Dienstag, 28. Juni 2016

Halbzeit 2016: Die besten Alben, Songs und Musikvideos der ersten Jahreshälfte

Meine 10 Alben des Jahres bisher:


10. Beyoncé - Lemonade
Wenn ein scheinbar perfekter und unantastbarer Popstar ein enorm persönliches und intimes Album über Untreue und die Konsequenzen veröffentlicht, erregt das natürlich große Aufmerksamkeit. Viel wichtiger als mögliche Parallelen zu ihrem echten Leben aber ist, dass Beyoncé mit Lemonade ein enorm abwechslungsreiches und ambitioniertes Pop-Album heraus gebracht hat, das einfach unglaublich stimmig und zeitlos wirkt.  

9. Japanese Breakfast - Psychopomp
Michelle Zauner singt mit brutaler Ehrlichkeit über den Tod ihrer Mutter, seelische Abhängigkeit und Sex. Trotzdem ist Psychopomp keine Depri-Angelegenheit, sondern ein vielseitiges, strahlendes Album geworden, das Lo-Fi-Ideen und große Ambitionen großartig zusammen führt .  

8. Suuns - Hold/Still
Hold/Still wirkt oft so als ob Suuns versucht hätten so viele schräge und sperrige Ideen wie nur möglich in ihren Sound einzubauen. Das dabei ein so gutes und unvergleichliches Album heraus kommt, ist schon beeindruckend. Das es dann auch noch so eingängig geworden ist, ohne Zugeständnisse zu Indie Rock-Konventionen zu machen, ein kleines Wunder!

7. Rihanna - ANTI
Abseits von dem wohl brutalsten Ohrwurm des Jahres ("Work, work, work, work, work, work") und meinem Lieblings One-Liner ("Fuck ya white horse and ya carriage"ist ANTI das persönlichste und stimmigste Album eines Pop-Superstars zwischen Hedonismus, Feminismus und Einsamkeit. 

6. Nothing - Tired of Tomorrow
Was kommt heraus, wenn Veteranen der Hardcore-Szene mit düsterer Vergangenheit ein Shoegaze-Album machen? Ein seltsamer Hybrid aus schwebend-ätherischem und doch mitreißendem Sound und eine Stimmung, die immer wieder seltsam heiter ist, obwohl einen der depressive Grundton meistens zu erdrücken droht beim Hören.

5. Poliça  - United Crushers
Hinter der elektronischen, scheinbar kühlen Fassade von Poliça steckt schon immer eine enorm berührende und gefühlvolle Musik. Die zwei Schlagzeuger geben der Band eine Energie und Unruhe, die im wirkungsvollen Kontrast zu einem Sound stehen, der sonst eher kontrolliert und ätherisch anmutet. Vor allem aber ist es Sängerin Channy Leaneagh, die eine gewaltige Kraft und Intensität transportiert, vollkommen egal mit wie vielen Effekten ihre Stimme beladen ist.

4. Pinegrove - Cardinal
Alben, die einen sofort packen und schon beim ersten Hören wirken, wie "Dein zukünftiges Lieblingsalbum", sind unglaublich wichtig und unglaublich toll. Das mitreißende Cardinal von Pinegrove bedient sich Alt Country-Elementen und erinnert dazu an Emo der 90er ohne dabei jemals altbacken, zusammen geschustert oder unoriginell zu klingen. Stattdessen gibt es auf Cardinal acht ehrliche und gefühlvolle Songs über das erwachsen werden, die Liebe und Freundschaft.  

3. Cobalt - Slow Forever
Ich mag meine Metal-Alben musikalisch abwechslungsreich und komplex und thematisch und von der Stimmung her am liebsten düster, dreckig und intensiv. Slow Forever ist in dieser Hinsicht ein absoluter Volltreffer und dazu noch ein totales Meisterwerk. Erik Wunder spielt alle Instrumente und vermischt etwa ein Dutzend Stile zu einem gigantischen, stimmigen Monstrum während Sänger Charlie Fell Metal-üblichen Themen unglaubliches Leben und selten gesehene Persönlichkeit einhaucht.  

2. Aesop Rock - The Impossible Kid
Nach über 20 Jahren im Underground des Rap-Geschäfts bekommt Aesop Rock endlich etwas mehr Aufmerksamkeit und das mit seinem direktesten, persönlichsten und vielleicht auch besten Album bisher. Was neben seinen bisher meist kryptischen Texten und dem gigantischen Wortschatz oft unterging - Aesop Rock ist ein unterhaltsamer, witziger, tiefgängiger Rapper, ein großartiger Produzent und ein Mann, der aus dem Alltag seiner neuen Katze ebenso fantastische Geschichten heraus holt, wie aus seiner Depression oder dem Älter werden.

1. Carseat Headrest - Teens of Denial
Das beste Indie-Rock-Album seit Ewigkeiten ist eine gewaltige Rock-Achterbahnfahrt über das Scheitern und die Orientierungslosigkeit. Songwriter Will Toledo ist hier gleichzeitig die glaubwürdige Stimme einer ahnungslosen und gelähmten jungen Generation und gleichzeitig der Mastermind eines enorm ambitionierten Rockalbums und so etwas wie ein (absolut ungewöhnlicher) Rockstar. Teens of Denial ist eine durchdachte und detailverliebte Angelegenheit, sprüht aber gleichzeitig nur so vor Spontanität und kleinen Ideen, die das Album endlos hörbar machen.


Meine 10 Songs des Halbjahres 
(nicht von obigen Alben):

1. Kanye West - FML: 
Inmitten des Shitstorms eines enttäuschenden und nie fertig werdenden Albums gibt es zum Glück zwei, drei kleine Lichtblicke trauriger Schönheit auf The Life of Pablo, wie FML.

2. Radiohead - Daydreaming: 
Radiohead schaffen es immer noch mich innerhalb von Sekunden in ein emotionales Wrack zu verwandeln...

3. Charli XCX - Paradise (feat. Hannah Diamond): 
Experimenteller Popstar + PC Music-Produzent = Schrägster Ohrwurm des Jahres.

4. Brand New - I Am A Nightmare: 
Man weiß bei bei Brand New nie wohin die Reise geht, aber genial ist es eigentlich immer. Jetzt also mal ein überraschend gradliniger und mächtiger Rocksong.

5. Shearwater - A Long Time Away: 
Die Stimme von Jonathan Meiburg und die ungewöhnliche Instrumentierung machen aus ohnehin tollen Rocksongs kleine Offenbarungen.

6. Mitski - Your Best American Girl: 
Was für Gitarren! Rocksong des Sommers!

7. Moderat - Finder: 
Das sich langsam steigernde Finder ist ein Meisterstück an euphorisierendem Spannungsaufbau.

8. Trixie Whitley - Closer: 
Trixie Whitley hat eine Stimme, die alles andere verstummen lässt und den Hörer mit einer unglaublichen Sehnsucht erfüllen kann.

9. White Lung - Kiss Me When I Bleed: 
Eine der besten Punk-Bands der Gegenwart entdeckt das Midtempo und verfeinert ihr ohnehin schon beeindruckendes Gespür für große Melodien.

10. Audio88 & Yassin - Weshalb ich Menschen nicht mag: 
Man sollte den ganzen Text einfach kommentarlos in alle Kommentarspalten zur Flüchtlingsdebatte, Patriotismus und Nationalismus kopieren.


und, weil es so schön war, noch 10 mehr:

11. Faber - Alles Gute

12. Tinashe - Ride of your Life

13. Ahnoni - Drone Bomb Me

14. M83 - Go!

15. Kendrick Lamar - untitled 02. 06.23.2014 

16. Margaret Glaspy - Emotions and Math

17. Tim Hecker - Obsidian Counterpoint

18. Flume feat. KUČKA - Numb & Getting Colder

19. 2 Chainz feat. Lil Wayne - Gotta Lotta

20. Frightened Rabbit - Death Dream


Und die besten Musikvideos:




White Lung - Below




Spotify-Playlist mit fast allen Künstlern:


Donnerstag, 2. Juni 2016

Alben des Monats - Mai 2016

Car Seat Headrest - Teens of Denial
Will Toledo ist gerade mal 23 Jahre alt und hat mit seinem ersten offiziellen Album für Matador Records mal eben ein absolut fantastisches Indie Rock-Debüt heraus gebracht. Doch eigentlich stimmt das schon nicht, denn seit 2010 hat Toledo sage und schreibe 12 Alben selbstständig über Bandcamp veröffentlicht. Seine Musik wurde dabei immer weniger Lo-fi, doch erst mit Teens of Denial wurde aus Car Seat Headrest endgültig eine richtige Rock-Band und aus Toledo so etwas wie ein Rockstar.

Doch auch diese Behauptung ist eigentlich ungenau, denn anstelle eingängiger, gradliniger Rocksongs gibt es auf Teens of Denial zwölf absolut ungewöhnliche, massive Ungetümer, die fast alle die 5-Minuten Marke überschreiten - ohne irgendwann auch nur ansatzweise langweilig oder vorhersehbar zu werden. Toledo ist absurd selbstsicher und unterhaltsam, obwohl er sich gleichzeitig als phlegmatisch, sarkastisch, depressiv und vor allem planlos präsentiert.

Der erste Song des Albums beginnt mit der wunderbaren Zeile: "I'm so sick of (fill in the blank)" und diese tiefe Frustration, die sich aus einer Plan-, Richtungs- und Antriebslosigkeit zusammen setzt, zieht sich durch das ganze Album. Im selben Song wehrt sich Toledo gegen die Vorwürfe, dass er noch nicht genug gekämpft habe, um depressiv zu sein. In anderen Songs versucht er es mit Drogen, Alkohol und Partys, doch die Drogen haben nicht die gewünschte Wirkung, der Alkohol wird zur Gewohnheit und auf die Partys folgt der Kater und die Melancholie.

Die Frustration und Richtungslosigkeit gipfelt in der ebenso absurden, wie genialen Ballad of the Costa Concordia. In mehr als 11 Minuten präsentiert sich Toledo als zielloser, wütender Rebell ("I stay up late every night. Out of some general protest. But with no one to tell you to come to bed, It’s not really a contest.") und sympathisiert mit einer langen Liste seiner Fuck-ups und Unzulänglichkeiten mit dem Kapitän des verunglückten Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia ("It was an expensive mistake"). Und am Ende dieses dreiteiligen Epos steht die Kapitulation ("I give up!"), aber es ist eine kathartische, stolze Kapitulation, die auch in der Energie des Songs übertragen wird.

Das ist generell eine Stärke des Albums: Teens of Denial erzählt sehr persönliche Geschichte über Problemen und das Scheitern, aber es ist nie eine deprimierende oder leblose Angelegenheit. Die Band rockt im wahrsten Sinne des Wortes und die Songs strotzen nur so vor ungezügelter, unerwarteter Energie. Toledo stürzt sich in seine Unzulänglichkeiten und macht Magie daraus. Der große, durchdachte Sound steht dabei nie im Kontrast zu DIY-Einstellung und Lo-Fi-Produktion, sondern intensiviert die Wirkung seiner Vision nur noch. Es hilft, dass die Platte zwar groß, aber immer noch direkt und dreckig klingt.

Insgesamt merkt man dem Album auf jeden Fall an, dass es das Ergebnis eines ebenso produktiven, wie einfallsreichen Musikers ist. Es wirkt auf der einen Seite absolut durchdacht - mit Liebe zum Detail, unzähligen überraschenden Elementen im Sound und einer generell epischen, ausufernden Qualität. Gleichzeitig wirkt Teens of Denial aber nie wie ein steifes Konzeptalbum, sondern behält sich diese aufregende Spontanität bei von einem Typ, der eben einfach macht, was er liebt. Am besten lässt sich das mit einer Stelle bei "Costa Concordia" verdeutlichen. Mitten im Song taucht plötzlich eine Melodie auf die ganz vertraut klingt. Toledo hat das wohl auch gemerkt und singt spielerisch zwei Zeilen von Dido's White Flag. Das wirkt nicht wie ein Gimmick, sondern passt einfach perfekt. 

Leider trug ein ähnlicher Geistesblitz dazu bei, dass alle physikalischen Tonträger des Albums eingestampft werden mussten, weil der Songwriter der Cars, dann doch nicht wollte, dass eines seiner Lieder hier auf vergleichbare Weise gesamplet werden sollte. Das ist ärgerlich, es passt aber auch, dass Toledo danach den Song binnen kürzester Zeit umschrieb, um zumindest die digitale Version seines Albums noch rechtzeitig veröffentlichen zu können. Und das Beste: Der Song ist auch so großartig und verdeutlicht noch einmal die Kreativität eines genialen Indie-Rock-Künstlers, der mal eben so etwas wie ein modernes Meisterwerk geschrieben hat.        

Lieblingslieder: Fill in the Blank, Destroyed by Hippie Powers, Drunk Drivers/Killer Whales, Unforgiving Girl (She's not An), The Ballad of the Costa Concordia


Nothing - Tired Of Tomorrow
Dominic Palermo war in verschiedenen Punk Bands und voll in der Hardcore/Punk-Szene. Dann landete er für eine Messerattacke zwei Jahre im Gefängnis. Als er wieder frei war, fand er nach eigener Aussage keinen Zugang mehr zum Leben und dachte immer wieder an Selbstmord. Zum Glück kanalisierte er diese Hoffnungslosigkeit stattdessen in Nothing - eine Band, die gleichzeitig die erfolglose Sinnsuche im Leben, aber auch irgendwie eine neue Hoffnung verkörpert.

Nothing hat durch Palermo und die anderen Mitglieder einen Bezug zu Punk und Hardcore, dazu ist die Band noch auf einem Label, das hauptsächlich für extreme Metalmusik bekannt ist. Und trotzdem klingt Nothing so ganz anders als erwartet. Auch auf ihrem zweiten Album, Tired Of Tomorrow, spielen sie etwas, das neben Indie Rock und "Alternative Rock" vor allem nach Shoegaze und Dream Pop klingt. Palermo singt mit einer Stimme, die zwar im Sound verwaschen und verzerrt klingt, aber im wesentlichen doch wehmütig und klar bleibt. Es gibt dazu so viele großen Melodien und schönen Momente, die man so einfach nicht von einer solchen Band erwartet hätte. Diese Schönheit entspringt zwar einem durchweg düsteren und pessimistischen Sound und Weltbild, aber das macht sie nur noch viel interessanter.

Was Tired Of Tomorrow aber erst recht zu einem großartigen Album macht ist die Energie der Band. Ich mag Shoegaze und verwandte Genres für die psychedelische, traumhafte Qualität des Sounds. Aber viel zu oft klingt die Musik zu verwaschen, gleichförmig und dauerhaft abschweifend. Nothing nutzen die besten Elemente von Shoegaze und kombinieren es mit der Eingängigkeit und Zielstrebigkeit von Indie Rock, sowie der Wucht und Intensität von Punk oder Hardcore. Heraus kommen tolle Popsongs, die gleichzeitig einfach gigantisch klingen können. Musik zu der man headbangen und melancholisch Tagträumen kann.

Lieblingslieder: Fever Queen, The Dead Are Dumb, A.B.C.D. (Abcessive Comoulsive Disorder), Our Plague  


Radiohead - A Moon Shaped Pool
Nach jahrelangem Warten und Gerüchten um ein Trennung der Band zeigen Radiohead, dass sie das Spektakel der Albumveröffentlichung nach wie vor meisterhaft beherrschen. Die Band verteilte zuerst mysteriöse Flyer an Fans, löschte dann ihre gesamte Internetpräsenz, veröffentlichte zwei Musikvideos in kürzester Zeit und kündigte schließlich A Moon Shaped Pool für den 8. Mai an - ein Sonntag, wohlgemerkt. Und auch nach so langer Abwesenheit und trotz ihrem für viele enttäuschenden letzten Album, war der Hype ungebremst und das Internet überschlug sich schnell mit Lobeshymnen. Da bleibt es schwer LP9 noch unvoreingenommen und als Durchschnittsfan von Radiohead zu betrachten.

The King Of Limbs war nicht wirklich schlecht, aber nach dem Triumph von In Rainbows und mindestens 2 absoluten Meilensteinen im Rücken, blieb es für Radiohead-Verhältnisse eher unzugänglich, etwas blutleer und dazu noch ziemlich kurz. In den folgenden Jahren war Thom Yorke mit elektronischen, oft seltsamen Solosachen beschäftigt, während Gitarrist Jonny Greenwood weiter Lobesyhmnen als Filmkomponist sammelte. Zum Glück werden diese Einflüsse auf A Moon Shaped Pool sehr gut zusammen gebracht und Radiohead zeigen wieder mal, was für eine eingespielte Band sie sind.

Burn the Witch, war eine gute erste Single, aber ein im Albumkontext irreführender Song: Er klingt dramatisch, dringlich und ziemlich mächtig. Doch alle folgenden Songs sind eher ruhig, traurig und (auf eine oft sehr beunruhigende Art) verträumt. Trotz der prominenten Streicher, die dem Album eine orchestrale Qualität verleihen, klingt A Moon Shaped Pool oft wie "Ambient"-Radiohead.

Das soll aber nicht heißen, dass das Album nicht aufregend und großartig ist. Daydreaming besteht hauptsächlich aus einer einfachen Klaviermelodie und Thom Yorkes flehender Stimme, wird aber meisterhaft angereichert und verfremdet von nur schwer zu kategorisierenden musikalischen Elementen zwischen Elektronik, Orchester und Noise. Der Song entfaltet sich langsam und ruft dabei viele Erinnerungen an verschiedene klassische Radiohead-Songs hervor, ohne dabei wie eine bloße Kopie zu klingen. Am Ende widerholt Yorke die Zeilen "Half of my Life" immer wieder, rückwärts abgespielt. Man kann das als Hörer als Anspielung auf seine geschiedene Ehe (nach eben der Hälfte seines Lebens) werten, aber ehrlich gesagt auch so merkt man, dass es ein zutiefst persönlicher Song ist. Das gilt für das gesamte Album. A Moon Shaped Pool hat, politische und ökologische Themen hin oder her, wieder die emotionale Wucht und persönliche Note, die ich bei King Of Limbs vermisst habe.

Was auch auffällt ist, dass die Songs oft an so etwas wie die Greatest Hits von Radiohead erinnern, ohne, dass man wirklich den Finger darauf legen kann. Einige der Songs existieren schon sehr lange und wurden in anderer Form schon live gespielt, aber vielleicht ist es auch einfach das Radiohead-Phänomen. Es gibt einfach keine Band, die so leicht zu erkennen ist und doch so unkopierbar scheint. Auf A Moon Shaped Pool ist das noch verstärkt so. Die Band klingt so eingespielt und selbstsicher, aber auch so fremdartig, fast außerirdisch. Sind das Gitarren oder ein Klavier? War das ein halbes Orchester oder klingt die Band mit kleinen Mitteln nur auch schon so groß und mächtig? 

Das macht es auch sehr schwierig die Songs zu beschreiben, es gibt einfach so viel zu entdecken. Und das während die Lieder hier abwechselnd überwältigen und dann wieder einfach vorüber zu ziehen scheinen. Jeder Song verdient lange Abhandlungen, aber stattdessen will ich einfach nur noch ein paar Highlights heraus picken: Der erbarmungslose Basslauf, der Ful Stop vorantreibt und zu einem absolut atemlosen Song formt, der fiebrig-euphorische Gitarrenlauf am Ende von Identikit, die Klaviermelodie, das Gitarrenriff und die Streicher, die aus The Numbers im Wettstreit Magie machen und das wiederholte "Don't leave" am Ende des letzten Songs True Love Waits, der nach zwanzig Jahren endlich ein Studioversion bekommt und als 100. Radioheadsong noch mal alle Herzen bricht.

Ist A Moon Shaped Pool ein Meisterwerk? Dafür brauche ich definitiv noch mehr Zeit und Abstand - wohl aber eher nicht. Ist es ein großartiges Radiohead-Album und generell wunderschöne Musik? Definitv!  

Lieblingslieder: Daydreaming, Ful Stop, The Numbers        


White Lung - Paradise
Viele Punk- oder Metal-Bands stoßen irgendwann an die Grenzen ihrer Sänger. Der Gesangsstil sorgt für abgebrochene Konzerte, kaputte Stimmbänder und schließlich oft den Sängerwechsel oder eine Stiländerung in sanftere Gefilde. Das geht oft einher mit einer kommerzielleren Ausrichtung der Band und generell einer Enttäuschung der Fans. 
Auch White Lung hatten dieses Problem. Nach drei hervorragenden Punk-Alben und endlosen Touren war die Stimme von Sängerin Mish Barber-Way kaputt und auch die punkige, aber leichtsinnige Therapie aus Husten-Sirup und hartem Alkohol half nicht mehr. Doch anders als viele andere Bands machte Barber-Way aus ihren Limitationen eine Stärke. Mit Hilfe eines Gesangs-Coachs lernte sie ihre Stimme besser können, sie machte tägliche Stimm-Übungen und auf dem neuen Album Paradise singt sie im Einklang mit ihrer Stimme, ohne dabei an Kraft einzubüßen.

Die Veränderungen im Sound, die damit einhergehen, deuten auf eine größere Eingängigkeit und Poppigkeit hin, aber eigentlich war das schon immer die Richtung, die White Lung eingeschlagen haben. Unter dem erbarmungslosen Punksound steckten schon immer große Refrains und einprägsame Melodien. Auf Paradise geht die Band nur den nächsten logischen Schritt. Die Vorab-Singles Hungry und Below befassen sich mit der Vergänglichkeit von Ruhm und Schönheit aus der Sicht von Frauen. Dabei integrieren White Lung etwas in ihren Sound, dass man ganz ohne Abwertung "Power Balladen" nennen könnte. Barber-Way wandelt dabei ihre kratzige Wut in eine erhabene Stimmgewalt.

Paradise ist trotzdem zum Glück kein bequemes Pop-Album geworden. Barber-Way schlüpft in die Rolle weiblicher Serienkiller, alternder Hollywoodstars, sie singt über weibliche Körper in den USA und vor allem über die eigenen Widersprüche einer frisch und glücklich verheirateten Frau, die gleichzeitig authentische Punk-Ikone und Vorzeige-Feministin ist. 

Mindestens genauso wichtig für die Entwicklung von White Lung ist aber Gitarrist Kenneth Williams. Während die Rhythmus-Sektion White Lung mit Zielstrebigkeit und Kompromisslosigkeit in der Spur hält, ist es Williams' Gitarrenarbeit, die nach wie vor das größte Alleinstellungsmerkmal der bleibt.

Wo die meisten Punk-Gitarristen zwischen adäquat und einfallslos agieren, verbindet Williams scheinbar mühelos diese großen, erhabenen Riffs mit einem Sound, der absolut frenetisch und brutal klingt. Auch wenn es auf Paradise melodischer zugeht, gibt es immer noch genug Riffs auf die sehr viele Metal- und sogar Mathcore-Bands sicher neidisch wären. Schon Opener Dead Weight beginnt mit diesem atemlosen, nervösen Riff, das die Energie sofort hoch zieht, gleichzeitig sofort einprägsam und wiedererkennbar ist. Und so lange sich das nicht ändert, wird diese Band auch weiterhin etwas ganz Besonderes bleiben.   


Lieblingslieder: Dead Weight, Below, Kiss Me When I Bleed, Sister, Vegas

Sonntag, 1. Mai 2016

Alben des Monats - April 2016

Aesop Rock - The Impossible Kid
Nach fast 5 Jahren in denen er mit sehr unterschiedlichen Künstlern zusammen gearbeitet hat, ist es wunderbar wieder ein Album zu haben, das zu 100% von Aesop Rock geschrieben, produziert und gerappt wurde.

The Impossible Kid ist das Ergebnis einer Lebenskrise, die den Rapper in das selbst auferlegte Exil einer abgelegene Scheune trieb. Auch deshalb ist es das wohl persönlichste und ungewöhnlichste Album von Aesop Rock. Im Gegensatz zu allen bisherigen Alben sind viele Songs hier ungewöhnlich direkt und autobiographisch, wobei das natürlich auch eng verknüpft ist. Denn persönlich waren die lyrics von Aes schon immer, aber meistens so dicht und kryptisch, dass vieles unverständlich oder zumindest unklar blieb. Der Wandel zu einem "verständlicheren" Stil wirkt aber zum Glück überhaupt nicht gezwungen oder gar kommerziell.

Auch die unglaubliche Wortgewalt des Rappers leidet dadurch keineswegs. Im Gegenteil. So wird etwa aus einem gewöhnlichen Besuch beim Therapeuten in dem Song Shrunk ein lustiges, bedrohliches und zutiefst surreales Erlebnis. Und selbst das lyrisch wohl simpelste Lied Blood Sandwich macht aus gewöhnlichen Anekdoten über die Brüder von Aesop Rock, ebenso humorvolle wie melancholische Kurzgeschichten über Kindheit und Familie. Diese Qualitäten ziehen sich durch alle Stücke auf The Impossible Kid: Der Rapper schafft es immer wieder auf zutiefst kreative Weise das Persönliche so spezifisch und idiosynkratisch zu vertonen - ohne dabei die Nachvollziehbarkeit der Themen und Gefühle aus den Augen zu verlieren.

Die blumige Wortwahl und die manchmal fast schon außerirdische Sicht selbst auf alltägliche Dinge steht im Kontrast zu der größeren Nachvollziehbarkeit von Aesop Rocks Geschichten, aber gerade das macht The Impossible Kid zu einem so großartigen Hörerlebnis. Immer wieder gibt es Textzeilen, die einen zuerst verwirrt zurück lassen, sich aber dann doch ins Gehirn fräsen und lange nachhallen.

Für einen großen Fan, der seit jeher abwechselnd damit beschäftigt war die erwähnte Wortgewalt zu bewundern und die versteckten Themen in den kryptischen Texten der vorherigen Alben von Aesop Rock zu entschlüsseln, ist die Offenheit des neuen Albums oft überwältigend, fast schockierend. Letztendlich gibt es den Songs aber nur noch eine größere Wucht.

Und es ist auch nicht so, als ob die Themen etwas ganz Neues für den Rapper wären. Eine Lebenskrise führte zur Entstehung von The Impossible Kid in einer einsamen Scheune und sowohl das Leben abseits der Zivilisation, aber auch die Gründe für dieses Leben werden auf vielfältige Weise thematisiert. So sind Depression, Reue über verpasste Chancen, das Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit und der Geist seines verstorbenen Freundes und Rappers Camu Tao wiederkehrende Themen. Das klingt schwer und düster, ist es auch oft. Gleichzeitig ist The Impossible Kid aber absolut kein negatives Album und Aesop Rock weit entfernt von etwas, das ich als "Emo Rap" bezeichnen würde. Die Songs regen oft zum nachdenken an und sind durchzogen von einer tiefen Melancholie, aber sie sind ebenso einfach verdammt witzig, unterhaltsam und vor allem so treffend. Absolut dunklen Zeilen wie "Question: If I died in my apartment like a rat in a cage. Would the neighbors smell the corpse before the cat ate my face?" oder eine knappe Selbstbeobachtung wie "Party over here, I'll be over there", stehen ganze Songs wie Kirby entgegen, der eine extrem lustige Liebeserklärung an das Katzenbaby gleichen Namens ist. Oder die erste Begegnung eines misstrauischen Aesop Rock mit seiner neuen Therapeutin:

"She says, "I'm not your enemy"
I said, "That sounds like something that my enemy would say"
Instead of playing off the chemistry she said, "You're being difficult"
I said, "I'm being guarded. You're a quarter mil in debt, I get more guidance from my barber. [...]."

Gemeinsam haben diese Beispiele vor allem wie treffend sie etwas beschreiben, das jeder kennt. Es gibt noch hunderte solcher Textstellen, die (schwarzen) Humor, tiefgründige (Selbst)-Reflektion und ein fast übernatürliches Talent dafür das Alltägliche, ebenso wie das Außergewöhnliche, unvergleichlich gut zu beschreiben.         

Als Produzent bekam Aesop Rock noch nie besonders viel Aufmerksamkeit und das absolut zu unrecht. The Impossible Kid ist fast ausschließlich von ihm selbst produziert und ist dabei so organisch, lebendig und einfach "passend" wie vielleicht noch keines seiner Alben. Wohl platzierte Samples und ein großzügiger Einsatz von fantastischen Scratches komplettieren einen Gesamtsound, der mehr ist als nur ein Rahmen für einen ungewöhnlichen Flow. Es ist sicher eine große Herausforderung Musik zu einem so dichten, wie schrägen Rapstil zu produzieren, ohne das diese Musik stört oder verblasst. Hier ist sie dagegen mal perfekter Untergrund, mal die Hauptattraktion. Und auch das macht aus einem ohnehin schon großartigen Rapalbum, das vielleicht Beste in einer Karriere, die an Highlights wahrlich nicht arm ist.

Lieblingslieder: Dorks, Blood Sandwich, Shrunk, TUFF, Water Tower


Beyoncé - Lemonade
Beyoncé ist der wohl größte Popstar der Welt. Ihre Karriere ist perfekt durchgeplant und hat ihr neben kommerziellem Erfolg auch ein mythischen Status als makellose Überfrau eingehandelt. Durch die scheinbar perfekte Ehe mit Jay-Z wurde dieser Eindruck noch verstärkt, vor allem auch weil die Öffentlichkeit nur wohl kalkulierte Einblicke in das Privatleben des Power Couples bekam.

Lemonade, ihr neues Überraschungsalbum, ändert das jetzt (scheinbar) auf spektakuläre Weise. Es ist ein zutiefst persönliches Album, das eine chronologische Geschichte über Betrug und Vergebung erzählt. Die Musik von Beyoncé war vielleicht auch vorher schon irgendwie persönlich, aber hier ist sie verletzlich, wütend und emotional wie noch nie.

Und als ein eher sporadischer Hörer ihre Musik, kann ich sagen, dass ihr das enorm gut steht. Auch wenn ich es langweilig finde zu analysieren wie genau die Texte zu einer vermeintlichen Untreue von Jay-Z passen oder wer "Becky with the good hair" ist, bleibt Lemonade ein phänomenales Trennungsalbum, auch wenn am Ende offenbar eine Versöhnung steht.

Hold Up beschreibt den Moment der Realisierung, dass "er" fremd geht, verbindet schmerzhafte lyrics mit einem Reggea-Beat, einer Yeah Yeah Yeahs-Hommage(?) und wurde unter anderem von Ezra Koenig und Father John Misty geschrieben. Was sich anhört wie eine Katastrophe ist in Wirklichkeit ein früher Anwärter auf den Song des Sommers. Auch in anderen Songs bedient sich Beyoncé mit einem scheinbar übernatürlichen Gespür an Musikrichtungen und Musikern. Daddy Lessons ist ein Country-Song, der vor allem im Kontext dieses Albums nicht funktionieren sollte, es aber tut. James Blake macht aus dem leider viel zu kurzen, aber wunderschönen Foward praktisch einen James Blake-Song und auch im Alternative RnB des Opener Pray You Catch Me ist sein Einfluss unverkennbar. Und da ist da noch Jack White, der hilft aus Don't Hurt Yourself einen absolut elektrisierenden Rocker zu mache in dem Beyoncé problemlos die großen Schuhe von Allison Mosshart ausfüllt.  

Doch auch mit den unzähligen Beteiligten bleibt Lemonade doch ganz klar die Beyoncé-Show. Auf dem erwähnten Don't Hurt Yourself spuckt sie Gift, Galle und Feuer, dass einem die Spucke weg bleibt. Und auf dem gigantischen Freedom zwingt sie nicht nur zu absoluter Aufmerksamkeit, sondern verdammt sogar ein richtig gutes Feature von Kendrick Lamar zur Nebensache. Beyoncés Stimme ist in Topform auf dem Album und erhebt selbst die weniger spektakulären Songs auf Lemonade weit über die Durchschnittlichkeit.

Starke (schwarze Frauen) spielen die Hauptrolle auf Lemonade und auch in dem Film, der das Album begleitet. In den Videos sehen wir schwarze Stars, Tänzerinnen, aber auch die Mütter von ermordeten schwarzen Männern und die Großmutter von Jay-Z, die dem Album mit dem Satz "I was served lemons, but I made Lemonade" den Namen gab. Und dann sind da noch die sehr persönlichen Gedichte von Warsan Shire, die in dem Musikvideo wiederholt vorgelesen werden und eine eindeutige thematische Inspiration für Beyoncé gewesen sind. Die Hauptrolle spielt aber natürlich Beyoncé selbst. Sie ist die Betrogene und schließlich die Frau, die ihrem Mann vergibt; aber darin steckt nie Schwäche - im Gegenteil. Ihre Reaktionen auf die Untreue lassen sich mit den Textzeilen "What are you doing, my love?" und "This is your final warning!" zusammen fassen. Und auch wenn sie auf dem Album an sich selbst zweifelt, kommt auch die anschließende Vergebung aus einer Position der Stärke: "Nothing real can be threatened". Diese Stärke spiegelt sich auch in der ungewohnt politischen Ausrichtung der Vorabsingle Formation wieder, die das weiße Amerika schockierte, ihr aber außerordentlich gut steht. und schließlich sieht man die Stärke von Beyoncé eben auch in diesem so selbstbewussten, mutigen Popalbum.

Lieblingslieder: Pray You Catch Me, Hold Up, Sorry, Daddy Lessons, Freedom, All Night       


Mamiffer - The World Unseen
Es gibt keine Musik, die sich so gut zum Hausarbeit schreiben, lernen oder einfach zum abschalten eignet, wie die von Faith Coloccia. Von der äußerst experimentellen Musik ihrer Vorgängerband Everlovely Lightningheart hin zu dem etwas strukturierteren Nachfolgeprojekt Mamiffer war es ihre Musik, die am häufigsten bei mir in Phasen der Konzentration und Kontemplation gespielt wurde. Das soll aber nicht heißen, dass vor allem Mamiffers Musik nur zum Nebenbei hören geeignet ist. Ganz im Gegensatz steckt hinter den geduldigen, scheinbar formlosen Songs jede Menge Liebe zum Detail und ein thematischer Überbau, der sich durch die Songtitel, spärlichen Texten und ausführlichen Interviews der Bandmitglieder offenbaren.

Auf ihrem dritten Album The World Unseen sind Mamiffer endgültig ein gleichberechtigtes Duo aus Faith Coloccia und ihrem Mann Aaron Turner (Ex-Isis, Old Man Gloom, Sumac). Das spiegelt sich für mich vor allem in dem brillanten Songwriting wieder, dass aus The World Unseen ein eindrucksvolles, oft sogar eingängiges Gesamtkunstwerk macht ohne dabei das Offene, Experimentelle und scheinbar Ungeplante zu vernachlässigen.

Die Musik besteht dabei hauptsächlich aus Coloccias Klavier, umwebt von Turners Gitarrenklängen und warmen, erdigen Ambientklängen für die die Bezeichnung Ambient Noise vielleicht richtig, aber doch irgendwie unpassend wäre. Die große Kunst des Duos ist es dabei diese so simplen Zutaten zu etwas so einzigartigem zusammen zu fügen. Mal klingt das wunderschön und zärtlich, dann wieder absolut mächtig und fast bedrohlich. Mehr als zuvor steht dabei Faith Coloccias Stimme im Vordergrund, die beladen mit Echos in und aus manchen Songs schwebt und ihnen gleichzeitig etwas poppiges verleiht aber auch die Spiritualität von Mamiffer noch betont.

Diese Spiritualität ist auch ohne Kenntnis der Texte und Themen des Albums schnell ersichtlich. Durch die acht Songs auf The World Unseen zieht sich ein, mal meditativer, mal erhabener, manchmal sogar ekstatischer Charakter, immer aber wirkt die Musik absolut natürlich und ursprünglich.

Lieblingslieder: -      


Frightened Rabbit - Painting Of A Panic Attack
Painting Of A Panic Attack ist das fünfte Album von Frightened Rabbit, ihr zweites für ein Major Label und das erste Mal, dass sie mit Aaron Dessner von The National als Produzent zusammen arbeiten. Das sind auf den ersten Blick die wichtigsten Eckpunkte des Albums. Viel bedeutender aber ist hier wieder die Frage, ob die Band das Spannungsfeld aus "Indie-Cred", musikalischer Weiterentwicklung und kommerzieller Erwartungen erfüllen kann. Midnight Organ Fight, ihr zweites Album ist ein Meisterwerk, das die Band in die Stratosphäre schoss, aber auch fortan einen gigantischen Schatten über das weitere Schaffen der Band warf. Die Folgealben wurden dann größer, rockiger, fröhlicher und musikalisch vielseitiger. Pedestrian Verse, Frightened Rabbits Major Label Debüt, führte diesen Trend fort und war dabei finanziell äußerst erfolgreich. Musikalisch gab es auch hier viele gute Songs und Ideen, es fehlte aber leider ein wenig die einzigartige Schwermut der Schotten, ebenso wie Lieder und Texte, die sich wirklich dauerhaft einprägten.

Painting Of A Panic Attack schlägt da in eine ähnliche Kerbe. Der gewohnte Bandsound um Scott Hutchinsons unvergleichliche Stimme wird ergänzt um eine noch vielseitigere Instrumentierung. Das machen schon die vorab veröffentlichten Songs deutlich. Death Dream ist eine wunderschöne Ballade, die das Album überraschenderweise, aber durchaus willkommen einleitet. Get Out dagegen ist ein explosiver Rocksong, der durch seine Intensität weit über die Mittelmäßigkeit des eigentlichen Sounds hervor gehoben wird. Und Woke Up Hurting ist handwerklich einwandfrei, aber auch irgendwie sehr langweilig und fast im Territorium von Mumford And Sons.

Die restlichen Songs befinden sich (für Frightened Rabbit-Verhältnisse) eher am lauteren, rockigen Ende des Spektrums, schwanken aber ebenso zwischen ziemlich großartig und ziemlich austauschbar. Break ist dabei nicht nur der "wildeste" Song, sondern auch so ziemlich der Beste. Er klingt neu und aufregend, meistert aber gleichzeitig die seltsame Mischung aus Melancholie und Euphorie, die Scott Hutchinson und Co. gemeistert haben, wie keine andere Band. Ebenso großartig ist 400 Bones, das sich von zärtlichen Anfängen zu einer großen Power-Ballade, mit Streichern und allem , entwickelt.

An anderen Stellen wird Hutchinsons Stimme aber fast zum Problem; er könnte auch Einkaufszettel in Poesie verwandeln, täuscht dabei aber an einigen Stellen über wenig bemerkenswerte Songs hinweg.  

Die Produktion von Dessner bewegt sich irgendwo zwischen kompetent und großartig. In Zweitere Kategorie fallen sicher der absolut volle Sound und die Liebe zum Detail. Insgesamt profitiert Painting Of A Panic Attack, vor allem gegenüber dem Vorgänger, von einer größeren "Wuchtigkeit", von einem abwechslungsreichen, aber doch auch etwas einheitlicheren Sound und eben besseren Songs. An frühere Glanztaten kommt das Ganze natürlich trotzdem nicht heran. Das mag unfair sein, aber damit muss die Band eben leben. Und ein Album, das wegen der glorreichen Vergangenheit von Frightened Rabbit automatisch so kritisch beurteilt wird und halbwegs stand hält, kann so schlecht ja wirklich nicht sein.       

Lieblingslieder: Death Dream, Get Out, Break, 400 Bones


Tim Hecker - Love Streams
Tim Hecker hat sieben Alben wunderschöne und fordernde elektronischer Musik heraus gebracht und dabei die Genres Ambient, Drone und Noise gründlich ausgelotet und zusammen geführt. Nach eigener Aussage hat er seinen Stil ausgereizt und wusste musikalisch nicht mehr wohin. Das ist wenig verwunderlich - Virgins, sein letztes Album, ist zutiefst anstrengend, verstörend, aber ebenso zärtlich und beruhigend.

Um einen neuen Ansatz zu finden hat Hecker über zwei Jahre in einer isländischen Kirche aufgenommen und erstmals einen Chor zum Mittelpunkt seiner Musik gemacht. Doch schon dieser Satz ist eigentlich in zweierlei Hinsicht ungenau. Denn der Chor wurde erst digitalisiert und dann bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet und zerstückelt. Was davon bleibt ist mehr ein weiteres Instrument in Tim Heckers gespenstischem Baukasten. Auch gibt es auf Love Streams keinen wirklichen Mittelpunkt. Vielmehr steht der Hörer im Mittelpunkt, den aus allen Richtungen Stimmen, Sounds und Geräusche umgeben, oder eher vollkommen einhüllen.

Das ist für die Musik von Hecker nichts neues, aber Love Streams klingt verträumter und kontemplativer als die oft so konfrontativen und ungemütlichen Vorgängeralben. Auch wenn viele Hörer die fordernde Art der Musik auf Lovestreams vermissen, gefällt mir diese Eingängigkeit und Schönheit hier außerordentlich gut. Die fremdartige, fast außerirdische wirkende Qualität kommt dadurch noch besser zur Geltung und auch einen Chor in den Mittelpunkt zu stellen, der keine menschlichen Worte mehr zu singen scheint, verstärkt diesen ätherischen, gespenstischen Effekt enorm.

Trotz allem macht Tim Hecker aber immer noch keine Easy Listening-Musik: Unerwartete Elemente in der Musik und plötzliche Noise-Attacken, sorgen für Kontraste im Sound und kleine Schockmomente beim Hören, sind aber dabei nie willkürlich, sondern beeindruckend gut in die Musik eingefügt.    

Lieblingslieder: Obsidian Counterpoint, Castrati Stack, Black Phase

Sonntag, 3. April 2016

Musik des Monats - März 2016

Cobalt - Slow Forever
Cobalt war das gemeinsame Projekt von Phil McSorley und Eric Wunder. Sie veröffentlichten drei Alben, die sich immer weiter vom anfänglichen Black Metal-Sound der Band entfernten und dabei immer ambitionierter wurden. 2013 trennten sich die Musiker, rauften sich wieder zusammen, dann wurde McSorley nach einem frauen- und schwulenfeindlichen Ausfall endgültig von Wunder aus der Band geworfen. Das war nicht nur menschlich eine sehr gute Entscheidung, sondern auch musikalisch. Denn mit dem neuen Sänger Charlie Fell nahm Wunder mal eben ein absolutes Biest und unbedingtes Meisterwerk auf. Slow Forever ist für mich das beste Metalalbum seit langer, langer Zeit!

Dabei ist es wirklich schwierig zu beschreiben, was für Musik Cobalt jetzt eigentlich machen. Es wird oft immer noch als Black Metal beschrieben, aber damit hat es eigentlich nur noch wenig zu tun. Stattdessen erinnern die Songstrukturen mal an Death Metal oder Sludge, die Stimmung der Songs an Bands wie Neurosis oder Swans, die Energie und Wut der Band sogar an Crust Punk oder Hardcorebands. Dazu gibt es Intros und Zwischenstücke, die Elemente aus Americana, Folk, fast schon orientalische Melodien und eine Rede von Ernest Hemmingway nahtlos in den Sound der Band einbinden. Gemeinsam ist allen gigantischen Songs dieses Epos aber auf jeden Fall dieses euphorische, mitreißende Gefühl, dass die allerbesten Metalalben auszeichnet.

Einen großen Teil zur Stärke des Albums trägt auf jeden Fall Charlie Fell bei, der auf Slow Forever wirklich alle Kriterien eines Metalsängers erster Güte erfüllt. Er klingt meistens absolut dämonisch, bleibt dabei aber variabel und absolut menschlich. Er schreit sich die Seele aus dem Leib, seine Worte und damit auch seine genialen Texte bleiben dabei aber immer verständlich. Diese handeln von Sucht, Gewalt, (sexueller) Frustration und ähnlichen Themen und jeder Song hat mindestens eine einprägsame, erschütternde Zeile - doppelt so aufgrund Fells unglaublicher Intensität.

Eric Wunder spielt dazu alle Instrumente auf dem Album und sorgt dafür, dass diese Zwei-Mann-Band wie ein eingespieltes und überwältigendes Monstrum wirkt. Die meisten Songs überschreiten die 7- viele sogar die 10-Minuten-Grenze, aber im Gegensatz zu vielen anderen Metalbands füllt Wunder diese Längen nicht mit langsamen Aufbau oder Wiederholungen aus, sondern mit einer ständig in Bewegung bleibenden, unablässigen musikalischen Attacke. Die Lieder jagen von einem Höhepunkt zum nächsten und sind voller genialer Momente. Dadurch scheint es beim Hören gleichzeitig als ob das Album den Hörer komplett umschließt und niemals endet und dann trotzdem irgendwie immer noch zu kurz ist. Das Songwriting ist auf so hohem Niveau, die Songs so kraftvoll - sie würden wohl sogar nur auf einer akustischen Gitarre überwältigend klingen.  

Es ist für mich selten, dass mich ein Album so überwältigt, dass ich es nicht nur kaum adäquat beschreiben kann, sondern es auch kaum aushalte vor lauter Gänsehaut und Adrenalin beim Hören. Wie kann Metal nur so majestätisch und gewaltig klingen und doch auch so dreckig, brutal und direkt? Ein Meisterwerk!  

Lieblingslieder: Hunt The Buffalo, King Rust, Cold Breaker, Elephant Graveyard 

Poliça - United Crushers
Auch auf dem dritten Album von Poliça lebt die Band von ihren scheinbaren Widersprüchen. Sie machen so etwas wie RnB mit elektronischer Schlagseite, aber mit zwei Schlagzeugern; poppig direkt, aber auch irgendwie ätherisch und verschroben. Ihre Songs schweben oft am Hörer vorbei, aber immer wenn man geneigt ist es als "Musik zum Nebenbei hören" zu beschreiben, erzwingen ungewöhnliche Sounds oder die eindringliche Stimme von Channy Leaneagh wieder zu voller Aufmerksamkeit.

Leaneagh ist noch mehr als auf den vorherigen Alben der faszinierende Mittelpunkt von united chrushers. Ihre Stimme ist bearbeitet und effektbeladen, aber ihr Wut, Schmerz, Erschöpfung, ihr massives Charisma kommen trotzdem mühelos durch. Die Band nutzt ihre Stimme sicherlich wie ein Instrument, aber mehr noch als bisher bleibt sie immer auch eine unmittelbare, zutiefst menschliche Präsenz. Im Gegensatz zu den beiden persönlichen, vorherigen Alben der Band, sind ihre Texte diesmal, nach eigener Aussage, politischer. united chrushers ist aber trotzdem nicht wirklich ein Protestalbum. Zum einen sind Leaneaghs Texte oft kryptisch und bruchstückhaft, zum anderen strahlt die Musik von Poliça besonders auf diesem Album Erschöpfung, unterdrückte Wut und Melancholie aus, die das Ganze doch wieder sehr persönlich anmuten lassen.

Das soll aber nicht heißen, dass United Crushers nicht erfolgreich ist. Im Gegenteil, kann es das Album sogar locker mit dem fantastischen Debüt der Band aufnehmen. Es klingt dringlich, erweitert die Soundpalette der Band erfolgreich und hat eine große Anzahl an packenden, unverwechselbaren Songs. Das alles kann man leicht verpassen, da es einen vielleicht nicht sofort packt. Stattdessen ist es definitiv ein Kopfhöreralbum, auf dem die Band mit Liebe zum Detail Songs webt, die das aufmerksame Hören und etwas Geduld belohnen. Dafür gibt es dann ein zutiefst faszinierendes Stück Musik, das nach hinten raus sogar noch immer stärker wird.

Lieblingslieder: Someway, Wedding, Top Coat, Berlin, Lose You      

Låpsley - Long Way Home
Holly Lapsley Fletcher ist erst 19 Jahre alt, veröffentlicht aber bereits seit 3 Jahren selbst produzierte Popsongs mit RnB- und Trip Hop-Einflüssen, die ihr neben viel Lob ebenso schmeichelnde, wie passende Vergleiche mit Adele, James Blake und the xx eingebracht haben. Ihr erstes Album vermischt nun diese Einflüsse mit einer tollen Stimme und wirklich enormen Songwriting-Talent. Ich habe nur leichte Probleme die verschiedenen Seiten der Künstlerin beim Hören unter einen Hut zu bringen, auch wenn mir fast alles gefällt, was ich höre...

Aufmerksam geworden auf Låpsley bin ich durch ihre wunderschönen ersten Songs, bei denen sie es schaffte aus einem Sound, der sehr an James Blake erinnerte, etwas durchweg Eigenständiges zu zaubern. Begleitet von oft minimaler Instrumentierung setzte sie ihre beeindruckende Stimme und jede Menge Effekte ein, sang mit sich selbst im Duett und rang unglaubliche Emotionen aus, auf dem Papier kühlen Songs, heraus.

Die neueren Songs öffneten sich dagegen immer mehr dem Pop und der großen Geste. Låpsley entwickelte scheinbar mehr Selbstvertrauen in ihre tolle Stimme und orientierte sich generell mehr an den 80ern und der dramatischen Popmusik.

Auf Long Way Home stehen diese Art von Songs jetzt nebeneinander und es wirkt manchmal als seien es zwei EP's einer Künstlerin, die sich nicht so richtig entscheiden konnte. Und auch wenn beide Hälften mehr oder weniger großartig sind, ist der Übergang oft wirklich abrupt. Die triumphalen Hits Heartless, Hurt Me und besonders Love is Blind, könnten nicht nur wegen der ähnlichen Stimme auch von Adele stammen (nur mit deutlich weniger "Drama"). Operator (He Doesn't Call Me) wirkt wie ein aus der Zeit gefallener Popsong, der  heute wie in den 80ern sicher als Radiohit funktionieren würde. Doch direkt daneben steht auf dem Album das etwas ältere Painter, ein zum Weinen schönes, intimes Schlaflied. Und vor dem bereits erwähnten Love is Blind steht der Song Station, eine Meisterklasse der minimalistischen Soundmanipulation.

Wo die Reise für Låpsley wohl langfristig hingehen wird, zeigt das Album aber auch. Die geradlinigen, nostalgischen Popsongs überwiegen hier deutlich und es gibt auch Songs, die sich etwa mittig zwischen den verschiedenen Einflüssen ansiedeln. Doch auch wenn ich das musikalische Mischmasch auf Long Way Home nicht immer gut finde, wäre es schade, wenn die Sängerin in Zukunft nur noch eine experimentelle Version von Adele bleiben würde. Lieber hoffe ich auf eine Låpsley, die weiterhin so gute, unterschiedliche Songs produziert, auch wenn dabei kein einheitlicher Sound oder ein schlüssiges Hörerlebnis heraus kommen.

Lieblingslieder: Hurt Me, Falling Short, Operater (He Doesn't Call Me), Painter       

Alessia Cara - Know-It-All
Das erste Album des kanadischen Pop-Wunderkinds hat ein typisches Luxusproblem: Die ersten fünf Songs sind einfach die komplette EP von Alessia Cara aus dem letzten Jahr. Und die ist eigentlich ziemlich perfekt. "Here", ihr größter Hit, ist immer noch überraschend - ein Popsong, der mehr nach Trip Hop klingt und auf dem Cara ehrlich über ihre Abneigung sinnloser Partys singt. Die übrigen Songs der EP sind typischere Poplieder, irgendwo zwischen Taylor Swift und Carly Rae Jepsen, wobei die Energie, Persönlichkeit und Energie zum Glück mehr an Zweitere erinnern. Die Themen sind dabei typisch für Teenager: Liebe, Freundschaft, Selbstfindung. Nichts weltbewegendes, aber sympathisch vorgetragen und nicht ganz so oberflächlich.

Bei Kenntnis der EP kann der Rest des Albums dann nur etwas enttäuschend sein, da die neuen Songs nicht ganz an die Qualität heran reichen und etwas wie Fremdkörper wirken. Die neue Single Wild Things ist nicht schlecht, klingt aber ein wenig nach Selbstkopie. Dasselbe gilt auch für den Abschlusstrack Scars To Your Beautiful. Bleiben die beiden Balladen Stone und Stars, die ungewohnt sind, aber auf jeden Fall Potential haben und das grausig glatt polierte Overdose.

Insgesamt bleibe ich dann doch lieber bei der EP, aber Alessia Cara hat auf jeden Fall genug Talent und Charisma ein Star zu werden und es könnte wirklich schlimmeres in den Charts geben.    

Lieblingslieder: Seventeen, Here, I'm Yours, Stone   

2 Chainz - COLLEGROVE
Collegrove ist auf dem Papier ein Soloalbum von 2 Chainz, aber Lil Wayne ist auf 8 der 12 Tracks als einziger Gast vertreten und das Cover zeigt 2 Chainz mit dessen Gesichtstätowierungen. Es war wohl die einzige Möglichkeit für Lil Wayne Musik zu veröffentlichen, da seine Karriere seit Jahren wegen einem bitteren Labelstreit gelähmt ist. Und für 2 Chainz ist eine Möglichkeit seine Dankbarkeit zu zeigen, da seine Karriere erst richtig begann als er schon Mitte 30 war und von Lil Wayne protegiert wurde - damals wohl mit der größte und wichtigste Rapper der Welt.

Heute ist nicht ganz klar, wer hier wem den größeren Gefallen tut. 2 Chainz ist kein Superstar, aber bekannt und hier eindeutig der bessere Rapper und Texter. Lil Wayne ist meilenweit entfernt von seiner weltbeherrschenden Bestform aber auf Collegrove stellenweise wieder richtig gut und unterhaltsam. Da ich nicht sehr gut vertraut bin mit der Musik der beiden Rapper, kann ich das Album nur unabhängig beurteilen und das ganz ohne irgendwelche Erwartungen...und bin wirklich positiv überrascht.

Collegrove ist weder anspruchsvoll, noch bahnbrechend, dafür aber wirklich unterhaltsamer Party Rap mit einigen fantastischen Momenten und durchgängig guten Songs. Lil Wayne variiert für mich, wie meistens, zwischen extrem unterhaltsam und extrem nervig, hier profitiert das Album aber meistens von seiner manischen Energie. Er wird gut ausbalanciert von 2 Chainz, der etwas konventioneller rappt, dafür aber mit mehr einprägsamen lyrics aufwartet.

Zusammen schleichen sich die Beiden mit eher hirnlosen aber einfach spaßigen Ohrwürmern in die Gehörgänge und verlassen diese nicht mehr so schnell.

Lieblingslieder: Bounce, Gotta Lotta, 100 Joints, Rolls Royce Weather Every Day 

The Body - No One Deserves Happiness
Der Albumtitel sagt eigentlich schon alles: The Body spielen ultradüsteren, experimentellen Metal, gepaart mit schmerzhaft intensiven Noise-Attacken. Und No One Deserves Happiness ist ihr brutalstes, zielstrebigstes Werk bisher.

Die Zutaten des Bandsounds sind ebenso einfach wie effektiv. Chip King spielt schleppende Riffs zwischen Doom und Noise und schreit dazu hoch, verzweifelt, abgehakt und furchteinflößend. Lee Buford wechselt präzises Drumming mit ebenso präzisen Drum Loops. Heraus kommt etwas, dass musikalisch und von der Intensität an Khanate oder Burial Hex erinnert, aber "musikalischer", "eingängiger" und "poppiger" ist als diese oder ähnliche Bands.

Das liegt zum einem an den etwas konventionelleren Songstrukturen. Auch wenn The Body natürlich meilenweit von Pop entfernt sind, versehen sie ihre Songs mit klaren, mitreißenden Spannungsbögen. Zum anderen balancieren die Gastsängerinnen Chrissy Wolpert und Maralie Armstrong die wüsten Schreie von King aus und geben dem Album einen Anstrich zwischen Chamber Pop und klassischem Doom Metal.  Das soll aber nicht heißen, dass sie nur schmückender Kontrast sind. Stattdessen verstärken sie die Atmosphäre der absoluten Verzweiflung und Dunkelheit des Albums noch ungemein. Besonders Wolpert trägt dazu bei, dass The Fall And The Guilt der wohl niederschmetterndste Song auf No One Deserves Happiness ist. Nach einer halben Stunde schleppender, aber atemloser Zerstörung ist der Song die Ruhe nach dem Sturm, aber auch erdrückend hoffnungslos.

Das gesamte Album ist ein kleines Meisterstück der Negativität, ein zielstrebiger Brocken aus Wut und Schmerz. Sicher nicht für jeden und für jede Stimmung, aber unheimlich effektiv und gut.

Lieblingslieder: Shelter Is Illusory, Hallow/Hollow, The Fall And The Guilt  


Songs/Videos:


P.O.S - sleepdrone/superposition


In dem ersten Solosong von P.O.S nach seiner Nierentransplantation vor zwei Jahren, verarbeitet Stef Alexander die vielen Emotionen, die er nach der Operation durchlebte, als er versuchte wieder ins Leben zu finden. sleepdrone/superposition zeigt einen Rapper, der viel zu sagen hat, sich beweisen will und das auch äußert beeindruckend in Szene setzt. Der Song ist ein 9-minütiges Monster, der durch düstere Synths und echte Drums eine große Aggression und Dringlichkeit ausstrahlt. Trotz der vielen Features ist es absolut Alexanders Show und eine beeindruckende Rückmeldung des Rappers.

Anna Wise - Bitchslut


Auf Bitchslut singt Anna Wise über all die Herabsetzungen, Belästigungen und Zurechtweisungen, denen sich Frauen täglich ausgesetzt sehen, weil sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten, kleiden oder sonst was. Ihr Song ist ein großes "Fuck You" an all diese Männer und gleichzeitig ein euphorisches Zelebrieren selbstbestimmter Weiblichkeit. Darüber hinaus ist es auch noch ein ansteckend eingängiger und positiver Popsong - musikalisch weit entfernt von ihrer Arbeit mit Kendrick Lamar, aber ebenso gut.      

Aesop Rock - Blood Sandwich


Man könnte sagen, dass die Lebenskrise und der Rückzug in eine umgebaute Scheune Aesop Rock einen neuen, musikalischen Frühling beschert haben..nur ist er ein Künstler, der seit Jahrzehnten so gut wie ausschließlich großartige Musik heraus gebracht hat. Trotzdem gelingt ihm auch der melancholische Stil und die autobiographischen, direkten lyrics phänomenal. Blood Sandwich ist eine bittersüße Erinnerung an seine beiden Brüder - ebenso persönlich wie poetisch. 

Frightened Rabbit - Get Out


Die übliche Entwicklung vieler Folk Bands von intimer Akustik-Musik zu Stadion-Rock, parallel zur steigenden Popularität, haben Frightened Rabbit zum Glück nie so ganz durch gemacht. Dennoch wurde der Sound definitiv größer, die Gefühle manchmal etwas platter und glatter. Get Out ist zwar auch so etwas, wie ein Rocksong, wartet aber mit ganz großen Gefühlen auf, die echt und umwerfend klingen. Sicherlich trägt zur Wirkung des Songs aber auch das explosive und herzzerreißende Zusammenspiel der beiden Hauptdarstellerinnen des Musikvideos bei.