheit ausblendet, sollten die Songs eigentlich für sich sprechen. Run Away With Me und der Titelsong haben gigantische Refrains und wären in den 80ern sicher Superhits geworden. Und so geht es immer weiter auf dem Album. Es gibt kleine Überraschungen wie das psychedelische, hypnotische Warm Blood, aber alles in allem gibt es bei Carly Rae Jepsen typische Popmusik mit typischen Texten. Doch die Songs auf Emotion haben eine einzigartige Wirkung. Man merkt Jepsen einfach an, wie viel Spaß sie hat. Man kann sie auf jedem Song förmlich grinsen hören und ihr ehrlicher Spaß an der Sache ist einfach ansteckend. Es hilft natürlich auch, dass es hier einfach nur wunderbare Songs zu hören gibt...

Lieblingslieder: Run Away With Me, Emotion, Making The Most Of The Night,  Let's Get Lost,  Warm Blood

Chvrches - Every Open Eye

"We are made of our longest days. We are falling but not alone.
We will take the best parts of ourselves. And make them gold."

The Bones Of What You Believe, das Debüt-Album von Chvrches, war ein kleines Wunder. Es war ein modernes Synth Pop-Album voller Hits, aber auch mit jeder Menge Gefühl und Persönlichkeit und überzeugte Kritiker ebenso wie Indie Musik- und Popmusikfreunde. Binnen kürzester Zeit schafften es die Mitglieder von der Vergangenheit in geliebten, aber mäßig erfolgreichen Post Rock-Bands zu großen Hallen, ins Fernsehen und zu kommerziellem Erfolg. Und es hätte keine bessere Band treffen können. Abgesehen von ihrer tollen Musik traten Chvrches als sympathische, bodenständige Freunde auf, die sich mutig gegen Onlinehetze und Frauenfeindlichkeit aussprachen.
Vor diesem Hintergrund muss der Druck sicher enorm gewesen sein, einen würdigen Nachfolger zu präsentieren. Auch ich war skeptisch und befürchtete eine schwache Kopie ihres Erstlings. Doch schon nach einem Hördurchgang ist klar: Every Open Eye ist seinem Vorgänger mindestens ebenbürtig und Chvrches haben es geschafft genau heraus zu arbeiten, was ihre Musik so besonders macht...und natürlich haben sie auch einfach wieder grandiose Songs geschrieben.

Die Band macht immer noch strahlenden Synth Pop mit einer bemerkenswerten Balance aus Pop-Sensibilitäten und einer gewissen emotionalen Wucht, die vielen ähnlichen Bands total abgeht. Auf Every Open Eye sind die Synths insgesamt noch größer und besser produziert. Es gibt eine etwas stärkere Hinwendung zur Tanzfläche und man merkt, dass diese Songs das Ergebnis von ausgiebigen Touren sind und deshalb hervorragend bei Konzerten funktionieren werden.

Sängerin Lauren Mayberry verzichtet immer noch auf Effekte oder Gesangsakrobatik. Stattdessen vertraut sie ganz auf ihre klare Stimme und die Kraft ihrer Texte und Betonungen. Dank Gesangsunterricht und vermutlich auch der Live-Erfahrung klingt sie auf Album Nr. 2 aber selbstsicherer. Das gibt den Liedern oft noch einen weiteren Schub. Sie gehen sofort ins Ohr, haben aber trotzdem auch wieder eine bemerkenswerte "Halbwertszeit" im Vergleich zu ähnlich gelagerten Bands. Da kann man nur hoffen, dass der Erfolg noch größer wird und vor allem auch anhaltend ist!   

Lieblingslieder:  Leave A Trace, Make Them Gold, Clearest Blue, Bury It

Miley Cyrus - Miley Cyrus And Her Dead Petz

"They say love grows, but I've only seen it die. I'm too young to feel like I'm runnin' out of time."

Ist Miley Cyrus eine selbst verliebte, exhibitionistische und aufmerksamkeitsgeile Nervensäge ohne Filter oder ein selbstbestimmter, feministischer und kreativer Lichtblick im langweiligen Popgeschäft? Die Antwort liegt sicher irgendwo dazwischen und wird immer schwerer zu beantworten, je länger Mileys Karriere voran schreitet.
Auch wenn ich nie wirklich Musik von Miley Cyrus gehört habe und bis vor kurzem hauptsächlich etwas von ihren "schockierenden" Klatsch-Stories mitbekam, wurde mir der ehemalige Teenie Star langsam sympathischer. Sie erzählte freimütig von ihrem Leben als Kinderstar in dem sie keinerlei Selbstbestimmung hatte und von ihrem Selbstbild, das nicht wirklich in die typische Rolle Mann-Frau zu passen scheint. In diesem Licht macht ihr bewusster und anhaltender Bruch mit dem Leben eines Kinderstars doch schon mehr Sinn. Und nicht zuletzt gründete sie eine Stiftung, die sich für obdachlose Jugendliche und Mitglieder der LGBTQ-Gemeinde einsetzt und spielte unter anderem mit Laura Jane Grace von Against Me!. Das lässt das Image der oft etwas hirnlosen Skandalnudel nicht vergessen, hilft aber dabei ihr neues Überraschungsalbum etwas unvoreingenommener anzuhören.

Miley Cyrus And Her Dead Petz erschien kostenlos und unabhängig von Mileys Label oder dem Druck der Popindustrie. Sie konnte also machen, was sie wollte.
Das ist die größte Stärke und die größte Schwäche des Albums zugeich. Die Schwäche wurde in Form von Kritikpunkten schon an ganz vielen Orten zusammen gefasst. Dead Petz hat 23 Songs und ist 90 Minuten lang. Es gab also offenbar keinen Auswahlprozess und keinen Filter, alles durfte mit und das Gute ertrinkt angeblich in den vielen schlechten Ideen. Dazu kommt die Kritik, dass viele Songs klingen wie Überbleibsel von Aufnahmen der Flaming Lips, die bei vielen Liedern mitgeschrieben haben. Das kann ich nicht beurteilen, da ich die Band nie wirklich gehört habe. Und zuletzt werden die albernen Texte kritisiert, die von Sex, Drogen und toten Haustieren handeln.

Ich halte dagegen, dass es auf einem Album von dem ich wirklich nichts erwartet habe, wirklich viele tolle Momente, Ideen und Songs gibt. Ich finde nichts unhörbar, aber einiges einfach gut, ja sogar berührend. Der erste Song ist ziemlich nervig und auch andere Songs wirken eher albern oder anstrengend. Doch Miley Cyrus hält die Songs zusammen mit ihrer wandelnden und großen Stimme. Man merkt ihr an, dass sie Spaß hat, ihr die Musik am Herzen liegt und sie wirklich hinter diesem psychedelischen Kiff- und Sexalbum steht, das drei toten Haustieren gewidmet ist.

Lieblingslieder: Karen Don't Be Scared, BB Talk, I Get Scared, Tiger Dreams (featuring Ariel Pink)       


Songs:



Ane Brun - Hanging: Ich bin noch nicht wirklich dazu gekommen das neue Album von Ane Brun zu hören. Das liegt zu einem großen Teil an diesem Opener des Albums. Hanging führt die Wandlung von Bruns Musik zu ihrer logischen Konsequenz. Von ihren akustischen Anfängen bleibt nur noch die Intimität der Musik und die fantastische Stimme der Norwegerin. Auf Hanging schafft es die Künstlerin gefühlt ein gesamtes Orchester in den Song zu integrieren, ohne das er überladen wirkt. Stattdessen strahlt Hanging eine Leichtigkeit und Wärme aus, obwohl er dann auch doch wieder eine Melancholie ausstrahlt, die fast überwältigend ist. In gut fünf Minuten hebt und senkt sich Hanging, löst ganz große Gefühle aus und macht es unmöglich ihn nicht sofort wieder und wieder zu hören. (Link)

Amenra - The Longest Night: Die akustische Seite von Amenra schaffte es schon immer auf beeindruckende Weise die Emotionalität und Intensität der Band zu vermitteln, ganz ohne die Härte oder Wucht des üblichen Bandsounds. The Longest Night wurde scheinbar schon länger live gespielt, aber erst jetzt veröffentlicht mit einer Widmung an das ertrunkene Flüchtlingskind Aylan Kurdi und alle Opfer der Flüchtlingskatastrophe. Der Text des Liedes bekommt so eine tragische, neue Bedeutung, der Song bleibt wunderschön, aber auch fast erdrückend traurig. (Link)

Kelela - Rewind: A Message, Kelelas letzte Single, war ein düsterer, kraftvoller Abgesang auf eine schmerzhafte Beziehung. Rewind dagegen beschreibt die Aufregung und Unsicherheit des ersten Verliebens. Der Song ist leicht, flatterhaft und sexy, hat Hitpotential und trotzdem eine beeindruckend detaillierte Produktion und natürlich Kelelas große, wandelbare Stimme. (Link)

Sonntag, 26. Juli 2015

Alben und Songs des Monats - Juni & Juli



 Vince Staples - Summertime '06
"My teachers told me we was slaves. My mama told me we was kings.
I don't know who to listen to. I guess we somewhere in between."

Das lang erwartete Debüt-Album von Vince Staples übertrifft Erwartungen und ist dabei in vielerlei Hinsicht auf angenehme Weise äußerst überraschend.

Staples wurde bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Odd Future und zeigte bereits dort, dass von ihm noch großes zu erwarten ist. Richtig bekannt wurde er dann durch seine gefeierte EP Hell Can Wait auf der Staples aus Gangsta Rap, fantastischen Lyrics und seinem düsteren Weltbild absolute Banger machte. Doch statt diesen Weg konsequent weiter zu gehen, gibt es mit Summertime '06 ein unheimlich düsteres, monolithisches Konzept-Doppel-Album. Und entgegen aller Befürchtungen hat er sich dabei auch noch selbst übertroffen. Es gibt weniger Hits und definitiv keine Radio-Singles auf Summertime, aber ein kompromissloses, abwechslungsreiches Meisterwerk, das trotzdem immer nach Vince Staples klingt und bei 20 Songs keine einzelne Schwachstelle aufweist.

Großen Anteil daran hat sicher auch der legendäre Produzent No I.D., der den Großteil des Albums produzierte und daneben Beats von Clams Casino und DJ Dahi mühelos in das Ganze einflechtete, ohne ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten zu opfern. Wo viele andere Rap-Alben entweder unter nicht zusammen passenden Tracks leiden oder aber unter einer zu großen Gleichförmigkeit, formten No I.D. und Staples ein ganzes Doppel-Album wie aus einem Guss, das dennoch beeindruckend vielseitig bleibt. Die Beats an sich sind größtenteils minimalistisch und düster, behalten aber dabei immer Glanz und Größe .

Das entscheidende für den Erfolg dieses Albums ist aber natürlich das immense Talent von Vince Staples, der mit seinen gerade einmal 21 Jahren selbstbewusst und abgeklärt klingt, aber auch hungrig und energisch wie noch nie. Mein Eindruck eines "Side-Kicks" anderer Rapper, der regelmäßig die Show stiehlt, wird hier schnell widerlegt - Staples ist trotz vieler Gäste der uneingeschränkte Star auf Summertime und erzwingt die Aufmerksamkeit zu jeder Sekunde. Die Features sind mehr Teil der Produktion, fügen sich nahtlos in die Geschichte ein und verstärken die Wirkung des Hauptdarstellers nur noch. Und der ist nicht nur ein großartiger Rapper und Texter, sondern auch ein glaubwürdiger Erzähler. Als ehemaliges Gang-Mitglied zeichnet er ein realistisches Bild einer Jugend ohne Perspektiven und Ausweg. Der Titel des Albums steht für das Jahr in dem Staples und seine Freunde ihre Unschuld verloren und ihre Kindheit endete. Er rappt wie so viele andere über das Gangleben, verzichtet aber vollständig auf seine Glorifizierung. Dieser Realismus macht Summertime zu einem bedrückenden und oft hoffnungslosen Album, aber auch zu einem intensiven, fesselnden Hörerlebnis.           

Lieblingslieder: Lift Me Up, Dopeman (feat. Joey Fatts & Kilo Kish), Señorita, Summertime, Surf (feat. Kilo Kish), Get Paid (feat. Desi Mo), Like It Is

Hudson Mohawke - Lantern
"Watch out for the Riders - YEAH, Watch out!"

Der Hype für Hudson Mohawkes neues Album verpuffte überraschend schnell, was aber keineswegs an der Qualität von Lantern lag, sondern vermutlich viel mehr an falschen Erwartungen und einem Künstler, der sich absolut nicht festlegen will oder kann.

Mohawke wurde durch TNGHT, sein gemeinsames Projekt mit Lunice, bekannt und produzierte danach Musik für hochkarätige Hip Hop-Stars wie Kanye West. Auf Lantern gibt es mehr von dieser Art von Musik (auch wenn keine Rapper auftauchen), aber auch ganz viel anderes. Das hört sich bestenfalls wie eine Compilation von Hits an, klingt aber oft einfach etwas unausgegoren und ziemlich durcheinander. Die bereits erwähnten instrumentalen Tracks, die an TNGHT erinnern, wechseln sich mit poppigen Hymnen, inklusive hochkarätiger Gastsänger, ab. Daneben gibt es dann noch Tracks, die wie Teiles eines bombastischen Filmsoundtracks klingen oder einfach fröhliche Clubsongs. Auch wenn Mohawke sich nach eigener Aussage offenbar viel dabei gedacht hat, wirkt das Album insgesamt wie drei oder vier unterschiedliche EPs, die wild zusammen gewürfelt wurden.

Bevor das zu negativ klingt, muss ich sagen, dass mir das Album nach anfänglicher Skepsis trotzdem enorm gefällt. Ich betrachte das ganze einfach mehr wie eine Song-Sammlung, bei der ich mir je nach Stimmung, die passenden Lieder raus picke. das euphorische Ryderz etwa mit seinem perfekt in Szene gesetzten Soul-Sample ist ein Gute-Laune-Garant. Dann gibt es das wunderbar behämmerte Shadows, das gleichzeitig an 8-Bit-Musik und Eurodance erinnert und gerade deswegen viel Spaß macht. Und auch die Popsongs sind wirklich toll, auch wenn sie nicht zum Rest passen. Besonders Miguel und vor allem der immer wunderbare Antony Hegarty werden von Mohawke wunderbar umschmeichelt. Alles in allem gibt es also keinen einfachen oder durchgehenden Hörgenuss auf Lantern, aber auch keinerlei schwache Songs.

Lieblingslieder: Ryderz, Indian Steps (feat. Antony), Scud Books, Deepspace (feat. Miguel)   

MS MR - How Does It Feel
"No one taught me better than you. There will be highs and there will be lows. Not a lot has to change, things just can't stay the same."

Der Albumtitel des zweiten Albums von MS MR ist ziemlich passend, da ich auch nach vielen Hördurchgängen nicht wirklich weiß, wie ich das Album finden oder bewerten soll. Und irgendwie gilt das auch für das ganze Schaffen der Band.

2012 veröffentlichten MS MR ihre erste EP, die bereits das Beste der Band zeigte. Vier perfekte Pop-Songs, bombastisch aber stimmungsvoll und dabei fast etwas unheimlich. Größte Stärke war dabei die riesige Stimme von Lizzy Plapinger, die den Songs gleichzeitig Hymnen-Status und großes Gefühl gab.
Das erste Album kam dann ein halbes Jahr später und war vor allem mehr desselben. Das lag vor allem daran, dass die vier Songs der EP auch hier zu finden waren und fast alle anderen Songs deutlich in den Schatten stellten.

Und drei Jahre später kommt dann ein Album, das, trotz einiger vorsichtiger Experimente, wieder ziemlich ähnlich klingt. Und das macht es schwer zu sagen, wie ich How Does It Feel eigentlich finde. Die meisten Bands, die sich immer wiederholen, sind sehr langweilig. Aber trotz allem, finde ich einige Songs hier wieder ziemlich mitreißend und Plapingers Stimme ist nach wie vor eine absolute Wucht. Es sind dann vor allem auch jene Songs meine Highlights, in denen sie ihre Stimme besonders ausreizt. Dann funktioniert auch die eigentlich seltsame Mischung aus Synth Pop mit 80er-Nostalgie, düsterer Stimmung und You-Can-Do-It-Mentalität besonders gut.
Doch es gibt auch genug Songs, die trotz toller Stimme und bombastischem Sound beim Hören einfach verpuffen und keinen großen Eindruck hinter lassen. Und insgesamt ist das Album auch etwas "fröhlicher" und verliert dadurch den verträumten und düsteren Unterton - einer der größten Stärken der Band bisher.
Es lässt sich deshalb wieder fest stellen; zurecht gestutzt auf EP-Länge wäre How Does It Feel immer noch eine Selbstkopie, aber trotzdem ziemlich großartig. So muss man sich dann doch die Highlights raus picken und ausmalen, wie viel Potential da noch vorhanden wäre...

Lieblingslieder: Painted, No Guilt In Pleasure, Leave Me Alone, Pieces      

The Armed - Untitled
 "Don't tell me what to do. Don't tell me how to think.
Don't tell me anything at all. It's all just noise."

Ich bin großer Fan von richtig dreckigem Punk Rock und auch von brutalem, technisch beeindruckenden Math Rock. The Armed vermischen diese beiden Genres so mühelos und auf hohem Niveau, dass still sitzen zur Unmöglichkeit wird beim zuhören.

Ich weiß nicht, wieso mir diese Band bisher unbekannt war, obwohl der Meister persönlich, Kurt Ballou (Converge), ihre Musik produzierte. Und wie alles, was der Mann berührt, klingt Untitled fantastisch warm, klar und doch so schweißtreibend und unmittelbar wie ein Tritt ins Gesicht.

Aufmerksam bin ich auf die Band vor allem geworden, weil der übernatürlich begabte Nick Yacyschyn (Baptists, Sumac) auf dem Album Schlagzeug spielt. Im Gegensatz zu seinen anderen Bands, scheint er, angespornt vom Rest von The Armed, sogar noch eine Schippe drauf zu legen. Das Drumming ist technisch präzise, komplex und doch nie klinisch oder angeberisch.

Der Rest der Band steht Yacyschyn in nichts nach und prügelt den Hörer auf 14 Songs fast in die Besinnungslosigkeit. Die größte Leistung ist dabei die bereits erwähnte Verbindung von Genres. Für jede Math Rock-Explosion gibt es melodische Stellen, unglaublich eingängiges Songwriting und eine immer absolut mitreißende Stimmung, egal wie technisch oder brutal die Musik gerade ist. The Armed funktionieren wie eine perfekt geölte Maschine, eine Hitfabrik der härtesten und experimentellsten Sorte. Ich glaube nicht, dass mir ein Album aus dem Hardcore/Metal-Bereich dieses Jahr mehr Spaß bereiten wird. Und das beste Album zum Sport treiben seit Ewigkeiten ist Untitled sowieso.   

Lieblingslieder: Future Drugs, Forever Scum, Blessings, No Risk, Paradise Day

Jenny Hval - Apocalypse, girl
 
"Could I give you that, that which sometimes expects nothing?
Accepting restlessness, accepting no direction, accepting this fearful wanting that isn't desire?"
 
Jenny Hval macht experimentelle Popmusik, die sich trotz ihrer Seltsamkeiten und abstrakter Texte eine unerwartete Eingängigkeit bewahrt. Ihr letztes Album Innoncence Is Kinky war trotz experimentellem Charakter und tiefgreifenden Konzepten angenehm direkt und hatte mit dem Titelsong einen kleinen Hit.

Apocalypse, Girl schraubt die Zugänglichkeit zugunsten von Improvisation und Experimentierfreude, noch etwas weiter zurück. Doch auch hier schimmern funkelnde Melodien immer wieder durch und bilden einen faszinierenden Kontrast. Stimmlich ist Hval unverändert beeindruckend, aber sicher auch nach wie vor polarisierend. Ihr Gesang ist mal kindlich verspielt, mal flüsternd und unheimlich, dann wieder groß und beeindruckend. Er ist jedoch immer recht hoch und wird, ähnlich wie bei Joanna Newsom oder Björk, mehr als vielseitiges (und technisch äußerst beeindruckendes)  Instrument eingesetzt. Das kann beim zuhören anstrengend sein, ist aber auch immer wieder absolut fesselnd. Die Texte der Songs sind dabei kaum konventionelle lyrics, sondern mehr vertonte Gedichte, abstrakte Traumbilder und durchdachte Provokationen. Darin geht es immer wieder um das Verhältnis der Geschlechter und Körper(bilder) im Kapitalismus - Themen, die neben vielen anderen, mit Humor aber auch in einer aufschreckenden Deutlichkeit behandelt werden.

Die Musik auf Apocalypse, Girl ist, im Gegensatz auch zu den Vorgänger-Alben, noch zurück genommener. Der experimentelle Sound, mit seinen Ambient- und Drone-Anflügen erinnert mich an Swans oder Xiu Xiu, aber die oft furchteinflößende Wut und Bedrohlichkeit dieser Bands wird bei Jenny Hvals Musik ersetzt durch eine unbestimmte Bedrohlichkeit und den spannenden Kontrast von Songs, die zugleich zutiefst körperlich und doch auch abstrakt und ätherisch wirken.
Was jedoch bei diesen hochtrabenden Worten nicht vergessen werden darf, ist, dass Apocalypse, Girl auch einfach nur sehr unterhaltsam und immer wieder auch äußerst bewegend ist.

Lieblingslieder:  Take Care Of Yourself, That Battle Is Over, Sabbath


Songs:

Julien Baker - Sprained Ankle: Das Internet ist schon was tolles. Es ermöglicht mir eine noch nahezu unbekannte Künstlerin, die tausende Kilometer entfernt lebt und Musik macht, durch Zufall zu entdecken. Ein fesselndes Foto und dann ein absolut umwerfender Song und die Welt ist sofort schöner. In nicht mal 2 1/2 Minuten zaubert Baker nur mit ihrer zarten, aber vollen Stimme und hypnotischen Gitarrenklängen ein kleines Meisterwerk voller Gefühl. (Link)

Chvrches - Leave a Trace: Das unglaublich sympathische Trio aus Glasgow macht immer noch tollen Synth Pop mit großen Refrains. Die erste Single des zweiten Albums knüpft nahtlos am bisherigen Sound der Band an, ist dabei neben einem besonders großartigen Refrain aber auch mit einer überraschenden Portion Wut ausgestattet, die ihm sehr gut steht. (Link)

Foals - Mountain At My Gates: Foals entwickeln sich konstant weiter, aber spätestens mit dem zweiten Album in einer kontinuierlichen Richtung: Dramatische Rockmusik mit Pop- und auch leichtem Post-Rock-Einschlag. Die ersten Singles des vierten Albums machen da keinen Unterschied, scheinen aber insgesamt noch eine ganze Ecke gewaltiger daher zu kommen. (Link)

Laura Marling - I Feel Your Love (Director's Cut): Short Movie war Laura Marlings elektrisches und rockiges Album, da liegt es nur nahe den Songs eine Rock n Roll-Überarbeitung zu schenken. Bei Feel Your Love wird die akustische Gitarre von einem stampfenden, elektrischen Blues-Riff ersetzt und die Streicher durch einen Background-Chor. Steht dem wütenden, sexy Song ausgesprochen gut. (Link)  

Bully - I Remember: Auch wenn ich die Band sehr mag, fiel es mir schwer über Bullys Debüt-Album zu schreiben. Sie sind eine weitere Band in einer scheinbar endlosen Reihe an 90er-Fans. Grunge, Pop Punk und Emo bilden auch hier einen typischen Sound. Aber abgesehen davon, dass Bully wirklich gute Songwriter sind, haben sie in Alicia Bognanno eine Wunderwaffe im Arsenal. Sie hat eine angenehme Singstimme und kann dazu schreien wie Kurt Cobain, aber mit viel mehr Power... (Link)

Carly Rae Jepsen - Run Away With Me: Ich bin kein großer Verfechter von "Poptimism", große Teile der Radiohits sind nach wie vor billig und langweilig, auch wenn sie von Indie-Schreibern schön geredet werden. Aber es gibt auch Ausnahmen wie Carly Rae Jepsen. Wer hätte gedacht, dass sich die Sängerin des unsäglichen "Call Me Maybe", mit Hilfe geachteter Songwriter, mal in eine Produzentin wirklich mitreißender, ansteckend positiver und irgendwie einfach guter Popsongs verwandeln würde? (Link)   

Meow the Jewels - Meowrly: Letztes Jahr versprachen EL-P und Killer Mike scherzhaft, dass sie ihr Album erneut aufnehmen würden und die Produktion komplett durch Katzengeräusche ersetzen würden, wenn jemand eine Deluxe-Version ihres Albums für 40.000 $ kaufen würde. Dann sammelte ein Kickstarter von Fans das nötige Geld in Rekordzeit ein und brachte die Band in Zugzwang. Doch Run The Jewels machten keinen Rückzieher, sondern begannen das Album tatsächlich zu produzieren, bekamen noch jede Menge hochkarätige Unterstützung dazu UND gaben das gesammelte Geld an die Hinterbliebenen von Eric Garner und Michael Brown. Bei all dem ist das eigentliche Produkt schon fast egal, aber jetzt ist der erste Song veröffentlicht und klingt wenig überraschend gleichzeitig fast unhörbar und fantastisch. (Link)