Mittwoch, 5. Juni 2013

Mein Mai in Musik und Film

Filme:

Evil Dead
Worum geht’s: Vier Freunde besuchen eine abgelegene Hütte im Wald, um einer von ihnen beim kalten Entzug zu helfen. Im Mittelpunkt stehen dabei das Geschwisterpaar David (Shiloh Fernandez) und Mia (Jane Levy). Als Mia von einem Dämonen besessen wird, halten die anderen das für bloße Nebenwirkungen ihres Entzugs und das Übel nimmt seinen Lauf...Der Film ist eine lose Neu-Interpretation des Horrorfilm-Klassikers gleichen Namens (auf deutsch damals: Tanz der Teufel), ein Remake ist er aber nicht wirklich.
Stärken: Evil Dead ist sicher einer der brutalsten und ekelhaftesten Horrorfilme, die ich bisher gesehen habe. Was den Film aber angenehm vom puren „Torture Porn“ abhebt, ist die in ihrer Überzogenheit einfach nur unterhaltsame Gewalt und die beeindruckende Zielstrebigkeit der Handlung. Es folgt Schock auf Schock, der Kreativität und Boshaftigkeit der Filmemacher sind dabei keine Grenzen gesetzt.
Die Darsteller sind für Horror-Film-Verhältnisse typisch langweilig, aber zumindest Jane Levy (bekannt aus der Comedy-Serie Suburgatory) ist kaum wieder zu erkennen und durchaus eindrucksvoll. Und Handwerklich ist Evil Dead sowieso über jeden Zweifel erhaben...
Das Beste: Die wahren Hauptdarsteller sind natürlich Make-Up, Effekte und vor allem der Sound. Eine visuell so überzogene und manische Gewaltorgie durch den Sound noch mal deutlich widerlicher zu machen, ist schon eine Leistung. Und auch wenn es visuell nichts neues, aber dafür viele Special Effects gibt, ist das ganze viel überzeugender gemacht, als in den meisten modernen Horrorfilmen. Gemeinsam mit dem Make Up, den düsteren Kamerafiltern und ungefähr 10.000 Litern Kunstblut schafft der Film so einen absolut atemlosen Adrenalinrausch von vorne bis hinten.
Probleme: Der Film ist (zum Glück) kein bloßes Remake des Originals, sondern eine weitgehend eigenständige Geschichte, die sich aber vielleicht zu oft vor dem Vorbild verbeugt. Natürlich fehlt hier auch der Humor der alten Filme, stattdessen gibt es höchstens mal nervöse Lacher oder verblüfftes Kichern, wegen dem Ausmaß des Gezeigten. Wer also ein Problem mit Blut, Gore oder ständig weiter eskalierenden Schockeffekten hat, sollte von diesem Film fern bleiben. Davon abgesehen erfindet Evil Dead natürlich auch das Rad nicht neu und steckt voller Klischees und fehlender Charakterentwicklung. Aber das braucht ein Film mit einer solchen Erzählgeschwindigkeit eigentlich auch nicht!

Frohes Schaffen – Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral
Worum geht’s: Konstantin Faigle geht der Frage nach, warum die Arbeit sich als weltweite Religion etablieren konnte, als Hauptmerkmal unserer Identität und als Mittelpunkt unseres Lebensentwurfs und Selbstverständnisses. In Experten-Interviews, Streifzügen durch verschiedenste Aspekte unserer Arbeitswelt und kurzen Spielfilm-Szenen versucht er zu beleuchten, wie es dazu kam, dass die Arbeit zum Mittelpunkt der Gesellschaft wurde und wie man das Ganze vielleicht ändern könnte.
Stärken: Die Interviews sind größtenteils sehr interessant, weil sie es schaffen die gleichzeitig absurde und erschreckende Natur unserer Arbeitswelt äußerst treffend auf den Punkt zu bringen. Der Film schafft es dadurch und durch die verschiedenen Impressionen aus dem Arbeitsalltag oft eigentlich sehr naheliegende Tatsachen und Erkenntnisse ins Gedächtnis zu rufen und zum denken an zu regen.
Das Beste: Auch wenn es zunächst nicht so aussieht, versucht der Film sich auch in Verbesserungsvorschlägen und zeigt Alternativen auf, anstatt nur an zu klagen. Gleichzeitig ist der Film zumindest größtenteils kein Plädoyer gegen Arbeit und Schaffen an sich.
Probleme: Die Spielfilm-Einspieler sind zwar stellenweise witzig, aber so klischeebeladen, dass es weh tut und vor allem am Ende wirkt das Ganze wie eine billige romantische Komödie aus dem Privat-Fernsehen. Der Film hätte stattdessen lieber noch mehr echte Lebensentwürfe zeigen können.



Musik:


Nur noch mal kurz vorweg, weil es immer noch absolut unglaubwürdig wirkt – Laura Marling ist erst 23 Jahre alt und hat jetzt ihr viertes, fantastisches Album in gerade einmal 7 Jahren vorgelegt. Once I Was An Eagle folgt dem 6-Silben-Prinzip von Marlings Alben und ist auch musikalisch unverkennbar ihr Werk, aber mit über 60 Minuten Laufzeit und 16 Titeln das längste und sicherlich auch das ambitionierteste Werk der Engländerin.

Diese Tatsache macht von Anfang an skeptisch beim Hören, denn eine solche Länge würden Andere als Doppelalbum verkaufen und das heißt meistens jede Menge Füllmaterial und/oder ermüdendendes Konzept-Album. Und auch Once I Was An Eagle lässt sich durch ein Interlude grob in zwei Abschnitte teilen, die qualitativ nicht ganz auf einem Niveau sind. Doch das wird nur deswegen zu einem (Luxus)-Problem, weil die erste Hälfte des Albums so unglaublich stark ist. Die ersten vier Stücke wurden schon vorab zusammen mit einem beeindruckenden Kurzfilm veröffentlicht und wurden offensichtlich auch dafür geschrieben am Stück gehört zu werden. Die Übergänge sind fließend und ähnliche Themen und Symbole tauchen in allen Songs auf. Ergänzt wird die erste Hälfte des Albums von der wunderschönen, düsteren Ballade Little Love Caster, die wieder einmal eindrucksvoll zeigt, wie meisterhaft Marling die nur scheinbar so simplen Songs beherrscht. Eingerahmt wird dieses Juwel von den bisher „lautesten“ zwei Songs in der Karriere von Laura Marling. Master Hunter spielte sie schon lange live und das rockige und wütende Gefühl kommt auch auf Platte äußerst gut. Devil's Resting Place schließt musikalisch und lyrisch die wahrscheinlich beste halbe Stunde in Laura Marlings Karriere angemessen episch ab.

Was insgesamt schon auffällt ist, dass Once I Was An Eagle das düsterste Album in einer ohnehin schon düsteren Karriere ist, aber auch das eingängigste und bei Mangel eines besseren Wortes „energischste“ von Laura Marling. In den Songs steckt viel Trauer und Wut, aber auch jede Menge Stolz und Kraft. Dabei orientiert sich Marling sicherlich noch mehr als sonst, an amerikanischen Vorbildern, aber zum Glück ist sowohl die Kritik sie singe zu „amerikanisch“ absolut hanebüchen als auch die Angst, dass sie in absehbarer Zeit in die gleiche musikalische Sackgasse rennt, wie ihre ehemalige Backing Band (Mumford and Sons), nachdem sie jetzt ihren Wohnsitz nach Los Angeles verlegt hat.

Die zweite Hälfte von Once I Was An Eagle kann das Niveau verständlicherweise nicht ganz halten. Die ersten Songs sind keineswegs schlecht, aber doch irgendwie altmodische und vergleichsweise eher unspektakuläre Folk-Nummern. Doch auch hier gibt es uneingeschränkte Highlights, besonders zum Ende hin. Das psychedelische When Were You Happy? (And How Long Has That Been) und das bittersüße Love Be Brave warten mit wunderbaren E-Gitarren-Melodien auf und erinnern im besten Sinne an den Folk aus den 60ern. Das abschließende Saved These Words reiht sich dann in die Tradition aufwühlender, rockiger Album-Closer ein und ebenso in die Tradition der Ab- aber auch Lob-Gesänge auf die Liebe und das Leben. Und so geht die lange und doch so kurzweilige Reise beschwingt zu Ende mit der Erkenntnis, dass auch das vierte Album von Laura Marling zwar nicht fehlerlos, doch aber zutiefst beeindruckend und befriedigend ist. Die Vorfreude war keinesfalls zu groß und die Frage wohin die musikalische Reise dieser Frau noch gehen kann, die den Großteil ihrer Karriere immer noch vor sich hat...

Altar of Plagues aus Irland haben bisher modernen, atmosphärischen Black Metal gemacht, der den Spagat schaffte sowohl alteingesessene Metalfans als auch Indie-Kritiker zu begeistern. Doch statt weiter auf dieser erfolgreichen Schiene zu fahren, wirft die Band auf Teethed Glory & Injury fast alle Black Metal-Wurzeln über Bord, ebenso wie die meisten Trademarks ihres bisherigen Band Sounds. Weg sind die überlangen, atmosphärischen Songs und weg sind fast alle Spuren eines klassischen Metalsounds überhaupt. Stattdessen gibt es viele elektronische Elemente auf dem neuen Album, jede Menge Noise, viele Experimente und kaum Songs über 5 Minuten Länge. Und am erstaunlichsten ist, dass dabei kein anstrengendes, experimentelles Werk heraus kommt, sondern eines der fesselndsten, aufwühlendsten und schlichtweg besten Metal-Alben seit langem!

Aber eigentlich ist auch diese Bezeichnung nur unzureichend, denn Metal im eigentlichen Sinne machen Altar of Plagues kaum noch. Doch ebenso wenig benutzen sie, wie viele andere Post-irgendwas-Bands, die elektronischen Einflüsse oder die Noise-Momente nicht als bloße Zwischenspiele oder Hintergrund-Geplänkel. Stattdessen verbinden sie diese Genre-fremden Einflüsse zusammen mit eher Metaltypischen Elementen zu einem unglaublich dichten Klangteppich. Und das erste was dabei auffällt ist, wie körperlich und seelisch berührend diese Platte ist, wie vollkommen sie den Hörer einfängt und nicht mehr loslässt. Altar of Plagues versuchen nie „böse“ oder „brutal“ zu wirken und erschaffen trotzdem, oder auch gerade deswegen ein so absolut furchteinflößendes und verzweifeltes Album.

Die Vorab-Single God Alone eröffnet nach einem zutiefst beunruhigenden Intro das Album fast schon täuschend stürmisch. Der Song klingt wie ein fiebriger Albtraum mit Drums, die von überall gleichzeitig zu kommen scheinen und einem kratzigen, bösartigen Gesang. Und trotzdem bleibt genug Platz für einen merkwürdigen Groove, der das begleitende Modern Dance Musikvideo(!) äußerst passend erscheinen lässt. Die restlichen Songs des Albums sind weniger direkt und vertrackter als God Alone, aber gerade diese häufigen „Richtungs- und Stimmungswechsel“ machen Teethed Glory & Injury zu einem so erfüllenden Hörerlebnis.

Aber noch wichtiger ist natürlich die erschreckende Intensität dieser Band. Heraus zu heben ist da etwa die zweite Hälfte von Burnt Year, die aus dem ohnehin schon wütend stampfenden Song, eine so gequälte, verzweifelte und schlicht bösartige Gesangsleistung zaubert, wie ich sie selten gehört habe. Und auch die anderen Songs stehen Burnt Year in dieser Beziehung in nichts nach. Der Gesang ist abwechslungsreich und bietet von chorälen Geängen bis hin zu manischem Geschrei alles. Dieser Intensität steht die Musik zum Glück in nichts nach und dank des so breit gestaffelten Sound der Band auf diesem Album, kann die Musik noch oft genug überraschen, etwas, was der Band vorher so kaum möglich war. Auf A Remedy and a Fever, dem längsten Stück, folgt auf einen schleppenden Brocken, ein atmosphärisches Zwischenstück, dann eine kurze Passage, die zurück zu God Alone führt, dann zu einem einfach nur gigantischen Riff, das wiederum in eine hypnotische Post-Rock-Melodie übergeht. Das das alles nicht nur organisch ineinander fließt, sondern auch noch immer spannend bleibt, ist eine große Leistung von Altar of Plagues. Das auch in den noch kürzeren Songs so viel passiert, dass alles hier (auf positive Weise) viel länger wirkt als es ist und auch epischer ist, als die 10 bis 20-minütigen Songmonster anderer Metal-Bands ist noch viel beeindruckender. Das macht dieses Album zumindest am Anfang unglaublich fordernd und auch bis zu einem gewissen Grad anstrengend. Aber das ist eben keine Band, die einfach alles was sie finden kann in einen Song wirft und schaut was passiert. Hier ist alles durchdacht und gleichzeitig mit soviel Herzblut und Persönlichkeit versehen, dass es ein absoluter Hörgenuss wird.

When Saints Go Machine könnten sicher schon sehr groß sein, wenn ihre Musik noch ein klein wenig eingängiger, tanzbarer oder tonal einheitlicher wäre. Doch auch auf Infinity Pool, ihrem zweiten Album, sind die Dänen immer ein wenig zu verschroben, unberechenbar und anspruchsvoll, um dem Ersthörer sofort uneingeschränkt zu gefallen...und das ist schade, denn hier verbergen sich nicht nur große Hits, sondern ebenso tief berührende Songs zwischen Electro und melancholischem Pop.

Gibt man den Songs ein paar Durchläufe, dann setzen sich plötzlich die großen Refrains fest, bewegen einiger der Songs zum tanzen, oder aber einfach zum träumen. Stimmlich erinnert das Ganze an eine etwas eindringlichere Version von Bon Iver oder James Blake, mit denen die Musik von When Saints Go Machine auch diese nur schwer beschreibbare "melancholische Euphorie" teilen. Songs wie Iodine, System of Unlimited Love oder Order sind gleichzeitig epische, (fast) tanzbare Hymnen und doch irgendwie auch zum heulen schön. Dazwischen gibt es aber auch ruhigere Songs, allen voran das gekonnt zwischen Entspannung und Intensität schwankende Yard Heads oder das eindringliche und unheimliche Degeneration. Diese Songs und der absolut aus dem Rahmen fallende, beatlastige Opener Love and Respect mit einem brillanten Feature von Killer Mike, verhindern einen leichten Zugang und erleichtern auch den Hörfluss nicht gerade. Aber genau das sorgt eben auch für die vielen Kanten und unerwarteten Songideen, die dieses Album so auszeichnen und zu einem absoluten Hörgenuss machen!

Hessian sind eine weitere beeindruckende Band aus dem Umfeld der belgischen Church of Ra, unter deren Banner sich mehr und mehr experimentelle Bands und Projekte entwickeln. Der Mittelpunkt ist, wie der Name schon sagt die Band Amenra und auch bei Hessian spielt ein Mitglied von Amenra und eines der Church of Ra-Band The Black Heart Rebellion. Das merkt man auch hier, denn von der ersten Sekunde verbreiten Hessian einen absolut erdrückenden Sound. Verblüffend ist dabei wie die Band eine brutale Direktheit mit einer epischen Grundstimmung mischt und dabei die besten Eigenschaften von Black Metal und metallischem Hardcore zu einem düsteren Wutbrocken vermischt.

Die Musik auf Manegarmr ist dabei sicherlich nicht innovativ, aber die Durchschlagskraft und Aggressivität von Hessian geht nie zu lasten von Abwechslungsreichtum oder Intensität und erhebt die Band so deutlich über die meiste verwandte Musik. Das Ganze erinnert mich an die ebenso intensiven Celeste aus Frankreich, nur das hier Screamo, durch Hardcore und Verzweiflung durch Wut ersetzt wird. Bestes Beispiel dafür ist das wunderbar passend betitelte Swallowing Nails, dass in knapp vier Minuten diverse Tempo- und Richtungswechsel einschliesst und trotzdem nie diese absolute „In your Face“-Mentalität verliert. Die anderen Songs enthalten das schon so oft praktizierte Wechselspiel zwischen schleppender Düsternis und explosivem Geschwindigkeitsrausch, aber zum Glück beherrschen Hessian beides nicht nur perfekt, sondern reichern die Songs außerdem mit genug Ideen an um das Ganze kurzweilig und spannend zu halten. Manegarmr gipfelt dann in dem überraschend kurzen, aber äußerst effektiven Titelsong, der dann fließend in das gigantische Mother of Light übergeht, das mit seiner apokalyptischen Grundstimmung und Gastgeschrei vom Amenra-Sänger diesem Wutbrocken das einzig logische und epische Finale gibt.

MS MR klingen ganz grob gesagt, wie eine Mischung der besten Teile von Florence and the Machine und Lana Del Rey, mit einer gehörigen Portion Düsternis und deutlich mehr Tiefe, Abwechslung und natürlich Electro Pop. Secondhand Rapture funktioniert dabei als wunderbar eingängiges Popalbum mit jede Menge Ohrwurmpotential. Gleichzeitig beeindrucken die Songs aber mit einer oft unheilvollen Atmosphäre und einem dunklen Humor, die das große Drama oder den seichten Pop mühelos ausgleichen, bevor er überhand nehmen kann.

Trotzdem sind Songs wie Hurricane oder vor allem Bones immer noch gigantische Hymnen in der Sängerin Lizzy Plapinger eindrucksvoll ihre Stimme entfaltet. Aber selbst hier klingt das Drama echter und vor allem nuancierter, als bei so vielen anderen erfolgreichen Sängerinnen, wo der Gesang nur eine - die höchste - Stufe kennt. Was die Songs auf Secondhand Rapture dazu noch so ansteckend und dauerhaft genießbar macht, ist die scheinbare Mühelosigkeit, mit der Max Hershenow, die zweite Hälfte von MS MR, auf den Songs luftigen Electropop, mit stampfender Percussion und fantastisch eingängigen Popmelodien verbindet, während Plapinger ebenso mühelos die verschiedenen Tonarten von niedlich, über sexy bis hin zur überlebensgroßen Diva trifft.

Die zweite Hälfte des Albums kann die Qualität der ersten Hälfte, die überwiegend schon vorher veröffentlicht wurde, nicht ganz erreichen und am Ende klingen einige Songs doch leider etwas auswechselbar, aber insgesamt bleibt doch eines der besten Popalben des Jahres bisher und eine Band mit noch viel Potential.

Die Musik der 22-jährigen Margaret Chardiet ist nichts für schwache Nerven. Und das macht sie auch schnell klar, wenn sie Abandon mit einem markerschütternden, Stimmband zerfetzenden Schrei eröffnet. Doch dieser Schrei ist keine bloße Warnung oder Ausrufezeichen zu Beginn, sondern nur ein erster Vorgeschmack auf das, was in den folgenden gut 25 Minuten noch kommt. Die Musik von Pharmakon ist furchteinflößend, wütend und kompromisslos. Irgendwo zwischen Noise und Power Electronics schleicht und drängt sie sich in die dunkelsten Ecken der Seele des Hörers. Es ist schwer dieses überwältigende Hörerlebnis zu beschreiben, dass so hässlich und brutal klingt und doch gleichzeitig eine befreiende Wirkung ausübt. Die Musik hämmert, brodelt und pulsiert aus den Boxen und klingt am besten möglichst laut. Chardiet schreit sich dazu in den ersten beiden Songs die Seele aus dem Leib und die Stimmbänder in Fetzen und es klingt keineswegs gekünstelt, sondern echt und zutiefst beängstigend und besorgniserregend. Auf den verbleibenden Songs wird der Gesang klarer, aber keineswegs normaler. Stattdessen klingt Chardiet auch hinter Effekten und Verzerrung wie die Vertonung der Apokalypse oder zumindest dem persönlichen Nervenzusammenbruch. Das macht Abandon sicher zu keinem Zuckerschlecken, dafür aber zu einem selten eindringlichen, vielleicht sogar transformativen Hörerlebnis, irgendwo zwischen Meditation und Exorzismus.

Musik Videos:

Sam Amidon - As I roved out
Sam Amidon und sein Drummer spielen in einem verzauberten Wald mit Instrumenten, oder die Instrumente spielen mit ihnen...Das Ganze ist ein wenig albern, aber die Beteiligten haben definitiv Spaß und Amidons Stimme stiehlt sowieso in jedem Kontext die Show! 

Waxahatchee - Coast To Coast
Der rockigste und fröhlichste Song auf Cerulean Salt bekommt ein Video in dem Katie Crutchfield mit Schwester, Band und Hund im namensgebenden See schwimmt. Leider ist dieses perfekt, auf die verspätete Rückkehr des deutschen Sommers getimte Video, wieder mal nur mit technischen Hilfsmitteln in hiesigen Gefilden ansehbar... 

Laura Marling - Master Hunter
Auch in ihrem neuen Video stellt Laura Marling wieder den modernen Tanz in den Mittelpunkt und thematisiert in einer beeindruckenden Choreographie eine konfliktbeladene Beziehung zwischen sexueller Anziehung, Gewalt und Abhängigkeit.   
 
Disclosure - When A Fire starts to Burn
Wer hätte gedacht, dass ein absolut "besessener" Prediger und seine ausgeflippte, enthusiastische Gemeinde die perfekte Untermalung für einen Dance-Song wären? Und damit haben Disclosure vier fantastische Videos für vier Songs von einem Album..Beeindruckend!

Montag, 6. Mai 2013

Mein April in Musik

Musik:


Seit dem Debüt von Captain Planet hat mich kein deutschsprachiges Album mehr so schnell und vollständig begeistert wie das zweite Album von Love A. Die Band schafft es wunderbar plakative, politische Überzeugungen mit ebenso zynischen wie schwarzhumorigen Alltagsbeobachtungen und pathosgeladenen, persönlichen Texten zu balancieren. Die Musik dazu ist astreiner Punk Rock zwischen eingängigem Midtempo und wütenden, schnelleren Nummern. Textlich ist das oft schräg und seltsam, ebenso aber meistens unheimlich treffend und einfach nur wahr. Das ganze klingt dann auch oft wie eine Mischung aus eben Captain Planet und den großen Vorbildern Turbostaat, bewahrt sich aber auch einen hohen Grad an Eigenständigkeit und vor allem Wiedererkennungswert.

Die Songs auf Irgendwie befassen sich mit alternativen Lebensentwürfen, üben heftige Kritik am deutschen Kleingeist und lassen der Frustration an einer oft so oberflächlichen und stromlinienförmigen Gesellschaft leben zu müssen, freien Lauf. Das kommt manchmal sicher etwas plump rüber, aber in jedem der Songs gibt es genug einfach zu treffende Textzeilen, um Love A leichterftig ab zu tun. Das Ganze hat dadurch nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern auch immer wieder einen überraschenden Tiefgang zwischen all dem Humor und dem Protest. So kommt es dann, dass eine Refrain, der mit „So findet jeder Horst am Ende seine Tanja“ beginnt, nicht nur zu einem der eingängigsten Songs des Jahres gehört, sondern auch trotz all dem Wortwitz eine unerwartete emotionale Wucht entfaltet. Das Album ist voll von solchen Zeilen, die immer wieder eine unglaubliche Beobachtungsschärfe und Wortgewandtheit in den Punk Nummern von Love A aufdecken. So ballt die Kombination aus Text und Musik im abschließenden Reise, Reise eine Menge Wut und Resignation während Songs wie Der tausendste Affe ständig gekonnt zwischen Humor und Melancholie Hin und Her springen. Diese Vielfalt und Balance gilt für alle Songs der Platte, die eigentlich keine Schwachpunkte hat und endlos hörbar bleibt, auch wenn man sie schnell als nur eine weitere Punk Rock Indie-Platte abtun könnte....

Es fällt mir sehr schwer diese EP auch nur halbwegs objektiv zu beurteilen, nachdem ich die meisten Stücke davon zum ersten Mal live aus der ersten Reihe hören konnte und dann das Stück Musik persönlich von der Künstlerin überreicht bekam, inklusive Widmung und kurzer Anekdote zum Entstehungsprozess des Gekauften. Doch auch davon abgesehen ist Haunts ein wunderschönes Stück Musik. Technisch gesehen sind die Songs alles alte Song-Ideen und Überbleibsel, doch klingen sie weder unausgereift noch durchschnittlich. Das einzige, was daran erinnert, dass diese Songs teilweise von einer 16-Jährigen geschrieben wurden, sind die Titel und die Texte. Doch die werden schnell nebensächlich, wenn man die fantastische Stimme von Hollie Fullbrook hört. Sie klingt oft wie die neuseeländische Antwort auf Laura Marling, doch auf Haunts mischen sich erstmals deutliche Blues-Spuren in den Folk Sound von Tiny Ruins. Da reiht sich dann ein Blues-Cover aus den 30er Jahren ganz organisch zwischen die Original-Songs ein. Dazu passt, dass die Lieder auf einer 8-Spur-Kassette aufgenommen wurden, was hier zum Glück mehr erfolgreiches Experiment als bloßes Gimmick ist. Der warme, aber glasklare Sound ist eine Offenbarung und gibt denn ohnehin schon schönen Songs noch mehr Kraft und Schönheit. 

Auch bei der neuen Dear Reader-CD kann ich nur schwer objektiv bleiben. Grund ist hier ebenso ein fantastisches Konzert von Cherilyn MacNeil und ihrem Geiger im Rahmen der TV Noir-Konzertreihe. Vorher fand ich Dear Reader ganz nett, aber zum Konzert ging ich eigentlich nur wegen den ebenfalls spielenden Herrenmagazin. Die waren auch sehr gut, aber die Sieger des Abends waren eindeutig Dear Reader, die mit so viel Enthusiasmus, Charme und nicht zuletzt eben tollem neuen Material zu Werke gingen und das Publikum restlos verzauberten. 

Der Kern des Auftritts bildeten vorher unbekannte Stücke von Rivonia. Das kann schief gehen, aber die Songs waren restlos wunderbar, nicht zuletzt auch wegen der gewinnenden Ansagen und Annektoden von MacNeil. Die Erklärungen wären sicher auch auf dem Album interessant, da es auf Rivonia nicht um persönliche Dinge geht, sondern um nichts geringeres als die Geschichte von Südafrika, dem Heimatland von Dear Reader. Ein so ambitioniertes „Konzept“-Album kann dröge und anstrengend sein, aber hier gibt es stattdessen mal lustige, mal tragische Einblicke in die so lebhafte Geschichte eines Landes, über das ich bisher viel zu wenig wusste. Die Texte lassen aufhorchen und wecken Interesse an einer tieferen Beschäftigung mit dem Thema, aber Rivonia funktioniert auch ohne diese Ebene einfach als eine absolut fehlerlose Sammlung wunderschöner Lieder. 
 
Cherilyn MacNeils Stimme ist wie Balsam für die Seele, aber auch wandlungsfähig und zutiefst unterhaltsam. Eine überaus talentierte Geschichtenerzählerin ist sie dazu auch noch. Neben dem großen Herz der Musik waren es vor allem die ungewöhnlichen Arrangements, die Rivonias Songs live zu einem solchen Erfolg machten. Und überraschenderweise wurde das auch auf Platte so gut umgesetzt, dass die Erinnerungen an das schon relativ weit zurückliegende Konzert schon beim ersten Hördurchgang greifbar werden. Dazu kommen noch jede Menge Chöre, ungewöhnliche Instrumente von Saxophon bis Akkordeon und ein kristallklarer, warmer Sound, die dem Ganzen eine zusätzliche Dimension verleihen. Rivonia ist eine triumphale, euphorische Liebeserklärung an die Heimat und schon jetzt eines der besten Alben des Jahres!


Die Musik von The Knife stand meistens in Kontrast zu dem Auftreten der Geschwister Karin Dreijer Andersson und Olof Andersson. Ihre Abneigung gegenüber dem kommerziellen Medienzirkus und öffentlichen Auftritten allgemein stand eine zwar schräge und komplexe, aber doch auch oft zugängliche, poppige und eingängige, elektronische Musik gegenüber. Ihr Debüt Deep Cuts war feinster Electro Pop und auch auf dem Nachfolger Silent Shout gab es trotz einem düsteren und kühleren Sound noch jede Menge eingängige Momente.

Auf Shaking the Habitual werden solche Dinge, zumindest auf den ersten Blick, hinten angestellt; Stattdessen gibt es ein monströses, oft anstrengendes Doppelalbum aus dem sich der Hörer die Eingängigkeit, die Schönheit oder gar Hörbarkeit der Musik erst erkämpfen muss. Schon im Vorfeld war es schnell klar, dass Shaking the Habitual anders werden würde. Zu einem augenkrebserregenden CD-Cover gab es ein ausführliches politisches Manifesto und dazu eine 10-minütige, erschreckende „Single“. Da kam schnell der Gedanke auf, die Band mache alles um potentielle Hörer zu vergraulen. Doch gleichzeitig zeigten nicht nur das Manifesto, sondern auch die ebenso politischen wie „provokanten“ Musikvideos und natürlich die Texte der vorab veröffentlichten Songs, dass der Band die Inhalte ihrer Musik wichtig wie nie zuvor waren. Und für so etwas machen Popsongs, die man nebenbei hören kann, einfach keinen Sinn. Mit etwas Geduld und Wille die Musik wirken zu lassen, wird Shaking the Habitual aber doch schnell zu einer äußerst spannenden Reise, einem Album mit überraschend vielen Facetten. Die bereits genannte Single Full of Fire ist ein stampfendes, wütendes Bassmonstrum mit selten gehörter Eindringlichkeit. Songs wie A Tooth for an Eye, Without you my Life would be boring oder Raging Lung könnten dagegen so ähnlich auch auf den anderen Alben der Band stehen, auch wenn The Knife ihren typischen Sound hier mit viel Experimentierfreude erweitert und vertieft haben. Es sind immer noch Popsongs, aber mit wunderbar vielen Haken und Seltsamkeiten. Die restlichen Tracks sind noch düsterer und weniger zugänglich. Genau das macht sie aber im Kontrast mit den leicht verdaulichen Tracks umso interessanter. Besonders gut funktioniert das auf dem fantastischen Stay out Here, auf dem Karin Dreijer Anderson und Shannon Funchess von Light Asylum sich gemeinsam durch ein Trance-induzierendes Stimmungsmeisterwerk singen oder auf dem ebenso unheilvollen wie hypnotischen Wrap your Arms around me.

Der einzige Schwachpunkt für mich ist das über 19 Minuten lange Old Dreams waiting to be realized. Ich bin ein Fan von Ambient und Drone, aber das können andere Bands einfach besser und auf einem ohnehin schon sehr langen Album, das am besten am Stück funktioniert, zerstört so ein Monster-Zwischenstück ein wenig den Hör-Fluss, vor allem wenn es noch zwei ähnlich lange, wenn auch spannendere Experimente auf Shaking the Habitual gibt. Das ist aber wirklich nur ein minimales Problem auf einem so vielseitigen und ausgereiften Album, das eindrucksvoll die Bedeutung von The Knife unterstreicht, wenn schon nicht politisch, dann zumindest musikalisch.

Ein richtiges Grindcore-Album zu schreiben ist schon eine hohe Kunst. Die Musik muss kurzweilig, darf aber nicht eintönig sein und einen umhauen, ohne seinen Wiedererkennungswert zu verlieren. Schlechte Grindcore-Alben klingen oft wie Baustellenlärm, unterteilt in 1-Minuten-Happen. Abandon All Life ist da zum Glück das genaue Gegenteil. Die wütenden Songs peitschen an einem vorbei und trotzdem klingt das gerade mal 17 Minuten lange Album deutlich länger als es ist – und das meine ich auf die aller positivste Weise. 
 
Das auffälligste ist zunächst der satte, frische und knallharte Sound von Kurt Ballou (Converge). Hier gibt es kein dünnes Schlagzeug oder Lo-Fi Sound. Stattdessen klingt alles einfach nur unglaublich fett und satt! Die Musik ist dann auch kein reiner Grind, die Band reichert ihren Sound mit jede Menge Crust, ein wenig Doom und sogar dem einen oder anderen Gitarrensolo an. Das machen zwar auch noch jede Menge andere Bands, aber die Dynamik und der Kontrast der verschiedenen Elemente erreicht hier größtmögliche Durchschlagskraft. Der Sänger klingt dazu noch wie eine runter gestimmte, fast noch entfesseltere Version von Jacob Bannon und gibt dem musikalischen Ungetüm den passenden Mittelpunkt. Abandon All Life wird so zu keiner Sekunde langweilig, bis es schließlich in dem gigantischen Wutbrocken Suum Cuique kulminiert, der schleppend und heavy as Fuck alles niederwalzt, was die vorhergehenden gut 10 Minuten nicht schon dem Erdboden gleich gemacht haben. Und kaum ist es vorbei, will man wieder von vorne anfangen...


Musik Videos:
(Ein Klick auf die Bilder führt zu den Videos...)

Laura Marling – Brave Bird Saved
Ich wollte das bevorstehende Album von Laura Marling nicht wieder vorneweg als mein Album des Jahres abstempeln, aber mit diesem Kurzfilm, der die vier ersten Songs des nächsten Albums beeindruckend visuell untermalt, bleibt mir jede Kritik schon wieder im Halse stecken. Die traumhaft düsteren Bilder und die fantastischen Tanzdarbietungen sind eine perfekte Begleitung für die überraschend "rockigen", aber wie immer fantastischen, neuen Songs von Marling. 
 
Cat Power – Manhattan
Mein Lieblingssong des letzten Cat Power Albums bekommt ein herrlich passendes Video in dem Cat Power einen Tag/Nacht im titelgebenden Stadtteil verbringt und einfach nur Spaß hat. 
 
MS MR – Hurricane
„Welcome to the inner workings of my mind“ - Farbexplosion, Alptraum, Sextraum, perfekte Umkehrung eines typischen Popvideos? Irgendwie alles zusammen und sicher eines der besten Musikvideos des Jahres! 
 
The Soft Moon – Want
Ein atemloser, aufwühlender Song bekommt ein perfekt passendes Video zur Seite gestellt, dass einen steig eskalierenden Drogentrip beunruhigend hyperrealistisch darstellt
 
Savages – Shut Up
Die Band wird gerade ohne Ende gehyped, aber das stilvolle Live-Video und das fantastische Spoken Word-Intro machen schon Gänsehaut und Lust auf mehr!

Samstag, 30. März 2013

Mein März in Film und Musik

Musik:


Cerulean Salt ist ein bemerkenswertes und ein überraschendes Album geworden. Bemerkenswert, weil es schon die zweite Platte des alleinigen Projekts von Katie Crutchfield ist, die mit gerade einmal Mitte 20 schon in diversen Bands und Projekten (allein und mit ihrer Zwillingsschwester zusammen) spielte von Punk Rock bis hin zu Lo-Fi-Musik. Und überraschend, weil es eben diese im Schlafzimmer produzierten, kleinen Songs der Vorgängerplatte austauscht gegen einen mutigeren, abwechslungsreicheren und einfach deutlich ausgereifteren Sound. Mehr Instrumente, mehr Stile und vor allem mehr Kraft und Selbstbewusstsein in Crutchfields Stimme, erzwingen das unbedingte Zuhören auf Cerulean Salt. Dabei bewahren sich alle Songs zum Glück trotzdem noch die Intimität früherer Schlafzimmer-Produktionen und die kantige Frische ihrer Punk Rock-Wurzeln.

Die größte Stärke von Waxahatchee ist aber wie hier kraftvolle, schöne Musik, die sich durchaus jede Menge Eingängigkeit erlaubt, mit so absolut direkten, brutal ehrlichen Texten zu großartigen Songs verbindet. Ich habe mein persönliches Album-Highlight Peace and Quiet an einem Tag an die 30 Mal gehört und war jedes Mal wieder davon fasziniert wie ein auf den ersten Blick so kleiner und simpler Song mich gleichzeitig mit seiner Leichtigkeit einfängt und doch jedes Mal wieder voll in die Magengrube trifft. Das gilt für mehr oder weniger alle der 13 Lieder auf Cerulean Salt und macht das ganze Album zu einer seltenen Meisterleistung. Immer wieder gibt es diese so unglaublich treffenden und wahren Sätze aus Katie Crutchfields Mund, in deren Texten sich Lakonie und Poesie unvergleichlich gut die Klinke in die Hand geben. Mit der Mischung aus wütendem Punk Rock und resignierten Folk gibt es dazu die perfekte musikalische Untermalung für ein Album, das direkt ins Herz trifft und gleichzeitig im Kopf hängen bleibt.

Die Musik von Phosporescent ist wirklich zum weinen schön. Diesen Ausdruck verbinde ich oft mit der Musik von Sigur Ros, deren Lieder es immer eindrucksvoll schaffen eine oft überwältigende Melancholie mit warmer Euphorie zu einem verwirrenden, aber zutiefst bewegenden Hörerlebnis zu verbinden. Und auch wenn die Musik von Matthew Houck alias Phosporescent musikalisch nur wenig mit den Isländern gemein hat, mischt er ebenso gekonnt widerstrebende Stimmungen zu wundervollen Liedern.

Im weitesten Sinne sind die Songs auf Muchacho altmodischer Folk, inklusive einer ganzen Batterie von Instrumenten und einem groß angelegten, warmen Sound. Houcks Stimme ist kratzig und nicht außergewöhnlich kraftvoll, zieht den Hörer aber sofort mit seiner Ausdrucksstärke in den Bann. Und die wunderbar detaillierte Musik hält damit mühelos Schritt. So ist das wunderbare Song for Zula gleichzeitig ätherische Ballade und lebhafte Hymne, während der Gesang zwischen Reue und Triumph, zwischen Trauer und Euphorie schwankt. Und diese Dualität zieht sich durch alle folgenden Songs, von dem überraschend rockigen Ride On / Right On - „Let's Go for A Ride, Hej You turn me right on“ - zu einem tief traurigen Song wie A New Anhedonia - „Oh, it's unbearable then, to find you feeling so terrible, friend“.

Wenig erstaunlich lesen sich die Texte alle wie persönliche Gedichte, die es verdienen genau gelesen zu werden, auch wenn es schwer fällt nicht einfach in den Songs zu versinken. Und auch wenn das meiste hier traurig und schmerzhaft zu lesen ist – es verarbeitet nach Houcks eigenen Worten „My Life falling apart“ - gibt es ebenso wie in der Musik nicht bloß Schmerz und Selbstmitleid. Auch hier schleichen sich Optimismus, stolzer Trotz und sogar wieder diese leise Euphorie in die Lyrics. 

Daughter waren für mich eine der aufregendsten Newcomer der letzten Jahre. 2011 veröffentlichte Elena Tonra, damals noch solo, zwei EPs, die ebenso schön, wie erdrückend traurig waren. Tonras Stimme lässt einen einfach sofort alles vergessen und zieht in den Bann. Dazu schreibt sie Texte, die bei genauem Hinhören immer wieder das Herz schwer werden und den Mund fassungslos offen stehen lassen. Auch auf dem ersten Album If you leave zwei Jahre später ist es nicht anders. Tonra singt mit dieser Wahnsinns-Stimme über zerbrochene Liebe und andere schmerzhafte Lebenserfahrungen. Mit nur einem Satz schafft sie es immer noch mein Herz schwer werden zu lassen. Unterstützt wird sie dabei jetzt von einer richtigen Band, die Daughters Mischung aus verträumten Folk und leichten Anklängen von Post Rock unaufdringlich anreichern.

Die Songs, die zur Hälfte bereits vorher bekannt und/oder in anderen Versionen veröffentlicht waren, werden durch prominentere E-Gitarre und Schlagzeug teilweise mit einem detaillierteren Soundteppich versehen oder einfach mit etwas mehr Wucht ausgestattet. Am besten klappt das auf dem im Albumkontext fast schon fröhlichen, vor allem aber rockigen Human oder aber auf dem hypnotischen Tomorrow, auf dem sich Tonras zärtlich-verzweifelter Gesang eindrucksvoll mit tösendem Post Rock verbindet. Das vorab veröffentlichte Smother, fast schon zu schmerzhaft zum hören, ist ein weiteres Highlight und erinnert am ehesten an den reduzierten Sound der EPs. Mein Lieblingslied der Eps – Youth – verliert dagegen durch die zusätzliche Instrumentierung leider etwas von seiner Unmittelbarkeit, der Text bleibt aber nach wie vor zutiefst erschütternd. Ansonsten profitieren die Songs aber meistens vom größeren Sound der Band, sogar laute, fast lärmende Passagen haben einen Platz auf If you Leave um den Kontrast zwischen der Schönheit von Tonras Stimme und der Dunkelheit ihrer Worte zu überbrücken. Neben der alles zertrümmernden Traurigkeit, gesellt sich so an manchen Stellen vertonte Wut und notwendige Entladung.
Insgesamt kann das Album meine astronomischen Erwartungen nicht ganz erfüllen, trotzdem ist If you Leave ein absolutes Hörerlebnis und eines das mit zunehmenden Durchgängen immer weiter wächst, vor allem in diesem nicht enden wollenden Winter...
 
Raphaelle Standell-Preston und Alexander Cowan machen einen Soundtrack zum Träumen – Warme, psychedelische und entspannende Pop Musik, die doch immer wieder ungewöhnliche Wendungen nimmt und den Hörer in eine hypnotische , andersartige Welt entführt. Standell-Preston ist auch noch in der gitarren-lastigeren Band Braids, die viele Ähnlichkeiten mit Blue Hawaii aufweist und doch ganz anders klingt. Denn wo Braids aus ungewöhnlichen Melodien und Sounds eingängige, wenn auch angenehm schräge Popmusik macht, geht Blue Hawaii den umgekehrten Weg. Die Beiden Musiker nehmen die zauberhafte Stimme von Standell-Preston und jede Menge elektronisch-poppige Melodien und dekonstruieren sie dann mit viel Gusto. Stimme und Musik werden zerstückelt, manipuliert und dann wieder zusammen gesetzt. Heraus kommen kühle, gespenstische Songs, aus denen sich langsam und unerwartet doch wieder Pop-Melodien oder sogar Musik für die Tanzfläche heraus schälen.

Am besten gelingt das auf dem herzergreifenden Try to Be, das trotz oder auch wegen all der Dekonstruktion immer noch ein lupenreiner Dream Pop Song bleibt. Andere Highlights sind Sierra Lift, ein Song der die stimmliche Manipulation auf die Spitze treibt und daraus überraschenderweise eine große emotionale Wucht gewinnt und der In Two-Zweiteiler, der sich fließend von einem hypnotischen Popsong in einen hypnotischen Electro-Song wandelt. Am besten aber funktionieren die Songs als Ganzes, als eine abwechselnd einlullende und dann wieder wachrüttelnde Reise durch eine elektronische Klanglandschaft.

Chvrches haben erst zwei Singles und diese EP veröffentlicht, wurden aber bereits letztes Jahr von diversen Plattformen von Spiegel Online bis Pitchfork als einer der interessantesten Newcomer 2013 auserkoren. Doch hinter dem herrlich frischen Electro-Pop der Band, die es nur für kurze Zeit mit Anonymität versuchte, stecken keine blutjungen Anfänger, sondern schon lange etablierte Mitglieder der Glasgower Indie-Szene. Iain Cook war Mitglied der großartigen Aereogramme und ist jetzt Teil der Nachfolgeband The Unwinding Hours, Martin Doherty war Tour-Mitglied der ebenso großartigen The Twilight Sad. Gemeinsam versuchten sie sich an einem elektronischen Nebenprojekt und holten sich Lauren Mayberry ins Boot, Sängerin der Post-Rock-Indie-Band Blue Sky Archives.

Heraus gekommen sind Synth Pop-Songs, die ein wenig an The Knife oder Purity Ring erinnern, aber viel offener mit ihrer Poppigkeit und Eingängigkeit umgehen. Bei den Melodien und Texten scheint aber dann doch die Vergangenheit der drei Musiker durch und ihr Anspruch nicht bloß hirnlose Popmusik zu machen. Das Ergebnis sind auf Recover drei spannende Songs, die auf der Tanzfläche, im Radio aber auch zuhause im dunklen Schlafzimmer funktionieren und Lust auf mehr machen. Der abschließende Remix des Titelsongs zeigt dann noch das große Potential der Chvrches-Songs in dieser Hinsicht. Man kann nur hoffen, dass Chvrches seinen Mitgliedern neben dem unzweifelhaften kritischen Erfolg, auch endlich einmal etwas finanzielle Stabilität bringen wird.

Auf dieser 7'' geht Anja Plaschg ihren musikalischen Weg zwischen ergreifender, klassisch anmutender Klaviermusik und modernen, verstörenden Klangwelten konsequent weiter. Doch die drei Songs hier klingen noch größer und wuchtiger, als das meiste, was Soap & Skin vorher produziert hat. Me And The Devil klingt dank dramatischen Streichern und kraftvollem Gesang riesig und leidet in meinen Augen nur darunter, dass sowohl das brillante Original von Robert Johnson, als auch das fantastische Cover von Gil Scott-Heron noch zu gut im Gedächtnis sind. Pray ist eine wunderschöne, todtraurige Klavierballade, die aber deutlich mehr Wucht hat, als die ruhigeren Songs auf Plaschgs letzter EP Narrow. Uneingeschränktes Highlight ist jedoch der Titelsong, der es schafft einen tanzbaren Beat mit einem lateinischen Chor und einem Vibe abgrundtiefer, verstörender Verzweiflung zusammen zu führen. Die manipulierten Schreie zu Beginn klingen fast ein wenig zu echt und die zentrale Zeile „Try to break one's heart in perpetuity“ tut ihr übriges. Das der Song irgendwie trotzdem auch noch eingängig ist, ein kleines Wunder...

Musik Videos: 

Passion Pit – Cry Like A Ghost
Die Protagonistin des Passion Pit-Videos tanzt sich aggressiv und manisch durch den Schmerz zerbrochener Beziehungen. Parallel dazu sehen wir in beeindruckend choreographierten und gefilmten Bildern eben diese vergangenen Beziehungen im Schnelldurchlauf. Ein fantastisches Video, dass sicherlich äußerst viel Planung benötigte und wie ein modernes Action-Ballett wirkt. 

Altar of Plagues – God Alone
Progressiver Black Metal mit Grindcore-Einflüssen ist sicher nicht die Sache der meisten, aber dieses faszinierende Schwarz-Weiß-Video würde auch ohne Ton funktionieren. Drei Frauen und ein Mann tanzen etwas, das wie eine Mischung aus Ritual, Vorspiel und Erkundung des menschlichen Körpers anmutet. Das diese Bilder mit der Musik zu einem hypnotischen Ganzen verschmelzen ist bemerkenswert und dürfte für einige rauchende Köpfe bei altmodischen Metal-Fans sorgen.

Tokimonsta ft. MNDR – Go with It
Ein erfolgreicher, oberflächlicher und innerlich zutiefst unglücklicher Mann wird von einem vermeintlichen One Night Stand entführt und in der Wildnis ausgesetzt. Von dort beginnt seine Reise zurück zu seinem Ich und zu der Frau seiner Träume. So könnte man das Video zu Go with It beschreiben. Vor allem aber erzählt es eine vollständige Geschichte in hochwertigen, verträumten und romantischen Bildern. Die ungewöhnliche Stimme von MNDR und der Percussion-lastige Sound von Tokimonsta halten den dazugehörigen Song davon ab einfach nur austauschbare Popmusik zu sein und untermalen das Gezeigte dazu noch wunderbar.

Marnie Stern – Immortals
Marnie Stern träumt in diesem Video davon ein Rockstar zu sein. Eigentlich ist sie das ja schon längst und diese Fantasie zeigt genau wie ich mir ein Marnie Stern Konzert vorstelle. Sympathischste Gitarren-Fricklerin ever!

Sonntag, 3. März 2013

Mein Februar in Film und Musik

Statt einer gewaltigen Best Of-Liste am Jahresende, versuche ich mich mal an monatlichen Rückblicken zu Film und Musik. Mal schauen, wie lange ich das durchhalte... 


Filme:


The Master
Worum geht’s: Ein zielloser, instabiler und getriebener Kriegsveteran (Joaquin Phoenix) begegnet in den 50er Jahren durch Zufall einem brillanten und charismatischen Philosophen (Philip Seymour Hofmann), der gerade versucht eine Scientology-ähnliche Bewegung zu etablieren. Die beiden so diametral verschiedenen Männer sind zutiefst fasziniert von einander und können trotz ständiger Konflikte nie ganz los lassen.
Stärken: Der Film ist in fast jeder Hinsicht eine Meisterleistung: Von der Regie, über die Kameraarbeit bis hin zu Schnitt und Kostümen ist er optisch ein absoluter Genuss. Und dank der fantastischen Darsteller und den grandiosen Dialogen ist der Film auch unter der Oberfläche vom ersten Moment an fesselnd.
Das Beste: Philip Seymour Hofmann und Joaquin Phoenix sind wie gewohnt absolut grandios, scheinen sich aber hier gegenseitig zu ganz neuen Höhenflügen an zu stacheln. Es ist ein Vergnügen den beiden dabei zu zuschauen!
Probleme: The Master funktioniert als intensiver Blick in die komplexe Beziehung zweier außergewöhnlicher Männer, als Portrait eines zutiefst verwirrten Mannes oder auch gar als tiefgründige Analyse einer Zeit voller Umbrüche in der amerikanischen Geschichte. Ein leicht verdaulicher Film mit klarem Handlungsbogen und einem erfüllenden Ende ist es aber nicht – Wer so etwas erwartet wird enttäuscht und gelangweilt werden.  


A Good Day To Die Hard
Worum geht’s: John McClane ist zurück! Im fünften Teil der Stirb Langsam-Reihe muss (darf? will?) der mittlerweile 58-jährige Bruce Willis noch mal in die legendäre Rolle schlüpfen. Diesmal versucht er seinen Sohn Jack zu retten (zum letzten Mal zu sehen als Baby im ersten Teil), der in Moskau unter Mordverdacht festgehalten wird. Schnell stellt sich heraus, dass Jack ein CIA-Agent ist, der versucht einen politischen Gefangenen zu retten, der im Besitz brisanter Informationen über den designierten Verteidigungsminister Russlands ist. Vater und Sohn versuchen im Rest des Films am Leben zu bleiben, die Welt zu retten und dazwischen ihre zerrüttete Beziehung zu kitten. Mehr sollte man nicht verraten...und viel mehr kann man auch nicht verraten, da das schon die ganze Story ist, abgesehen von zwei eher vorhersehbaren Wendungen...
Stärken: Der Film hat Qualitäten, die viele Action-Filme in letzter Zeit vermissen lassen: Er ist nicht zu lang, er hält sich nicht mit einer pseudo-komplexen Story auf und er vergisst nicht auch Spaß zu machen. Darüber hinaus ist ein kompetenter Side-Kick auch mal was tolles...
Dieser John McClane ist zwar meilenweit von dem sensiblen, interessanten Mittelklassehelden der ersten Teile entfernt, aber im Gegensatz zu vergleichbaren Figuren immer noch äußerst interessant und unterhaltsam.
Das Beste: Überlange Verfolgungsjagden und zu viel CGI sind meistens das schlimmste an modernen Action-Filmen. Doch selbst ich muss zugeben, dass die Verfolgungsjagd im ersten Drittel des Films spektakulär ist und das Ende ein visueller Augenschmaus ist, auch wenn es stellenweise fast wie ein (sehr hochklassiges) PC-Spiel aussieht. Abgesehen davon ist es eben immer noch John McClane, die coolste Sau auf dem Planeten!
Probleme: Erst einmal das unvermeidliche aus dem Weg – Stirb Langsam 5 kann natürlich den ersten 3 Teilen keinesfalls das Wasser reichen, aber das erwartet auch niemand mit realistischen Erwartungen. Doch auch mit deutlich kleineren Ansprüchen sind die „herzergreifenden“ Vater-Sohn-Momente zwischen der Action oft so schwerfällig und schlecht umgesetzt, dass es weh tut. Das mag auch daran liegen, dass neben John McClane nicht viel Raum für eine interessante Sohn-Rolle bleibt.
Leider fehlt dazu nicht nur die Story, sondern auch oft der nötige Humor, um die konstante Action etwas auf zu lockern. So bleibt ein solider Action-Film, der zumindest stellenweise witzig ist und die Vergangenheit der Reihe nicht zu sehr beschmutzt.


Musik:
 

Aly Spaltro, die alleinige Song-Writerin von Lady Lamb the Beekeeper ist erst 23, ihre meisten Songs hat sie gar mit 18 oder 19 geschrieben und man könnte sie auf den ersten Blick als hübsch oder gar niedlich bezeichnen. Doch in der schmalen Dame steckt eine überraschend gewaltige Stimme und jede Menge angenehm kantige, leidenschaftliche und intelligente Texte. 
Die Musik dazu könnte man im weitesten Sinne als Folk bezeichnen oder ihnen gar den eher nichtssagenden Stempel „Singer-Songwriter“ aufdrücken. Doch die Musik auf Ripely Pine sprengt diese Kategorien mühelos und es bleiben kraftvolle, wahnsinnig emotionale Lieder zwischen zarter Folk-Ballade und wütendem Gitarren-Rock. Spaltro schlägt dabei lyrisch und musikalisch wilde Haken, statt Vorhersehbarkeit gibt es über die gesamte Laufzeit eine elektrisierende Spannung und immer wieder Momente, die für pure Gänsehaut sorgen.

Die größte Kunst von Aly Spaltro ist dabei ihren Songs, die fast allesamt bereits Jahre zuvor als mehr oder weniger hochwertige Schlafzimmer-Aufnahmen veröffentlicht wurden, neues Leben einzuhauchen. Denn oft verlieren so intime und emotionale Heimaufnahmen, wie sie Lady Lamb the Beekeeper macht, an Wucht im Studio; sie werden glatt gebügelt, überproduziert und verlieren ihre Unmittelbarkeit. Diese Sorgen sind hier nicht nur unbegründet, sondern werden schnell lachhaft, wenn man hört wie aus diesen bereits ausnahmslos großartigen, kleinen Songs noch viel bessere "große" Songs werden. Es hilft natürlich, dass alle Lieder auf Ripely Pine auch schon vorher große Hymnen waren, auch wenn sie sparsam instrumentiert und im Schlafzimmer/Waschkeller aufgenommen wurden. Die Studioversion haben dazu aber nun endlich die Produktion, die sie verdienen, um die gigantische Power von Spaltro gebührend wieder zu geben. 
 
Dazu kommt noch alles von Bläsern über Streichern bis zu einem Chor und trotzdem klingen die Songs dadurch nie künstlich oder nach leeren Bombast. Das ist Spaltros so verblüffend ausgereiftem und mitreißenden Song-Writing zu verdanken, aber natürlich auch ihrer riesigen Stimme, die den Hörer mit ihrer Ehrlichkeit und Kraft förmlich an die Wand drückt. Diese Frau wurde zum Rockstar geboren und Ripely Pine ist schon jetzt mein kaum noch anfechtbares Album des Jahres!


Frightened Rabbit haben ein Luxusproblem – vor 5 Jahren haben sie mit Midnight Organ Fight eines der besten Folk-Alben aller Zeiten geschrieben, ein melancholisches Meisterwerk. Seitdem haben sie sich vom Folk weitgehend verabschiedet und sind zu einem Major Label gewechselt. Das macht natürlich nervös, doch Pedestrian Verse zerstreut alle Ängste schnell - die Magie ist immer noch da.
Der Grund dafür steckt dabei bereits im Titel: Sänger Scott Hutchinson schrieb sich in ein Heft für die Albumtexte die Warnung „Pedestrian Verse“, um eben genau solche klischee-beladenen, nichtssagenden Texte zu vermeiden. Und so steckt trotz neuem Sound und größerem Erfolg immer noch genau so viel Herz, Witz, Gefühl und Charme in Hutchtinsons Texten, die er dann mit seiner so wundervoll unvollkommenen Stimme noch einzigartiger macht.
Darüber hinaus zeichnet sich Pedestrian Verse aber auch durch eine größere Vielfalt aus – sowohl von den Stimmungen, als auch von der Musik – eine Qualität, die das letzte Album „The Winter of Mixed Drinks“ manchmal vermissen ließ. Hier gibt es große Hymnen, die sich trotzdem eine intime Qualität bewahren und kleine Balladen mit großer emotionaler Schlagkraft. Heraus kommt epischer Folk Rock im weitesten Sinne, mit ein klein wenig Experimentierfreude, aber ohne leeren Bombast. Pedestrian Verse könnte zwar sicher Stadien füllen, funktioniert aber auch zuhause, alleine im Wohnzimmer an einem trüben Regentag – da, wo Frightened Rabbit schon immer am besten hin passten.


Es fällt mir schwer die Musik von Torres zu beschreiben ohne mit Genres oder vergleichbaren Künstlerinnen um mich zu werfen. Doch auch wenn beides notwendig ist, wird es dem fantastischen Album der Dame aus Nashville nur schwer gerecht. Denn wie ausgereift, abwechslungsreich und nicht zuletzt wuchtig dieses Debüt ist, kann man nur schwer in Worte fassen. Die Songs lassen sich widerstrebend als Folk einordnen, doch es gibt sowohl bittersüße Balladen, als auch ordentliche Gitarren zu hören. Das auffälligste Vorbild ist sicher Sharon van Etten, aber bei Torres ist alles etwas düsterer, gewaltiger, gleichzeitig doch auch irgendwie farbenfroher und diese Stimme ist einfach nur groß.
Bevor ich also weiter vollkommen unzureichend beschreibe, werfe ich einfach mal „aufregendstes Debüt 2013“ in den Raum...


Es gibt nur eine handvoll Alben dieses Jahr, die ich sehnlicher erwarte, als Fourth Corner. Eine solche Erwartungshaltung kann eigentlich nur enttäuscht werden und nach ausführlichem Hören, muss ich zumindest eingestehen, dass Trixie Whitley ihr gewaltiges Potential nicht gänzlich ausreizt auf ihrem offiziellen Debüt-Album. Nach zwei hervorragenden, weil musikalisch reduzierten EPs, ist auf dem Album leider vieles etwas zu überproduziert und glatt. Die Songs, die auf der EP oder live absolute Gänsehaut erzeugen, werden in neuen Versionen mit zu vielen Instrumenten und zu viel Produktion überfrachtet. Im Mittelpunkt steht natürlich trotzdem noch diese riesige Stimme, die auf jedem Song klingt, als ob sie um ihr Leben singt. Am besten wäre Whitley aber immer noch, wenn man sie mit höchstens einer Gitarre oder einem Klavier in einen Raum stecken würde. 
Die besten Stücke auf Fourth Corner sind dann auch die mit möglichst wenig drumherum. Und dann kann Trixie Whitley immer noch mühelos Gänsehautschübe erzeugen. Ansonsten höre ich mir lieber die alten Versionen der Songs an und freue mich auf das Live-Erlebnis nächste Woche.



Nach dem spaßigen, aber unspektakulären Debüt der Foals war das ambitionierte, epische Total Live Forever eine große Überraschung und eine mutige Veränderung und Erweiterung des Sounds der Band. Von diesem Ausgangspunkt ist es natürlich schwierig noch einmal ähnlich große Sprünge in Qualität oder Klangwelt zu schaffen, doch Holy Fire ist deswegen keinesfalls eine Enttäuschung. Stattdessen gibt es noch mehr Experimente, einen gigantischen Sound und eigentlich nur Volltreffer. Die Post Rock-Elemente sind dabei noch einmal deutlich gestiegen und die meisten Songs bersten fast vor Leidenschaft und Spannung. Die Vorabsingle My Number ist dabei am ehesten der eingängige und poppige Hit, während mein persönliches Album-Highlight Inhaler eine gigantische Hymne ist, die den Hörer eher von hinten durch die Brust erwischt und dabei deutlich nach Jane's Addiction oder gar den Deftones klingt. Die anderen Lieder bewegen sich zwischen diesen beiden Polen, kleine oder unauffällige Nummern sucht man dabei zum Glück vergeblich.


Videos:


Cold Mailman – My Recurring Dream
Bei My Recurring Dream fungiert das durchaus schöne Lied nur als nebensächlicher Soundtrack zu einem unglaublich hochwertigen, ambitionierten und einfach nur beeindruckenden Video. Die Kamera wandert scheinbar ohne Schnitte von einer Traumsequenz zur nächsten und benutzt dabei Gegenstände oder Momente darin, um absolut fließend von einer Szene zur nächsten zu springen. Wie es die Beteiligten geschafft haben, so ein Unterfangen so großartig um zu setzen, erst recht mit einem moderaten Budget, ist mir eben so ein Rätsel, wie die Tatsache, dass dieses Video nicht überall ein Thema ist...


Rhye – Open
Video-Link
Zu den atemberaubend schönen, atemberaubend traurigen Balladen von Rhye gibt es bereits zwei ebenso tolle und äußerst passende Musikvideos. Jetzt bekommt der Song Open ein weiteres Video zur Seite gestellt, das ein junges Paar einen Tag lang an ein Strandhaus begleitet und vor toller Kulisse erneut das eigentlich so ausgelutschte Thema „Beziehungen sind kompliziert“ ebenso bitter-süß, wie treffend umsetzt.



James Blake – Retrograde
Das Video von Retrograde benutzt die selben Komponenten wie ältere James Blake-Videos. Satte Farben, wunderschöne Kulissen, eine neugierig verweilende Kamera und eine schwer greifbare, melancholische Stimmung. Das Ergebnis ist fesselnd und komplementiert einen der zweifellos besten Song des Jahres bisher wunderbar.






Soap & Skin – Sugarbread
Sugarbread lässt sich, wie alle Songs und Videos von Anaja Plaschg beschreiben – Verstörend, ergreifend und ein kleine wenig prätentiös. Neu ist hier nur die noch erfolgreiche Symbiose von elektronischem Bombast und Plaschgs melancholischer Stimme, die unheimliche Wucht der Musik ist nach wie vor intakt.