Sonntag, 9. Dezember 2012

Das Beste aus 2012 - Teil 3: Alben Plätze 10-1

Das Beste aus 2012 - Teil 2: Alben Plätze 20-11



10. Converge – All we love we leave behind  
(Hardcore/ Mathcore)


Kaum zu glauben, dass eine Band die musikalisch, ästhetisch und inhaltlich so kompromisslos ist schon seit über 20 Jahren existiert und das ohne ein auch nur ansatzweise schlechtes oder langweiliges Album produziert zu haben. Nach dem fantastischen, mit Gästen gespickten Axe to Fall ist All we love we leave behind wieder mehr back to basics. Die komplette Musik, Albumproduktion und das Artwork wurden ausschließlich von den vier Bandmitgliedern kreiert. So ein „reduziertes“ Album kann oft antiklimatisch wirken, aber bei Converge bekommt der Hörer stattdessen ein intensives, abwechslungsreiches Stück Musik, das auf die bisherige Soundentwicklung der Band seit dem Magnum Opus Jane Doe zurück greift, ohne das sich Converge dabei wiederholen würden. So einen atemlosen und atemberaubenden Beginn wie auf dem Vorgänger gibt es nicht, dafür ist All we Love... gleichzeitig abwechslungsreicher und doch auch flüssiger und in sich geschlossener als Axe to Fall, wo es auch einige Songs gab, die wenig Eindruck hinterließen.

Der Opener Aimless Arrow wartet mit fast so etwas wie cleanem Gesang auf und daneben auch mit mehr Emotionen als andere Bands in ihrer ganzen Karriere. Die Produktion ist dazu direkt, laut und dynamisch wie immer. Auf dem Rest des Albums loten Converge dann weiter ihren unverwechselbaren Sound aus. Heftige und melodische Songs wechseln sich ab, aber alle Songs haben immer wieder unerwartete Schlenker und Überraschungsmomente. So ist Sadness comes Home so etwas wie ein Doom Metal-Song gemischt mit Converges melodischer Seite, Coral Blue sogar fast so etwas wie ein epischer Rocksong und der Titelsong einfach nur eine überwältigende, musikalische Verarbeitung von Schmerz. Schwachstellen gibt es diesmal eigentlich keine und es ist eine Freude einer Band zu lauschen, die nach all den Jahren nicht nur immer noch relevant ist, sondern auch nach wie vor Spaß an der Sache hat und Erfüllung darin findet. 
 
Highlights: Aimless Arrow, Sadness comes Home, Coral Blue, Shame in the Way 


9. Dry the River – Shallow Bed 
(Folk Rock/ Indie Rock) 


Dry the River verbinden auf ihrem beeindruckenden Debüt zarten, melancholischen Folk mit dramatischer Rockmusik im Breitwandformat. Und das äußerst gut und mitreißend. Die Stimme des Sängers wechselt mühelos vom hohen Falsetto zu kraftvollen, leidenschaftlichen Ausbrüchen. Die Musik dazu fühlt sich ebenso heimisch in verträumten Folk-Balladen wie in stadiongroßen Rockgesten. Das ganze ist natürlich manchmal etwas schmalzig und melodramatisch, aber das ist bei so gelungenen Songs vollkommen in Ordnung und eine willkommene Abwechslung zu den oft so blutleeren und leidenschaftslosen Hype-Bands der letzten Jahre. Die Band an sich sieht zwar teilweise aus wie eine Mischung aus Hipster und Metalfans aus den 80ern, gleicht das ganze aber durch Humor, Bescheidenheit und ein generell sehr sympathisches Auftreten aus. Und ohne dieses Bild vor Augen spricht die Musik eigentlich auch für sich selbst. 

Auf Shallow Bed befinden sich fast ausschließlich Songs, die sich von zarten Anfängen zu dramatischen Rocksongs mit jeder Menge Bombast steigern. Doch der Bombast ist nie nur leere Angeberei, sondern wohl verdiente Belohnung einer Band, die sich musikalisch und emotional in jedem Lied verausgabt und einfach alles gibt. Vom poppigen, euphorischen Überhit New Ceremony über den explodierenden Gänsehautrocker No Rest bis zum absolut epischen Abschlusstrack Lion's Den ist Shallow Bed ein Album ohne Schwächen und voller Hits. Für Fans von Bon Iver, Mumford & Sons oder auch Biffy Clyro – vor allem auch für solche, die gerne mal wieder etwas frisches, aufregendes hören wollen - sind Dry the River ein Muss! 
 
Highlights: New Ceremony, Bible Belt, No Rest, Weights & Measures, Lion's Den 


8. Burial – Kindred 
(Dubstep/ Electronic)



Burial schafft Meisterwerke elektronischer Musik, irgendwo zwischen Dubstep und Ambient, aber meilenweit entfernt von der Lautsprecher-zerstörenden Uffta-Uffta-Musik, die seit einigen Jahren so populär als Dubstep verkauft wird. Kindred ist ein weiterer atmosphärischer Geniestreich, der den bekannten Sound von Burial perfektioniert, erweitert und irgendwie auch komplett überwindet. Die drei Songs bewegen sich zwischen 7 und 12 Minuten und sind damit deutlich länger als die meisten bisherigen Songs des Produzenten. Mehr Zeit bedeutet aber keineswegs Wiederholungen oder Langeweile, sondern mehr Raum zum Atem für diesen so einzigartig lebendigen Sound. 

Der Titelsong vermischt den gewohnten Dubstep-Beat mit jeder Menge verzerrter, körperloser aber trotzdem leidenschaftlicher Stimmfetzen und unzähliger scheinbar halbfertiger Melodien und Geräuschen, die einen dichten, beunruhigenden, berührenden und endlos fesselnden Mikrokosmos bilden. Die zwei anderen Songs der EP gehen noch deutlich weiter. Sie rücken eindringliche, manchmal fast tanzbare Melodien und Beats in den Vordergrund und schaffen epische Klang-Labyrinthe, deren Aufteilung in verschiedene Teile mit unterschiedlichen Stimmungen und wiederkehrenden Klänge und Klangmotiven fast schon an klassische Musik erinnert. Und unter diesen meisterhaft strukturierten Klangepen befindet sich dazu noch eine unglaubliche Melancholie und Gefühlsdichte, die eigentlich unmöglich scheint – vor allem mit den Mitteln scheinbar so körperloser und künstlicher, elektronischer Musik. 
 
Highlights: -

7. Poliça – Give you the Ghost  
(Indie Rock/Electronic/ RnB) 


Ich hatte Poliça überhaupt nicht auf dem Schirm und zuerst gedacht, sie würden eher langweilige Popmusik machen. Zum Glück  lag ich nicht nur total daneben, sondern habe dann doch noch mal rein gehört. Denn Give you the Ghost ist ein faszinierernder Mix aus Electro, RnB, Pop und einem leichten Goth-Vibe. Das klingt schon mal interessant, was es aber einzigartig macht, ist die absichtlich mit Autotune manipulierte Stimme von Sängerin Channy Casselle und die hektische, ominpräsente Percussion der zwei(!) Drummer, die den Mittelpunkt von Poliça's Sound bilden. Diese Kombination sorgt dafür, dass die Songs immer absolut hypnotisch sind und doch auch eine fiebrige Intensität ausstrahlen. 

Casselles Stimme verliert durch die Manipulation keineswegs an Eindringlichkeit oder Emotionalität, stattdessen scheint ihr leidenschaftlicher Gesang zu jeder Zeit aus allen Richtungen zugleich zu kommen. Die Idee den eher elektronischen Sound mit gleich zwei echten Schlagzeugern anzureichern ist ebenso ungewöhnlich. Die Beats klingen so einfach erfrischend organisch, vielseitig und oft auch angenehm überwältigend. Zusammen schafft das einen zu jeder Zeit pulsierenden, lebendigen Sound, der den Hörer von Tanzlaune bis zu tiefer Melancholie in verschiedenste Stimmungen versetzen kann. Das ist erstaunlich mit diesen Mitteln, äußerst kreativ und lädt dazu ein, sich total in der Musik zu verlieren – eine Qualität, die Poliça vor allem anderen auszeichnet. 
 
Highlights: Amongster, Violent Games, Dark Star, Lay your Cards out


6. Frank Ocean – Channel Orange 
(RnB) 


Frank Ocean hatte eine interessante Karriere bisher. Er fing an als anonymer Songwriter für Chart-Schwergewichte wie Justin Bieber oder Beyoncè und wurde erstmals bekannt als Teil der Rüpel-Rapper von Odd Future und dann als Sänger auf dem Jay-Z/Kanye West-Album Watch the Throne. Doch diese Ersteindrücke täuschen auf jeden Fall: Als Song-Writer für andere waren Oceans Talente sicherlich verschwendet, ebenso als Background-Sänger. Und mit den anderen Odd Future-Leuten verbindet ihn neben Freundschaft sicherlich nur die Frischzellenkur, die sie eher schwerfälligen Musikrichtungen verpasst haben. Denn Frank Ocean ist zu meiner Überraschung als absoluter RnB-Laie nicht nur ein fantastischer Sänger und genialer Songwriter, er schafft es auch Skeptiker wie mich uneingeschränkt zu begeistern mit seiner hervorragenden, zärtlichen Popmusik.

Frank Oceans erstes Album/Mixtape war größtenteils schon ein wunderbares Album, doch Channel Orange toppt das noch locker - Es ist besser produziert, hat noch mehr Emotionen, ist vielseitiger und besteht ausschließlich aus Hits, ohne eintönig zu sein oder sich schnell ab zu nutzen. Der Release von Channel Orange lief dabei fast Gefahr von dem großen Vorab-Hype und Oceans Outing wenige Tage zuvor überschattet zu werden. Doch glücklicherweise ist das Material einfach zu stark dafür. Neben den offensichtlichen musikalischen Qualitäten ist es vor allem die emotionale Tiefe und Wucht von Oceans Songs, die ihn für mich von den meisten anderen (Pop)-Sängern unterscheiden: Er singt auch über die große Liebe, Partys und das Ganze, aber wie er es singt! Als eines von zahlreichen Beispielen sei nur Bad Religion genannt – Ocean beichtet einem Taxifahrer eine tragische, unerwiderte Liebe und zwar mit so viel Überzeugung und Gefühl, dass die Gänsehaut nicht weit entfernt ist. 

Das ganze Album transportiert dann auch, trotz vieler lockerer Ohrwürmer immer eine Schwere, eine Traurigkeit, eine Melancholie und nicht zuletzt eine überraschende Tiefe hinter der Fassade eines Popalbums. Und dabei muss man sich immer vor Augen halten, dass alles aus der Feder und dem Mund eines gerade einmal 25-jährigen stammt! Die einzigen Gäste sind Odd Future-Kollege Earl Sweatshirt, Andrè 3000 (Ex-Outkast) und John Mayer, die jeweils entspannte und Song-dienliche Parts beisteuern. Der Rest ist die Frank Ocean-Show – und das vollkommen zurecht. Von der zuckersüßen Liebesnummer Thinkin bout you, über das mehrteilige Opus Pyramids bis hin zu Lost, dem wohl besten Radiosong 2012 (der leider nie im Radio laufen wird) ist es vor allem seine samtweiche, große Stimme, die fesselt und süchtig macht. Zum Ende bleibt mir neben unzähligen Ohrwürmern auch die Erkenntnis, dass ich die Musikrichtung RnB wohl nicht mehr so leicht ignorieren kann. 
 
Highlights: Sweet Life, Pyramids, Lost, Bad Religion, Pink Matter (feat. André 3000)


5. Breton – Other Peoples Problems
(Indie Rock/Electronic/Dubstep) 


Breton aus London sind so etwas wie die Mischung aus allen britischen Stilen, die in den letzten Jahren zu Exportschlagern wurden. Sie klingen manchmal ein wenig nach Brit Pop, öfter nach einer typisch britischen Indie-Band und dann gibt es noch jede Menge düstere Elektronik/Dub Step-Elemente in ihrem Sound. Eine der größten Leistungen dieses beeindruckenden Debüts ist es, dass Breton nie wie eine bloße Kopie oder etwas zum x-ten Mal Aufgewärmtes klingen. Stattdessen formen die Briten aus all diesen Einflüssen ein mitreißendes Album, bei dem das Collagen-hafte zur Stärke wird

Daneben ist Other Peoples Problems aber auch einfach voller Hits, tanzbare, mitreißende Hymnen mit Ohrwurmpotential. Die dramatischen Geste und der Kitsch werden dabei immer von einem schroffen Sound und einer beunruhigenden Intensität in Schach gehalten. Der Sound insgesamt ist dabei unglaublich dicht, es passiert andauernd jede Menge auf einmal und man entdeckt immer neue Details während einen die schiere Wucht der Musik immer wieder aufs neue fesselt. 
 
Highlights: Edward the Confessor, Wood and Plastic, Governing Correctly, Interference, Jostle

 
4. Aesop Rock – Skelethon  
(Hip Hop) 


Die letzten beiden Alben von Aesop Rock waren zwar auch sehr gute, originelle und endlos fordernde Stücke Rapmusik, aber es fehlte doch manchmal ein wenig die Eingängigkeit und die persönliche Note für mich. Aesop Rocks Musik war schon immer seltsam und seine Texte irgendwo zwischen brillant und unverständlich, aber auf Skelethon kommt wieder diese Eingängigkeit und emotionale Wucht aus unerwarteten Richtungen hinzu, die die seine ersten Alben so einzigartig gemacht haben.
Inhaltlich verarbeitet Aesop Rock auf Skelethon den frühen Tod eines guten Freundes, seine Eheprobleme und jede Menge persönlicher Themen. Das kann man zumindest teilweise aus den Texten erfahren oder aus Interviews und Plattenkritiken. Darüber hinaus geht es wie immer auch noch um 1.000 andere Sachen, von denen man nur 10 % versteht. Ansonsten funktionieren die Texte aber auch hier wieder als wunderbar-schräge Geschichten, als kaum verständliche Stream of Conciousness-Lehrstücke oder als endlose Quelle interessanter Wortspiele. 

Die Produktion ist insgesamt die düsterste, aber dennoch abwechslungsreichste auf einem Aesop Rock-Album. Zielstrebige Songs mit ungewöhnlich hoher Wucht haben ebenso Platz auf Skelethon wie verspielte Lieder voller schrägem Humor. Cycles of Gehenna wandelt sich von einem stampfenden, aggressiven Hip Hop-Song zu einem nur von Keyboard begleitetem, lyrischen Meisterwerk, das endlose Gänsehaut erzeugt. Racing Stripes und Grace befassen sich dagegen auf intelligente, endlos lustige Weise mit schlechten Frisuren bzw. einem Kind, das sein Gemüse nicht essen will. Der Rest des Albums befindet sich thematisch, musikalisch und atmosphärisch irgendwo zwischen diesen zwei Extremen und das Skelethon nicht nur durchgehend sehr gut ist, sondern sich auch organisch zu einem durchweg hörbaren Gesamtwerk zusammen fügt, ist eine nicht zu unterschätzende Leistung des Texters, Rappers und Produzenten Aesop Rock. Das Album endet mit dem leicht mystisch angehauchten, durchweg epischen genau so wie melancholischen Song Gopher Guts. Hier mischen sich fast schon biblisch anmutende Textzeilen mit Lyric-Fetzen, die wochenlanges Nachdenken erfordern und einem letzten Vers, der überraschend verständlich, persönlich und berührend ist Das verdeutlicht anschaulich wie Skelethon neue Stärken mit dem Appeal alter Alben verbindet. Die zwei sehr guten, wenn auch geradlinigeren Bonustracks sind dann noch mal Sahnehäubchen auf dem besten Aesop Rock-Album seit Labor Days (mindestens!). 
 
Highlights: Cycles to Gehenna, Fryerstarter, Crows 2, Racing Stripes, Gopher Guts


3. Fiona Apple – The Idler Wheel Is Wiser Than the Driver of the Screw and Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do  
(Singer-Songwriter/ Folk/ Indie) 


Fiona Apple war gerade erst 19 Jahre als ihr Debüt Tidal erschien und sie mit einem Schlag berühmt machte; ihre Songs wurden plötzlich auf MTV gespielt, sie wurde zum Kritikerliebling und Indie-Idol. Es ist also nicht verwunderlich, dass 16 Jahre später um ihr erst 4. Album ein irrsinniges Aufsehen in gewissen Kreisen gemacht wird. The Idler Wheel... ist Apples erstes Lebenszeichen in 7 Jahren, nachdem das Album wie auch schon der ewig verschobene Vorgänger auf sich warten ließ. Und wieder hat sich das Warten auf jeden Fall gelohnt. Heute wie damals nimmt Fiona Apple ihr musikalisches Talent, ihre immer präsenten Seltsamkeiten und eine schonungslose Offenheit und macht daraus unruhige, lebendige und berührende Song-Meisterwerke. Und auch wenn es manchmal fast etwas zu seltsam für Popmusik ist oder auch etwas zu direkt und persönlich, ist hier nichts gespielt. Fiona Apple ist einfach wirklich seltsam und hat diverse tiefsitzende Probleme, die sie eindrucksvoll in ihrer Musik verarbeitet – sie ist nicht einfach nur „schräg“ und „seltsam“, weil es zur Musik passt, wie unzählige Nachahmer und Kopien. Hier ist die Musik lebensrettendes Ventil und die Texte notwendige Verarbeitungen von katastrophalen Gefühlszuständen. 
 
Aber auch abgesehen von ihrer Persönlichkeit, die sich nur schwer ausblenden lässt, ist dieses Album fantastisch und vielleicht Fiona Apples bestes, sicher aber ihr (ausge)reifstes. The Idler Wheel... ist gleichzeitig minimalistisch und überwältigend. Die meisten Songs bestehen „nur“ aus Klavier, Percussion und natürlich Apples einzigartiger Stimme. Die alleine ist aber schon gleichzeitig fesselnde Geschichtenerzählerin und das Äquivalent von mindestens fünf Instrumenten; Sie singt, knurrt, schnurrt, spricht, schreit und reizt ihre Stimme in den verschiedensten Tonlagen bis zum äußersten aus. Und während das Klavier die musikalische Grundlage dazu bildet, versucht die Percussion eindrucksvoll mit Apples gesanglicher Akrobatik Schritt zu halten. Sie ist überall präsent und passt sich den Stimmungen des Liedes an, ist immer dominant ohne störend zu wirken. Die Lieder sind insgesamt sehr abwechslungsreich: Von dem triumphalen, traumhaften Opener Every Single Night, zu Werewolf, einem textlich wunderbar cleveren Abgesang auf die Liebe bis hin zu einem brodelnden Wutbrocken wie Regret, durchläuft Fiona Apple eine ganze Batterie an Stimmungen, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Was die Songs aber neben einer gewissen musikalischen Geschlossenheit verbindet, ist vor allem ihre Energie. Das ganze Album scheint dauerhaft unter Strom zu stehen und das steckt natürlich sofort an und reißt mit. Denn auch, wenn die Musik auf den ersten Blick Klaviermusik, Pop, Indie oder auch Jazz ist, sind die Songs von Fiona Apple mehr vertonte Gefühlsexplosionen, die ihres gleichen suchen – und das macht auch dieses Album wieder zu so einem Highlight. 
 
Highlights: Every Single Night, Jonathan, Werewolf, Anything we Want


2. Cloud Nothings – Attack on Memory
(Indie Rock/ Noise Pop/ Punk) 


Es gibt Alben, die haben ein paar Hits mit einigen Füller-Tracks dazwischen und es gibt durchweg gute Platten ohne wirkliche Highlights, die am besten am Stück gehört werden. Attack on Memory ist eines der wenigen Alben, das den Spagat zwischen beiden Extremen schafft. Jedes Lied ist ein Hit mit endlosem Abspielpotential und trotzdem ist die ganze Platte ein rundes Gesamtkunstwerk ohne Schwachstellen

Opener No Future/No Past ist dabei gleich am ungewöhnlichsten: ein Mantra-artig vorgetragenes, sich langsam hoch schaukelndes Stück pure Verzweiflung. Was dann folgt ist oft lärmige und schrammelige, aber immer überraschend eingängige Gitarrenmusik, die mich zwischen Noise und Indie auch immer wieder an die Emobands der 90er Jahre und auch mal an die Spätphase von Nirvana erinnert. Sänger Dylan Baldi nölt und krächzt sich dazu in einfachen, aber einprägsamen Texten die Seele aus dem Leib mit leidenschaftlichen Geständnissen der eigenen Unfähigkeit und trotzigen Geschichten über  das Scheitern im Leben und in der Liebe. Viel mehr über Attack on Memory zu schreiben, fällt mir schwer, da es einfach unmöglich ist die Magie, die Cloud Nothings aus so gewöhnlichen und schon so oft da gewesenen Elementen erzeugen mit Worten adäquat zusammen zu fassen. Also am Besten einfach rein hören... 
  
Highlights: Wasted Days, Fall In, Stay Useless, Our Plans, Cut You


1. El-P – Cancer 4 Cure 
 (Hip Hop) 


El-P ist ein sehr guter Rapper und ein fantastischer Produzent. Das einzige Problem, das seine Alben bisher hatten war die ständige Überforderung des Hörers. Alles war zu dicht, Schichten über Schichten von Beats, Melodien und Noise und dazu El-P's ultradichter, aggressiver und atemloser Rap-Stil. Das führte dazu, dass ein Hördurchgang zwar immer spannend blieb, aber oft auch viel zu anstrengend und fordernd war. Dieses Problem hat Cancer 4 Cure zum Glück nicht. Natürlich sind die Songs immer noch nicht eingängig im herkömmlichen Sinne – sie werden sicher niemals im Radio oder im Club laufen. Doch Songs wie das stampfende The Full Retard oder das ansteckend aufgedrehte Drones over Bklyn setzen sich schon nach dem ersten Hördurchgang im Gehirn fest und selbst das sperrigste Stück auf Cancer 4 Cure öffnet sich relativ schnell dem Hörgenuss.
Das heisst aber nicht, dass El-P seine alten Stärken vernachlässigt. Seine Raps sind nach wie vor intelligente, düstere und direkte Geschichten und er ist immer noch so aggressiv und wütend wie früher. Die Produktion ist aber natürlich auch hier wieder der wahre Star – Gigantisch, abwechslungsreich und immer auf der feinen Linie zwischen erschlagender Wucht und unerwarteter Leichtigkeit. Das alles macht Cancer 4 Cure zu einem der besten Alben dieses Jahres und einem endlos unterhaltsamen Hörerlebnis.

Das überraschendste aber ist das sich die Stücke auch nach Monaten nicht abnutzen. Meine Lieblingslieder wechseln wöchentlich und nach intensiver Beschäftigung mit Cancer 4 Cure gibt es mittlerweile keinen Song mehr, den ich als Lückenfüller oder gar als schwach bezeichnen könnte. Die Produktion ist einfach so detailliert und vielseitig, dass es nie langweilig wird. Stattdessen legt jeder Hördurchgang weitere Schichten frei und neue faszinierende Momente. Und auch wenn die übergreifende Stimmung des Albums eindeutig eine düstere und negative ist, gibt es auch so viel Humor, Romantik und Selbstvertrauen zu hören und natürlich diese überall zum Vorschein tretende Liebe zur Musik, die El-P für mich defintiv zum Musiker des Jahres 2012 machen...
 
Highlights: The Full Retard, Works every Time, Tougher Colder Killer, The Jig is Up, $4 Vic/Nothing But You+Me (FTL) 

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Das Beste aus 2012 - Teil 2: Alben Plätze 20-11

2012 war für mich ein wirklich gutes Musikjahr, erstaunlich stark im Hip Hop, eher unspektukalär im Metalbereich und ansonsten äußerst vielseitig und durchweg qualitativ hochwertig. Ich hoffe das diese (natürlich höchst subjektive) Liste meiner 20 Top-Alben jene Vielseitigkeit ausreichend wiedergibt. Für einen umfassenderen Über- und Rückblick wird es dann nächste Woche noch meine Song Top 100 geben. Aber jetzt erst einmal meine Lieblingsalben 2012, Plätze 20-11: 


20. The XX - Coexist  
(Indie/Electronic/Post-Punk)


Coexist ist gleichzeitig genau das, was The xx-Fans gewohnt sind/ lieben und doch auch ziemlich mutig. Denn auch wenn alle Elemente, die The xx 2009 zu einem Überraschungserfolg gemacht haben auch auf dem Zweitwerk klar erkennbar sind, ist Coexist noch deutlich spartanischer und zurück genommener als das Debüt. Das macht das ganze etwas schwerer verdaulich und vermeintliche Hits sind hier nicht sofort auffindbar. Es sorgt aber auch dafür, dass die Stärken von The xx noch besser sichtbar werden und kleine Momente und dezente Überraschungen im Sound einen großen Eindruck beim Hören hinterlassen. Dadurch versetzen die Songs nicht nur in einen passiven Entspannungszustand, sondern fordern und ermutigen auch  erhöhte Aufmerksamkeit.

Missing zum Beispiel ist für The xx-Verhältnisse äußerst leidenschaftlich und hat einen dezenten Unterton von Verzweiflung, Swept Away dagegen bewegt sich zwischen Dubstep und Tanzfläche und Reunion schließlich fügt der wunderbaren Gesangs-Dynamik zwischen Oliver Sim und Romy Madley Croft prominente Steel Drums und einen warmen Beat hinzu. Auch die anderen Songs warten mit kleinen Varianten auf, die den Sound von the xx ergänzen und perfektionieren, obwohl er zumindest beim ersten Höreindruck noch verkleinert und reduziert wirkte.

Highlights: Reunion, Missing, Swept Away


19. Killer Mike – R.A.P. Music  
(Hip Hop)


Wer hätte gedacht, dass ein riesiger schwarzer Rapper aus dem Süden, bekannt aus dem Umfeld von OutKast und ein weißer Indie-Rapper aus New York, bekannt für seine düsteren, dichten Albumproduktionen, zusammen eines der besten Alben des Jahres machen würden. Killer Mike und der Produzent El-P kannten sich nicht und hatten auch keine musikalischen Berührungspunkte abgesehen von einer generellen Leidenschaft für Rapmusik. Da kann man wirklich von Glück reden, dass irgendein Plattenfirmen-Mensch auf die Idee kam die beiden zusammen zu bringen.

Killer Mike ist optisch eine eindrucksvolle und einschüchternde Erscheinung und kann diesen Eindruck auch stimmlich problemlos aufrecht erhalten. Zum Glück hat er dazu aber auch noch einen vielseitigen Stil, sowie textliche Reife und Tiefe, die das sonst übliche Gangstergehabe weit hinter sich lässt. Opener Big Beast, zusammen mit T.I., Bun B und Trouble, kommt diesem Klischee mit extrem breiter Brust und aggressivem Gehabe noch am nächsten, ist aber einfach so ein eindrucksvolles "Biest", dass es eigentlich auch wieder egal ist. Schon hier ist Killer Mike eindeutig das Highlight und auch der Rest von R.A.P. Music ist trotz einiger Gäste die uneingeschränkte Mike-Show. Die Texte variieren ebenso wie die Stimmung der Songs, ohne dabei die Einheit und den Fluss des Albums zu stören. Von einem wütenden, politischen Lied wie Reagan zu dem hakenschlagenden paranoia-getränkten Don't Die und von einem melancholischen, melodischen Song wie Ghetto Gospel zu der epischen Liebeserklärung des Titeltracks versammelt Killer Mike ein eindrucksvolles Repertoire und sorgt für ein Album vollkommen ohne Füllmaterial. Und auch wenn der Großteil der Musik ernst, wütend und unheilschwanger scheint, gibt es immer auch ein wenig Humor und das gelegentliche Augenzwinkern.

Und damit kommen wir zum zweiten Teil – die Produktion. Killer Mike und El-P sind mittlerweile gute Freunde und das merkt man auch an dem Zusammenspiel aus Musik und Raps auf diesem Album. Die beiden haben definitiv geklickt und hatten jede Menge Spaß. El-P schneidert Killer Mikes variablem Stil ebenso variable Beats auf den Leib. Die Produktion ist für El-P-Verhältnisse recht organisch und leicht, weist aber immer noch eine Dichte und Schärfe auf, die ihn klar abgrenzt von typischem Hip Hop-Produktionen. Killer Mikes detaillierte und intelligente Raps erhalten dadurch eine zusätzliche Tiefe und werden unterstrichen ohne das ihnen die Luft abgeschnitten wird. Da kann man nur hoffen, dass dieses Dream Team noch viel mehr Musik gemeinsam machen wird... 
 
Highlights: Big Beast, Reagan, Don't Die

 
18. Bat for Lashes – The Haunted Man
(Electronic/ Indie/Singer-Songwriter)


Meine erste Reaktion auf The Haunted Man ist eine unfaire - Eine milde Enttäuschung an der nur meine enormen Liebe für das Vorgängerwerk Two Suns schuld ist. Denn Two Suns, das vor über 3 Jahren erschien, bleibt eines meiner absoluten Lieblingsalben und ist voll von wunderschönen, berührenden Songs.

Doch blendet man diesen übermächtigen Schatten aus, ist auch The Haunted Man ein absolut schönes und ergreifendes Album mit einer detaillierten, nahezu perfekten Produktion und natürlich Natasha Khans fantastischer Stimme. Es ist also keineswegs schwach oder etwas vollkommen anderes, sondern nur ein leichter Dreh an Khans unverwechselbarem Sound. Das Einzige was fehlt ist dieser Überraschungseffekt, dieses Gefühl etwas ganz besonderes entdeckt zu haben. Doch nach einigen Hördurchgängen weicht dieses irrationale Ernüchterung zum Glück weitgehend der Freude darüber, dass es endlich wieder Musik von Bat for Lashes gibt und nach und nach wirken dann auch die Songs ihre Magie. 

Insgesamt ist es wieder eine Mischung aus Synths und dominanter Percussion, aus zarter Klavierballade und groß angelegten, dramatischen Popsongs. Schon der Opener Lilies ist mit seiner mühelosen Mischung aus intimer Ballade und euphorischem Bombast ein Volltreffer, der Glass, dem ersten Song von Two Suns auf jeden Fall ebenbürtig ist, aber deutlich leichter und fröhlicher daher kommt. Von dieser zu tränenden rührenden Schönheit geht es weiter mit einem Album, das insgesamt etwas befreiter klingt als Two Suns. Das liegt sicher an dem zumindest auf den ersten Blick fehlenden Konzept und dem etwas kleineren Fokus von The Haunted Man. Was nicht heißen soll, dass die Songs nicht immer noch riesig klingen. All your Gold etwa ist ein beschwingter 80er-Synth-Pop-Song, der aber trotzdem mit eine große Stimmung transportiert. Der ruhigste Song, Laura, ist  dagegen eine schwelgerische Klavierballade, die Lob- und Trostgesang für ein alt gewordenes Starlet ist und auf dem Khans Stimme so groß und ehrlich klingt, dass es schon wieder zu Tränen rührt. Auf der musikalisch anderen Seite steht Oh Yeah, ein euphorischer, erotischer Song, der sich fast auf der Tanzfläche wohl fühlen würde und dessen „Oh Yeah“-Chöre nicht nur unverschämt gut funktionieren, sondern das Ganze auch zu einem perversen Ohrwurm machen. Der bombastischste Song aber ist Marilyn, ein zusammen mit Beck produziertes Stück, das einfach nur fett klingt und sich in unerwartete, schwindelige Höhen schraubt.

Die Kritik, dass sich hier wieder mal alles etwas zu produziert und zu durchdacht anfühlt, um noch Platz zum Atmen oder für Gefühle lassen zu können, halte ich für Unsinn. Denn auch wenn die Songs alle durchaus genau geplant wirken, werden sie doch auch von Natasha Khans Stimme zusammen gehalten und die hat nun wirklich jede Menge Emotionen und eine enorme Lebendigkeit. Dazu ist The Haunted Man ein Album, das mit jedem Hören wächst und sich langsam aber sicher aus dem Schatten seines Vorgängers löst. Die Leichtigkeit und Schönheit der Lieder ist dabei umso verblüffender, wenn man bedenkt dass Natasha Khan eine Weile überlegt hatte, Bat for Lashes zu beerdigen. Da ist es ein kleines Wunder, dass wir stattdessen 11 Songs bekommen, die gleichzeitig so durchdacht und doch so federleicht klingen.

Highlights: Lilies, Oh Yeah, Laura, Marilyn


17. WIFE - Stoic  
(Electronic, Dubstep)


WIFE ist das elektronische Projekt von James Kelly, bekannt für den atmosphärischen Black Metal seiner Band Altar of Plagues. Nicht vertraut mit seiner bisherigen Karriere, stolperte ich über das Musikvideo für den ersten WIFE-Song Bodies und war mehr als angenehm überrascht. Der Song bewegt sich irgendwo zwischen Dubstep und Ambient, verzichtet aber nicht auf eingängige, ebenso wie eindringliche Elemente. Die kühle und irgendwie mystische Atmosphäre bildet dabei einen angenehmen Kontrast zu dem für diese Art Musik ungewöhnlich warmen und organischen Sound.

Die anderen vier Songs auf der EP sind zurück genommener und weniger eingängig, aber genauso faszinierend. Das hypnotische Shards schlägt mit seinem fast schon erotischem Gesang und einer orientalischen Schlagseite absolut in den Bann. Trials dagegen ist so etwas wie der kühlere Bruder dieses Songs und fräst sich mit stampfenden Beat und mantra-artigem Gesang sofort in den Gehörgang. Auf dem letzten Track werden dann auch noch eine weibliche Stimme und poppige Melodien mühelos in den melancholischsten und sehnsüchtigsten Song der EP integriert.

Was die Musik von WIFE am meisten auszeichnet, ist ihre Frische: Kelly ist sicher noch dabei seinen Sound zu finden, was für musikalisch und atmosphärisch so unterschiedliche Songs sorgt. Gleichzeitig gibt es aber dadurch eine größtmögliche Abwechslung, ohne das alles nur zusammen gewürfelt klingt. Denn die Grundbausteine dieses faszinierenden Sounds finden sich in allen fünf Songs wieder. Darüber hinaus schafft Kelly mit Hilfe von selbst gebauten Instrumenten, Field Recordings und sicher auch seinem ungewöhnlichen, musikalischen Blickwinkel, eine enorm vielseitige und lebendige Musik. Statt perfekt produzierter Plastikmusik gibt es hier emotionale und intime Songs mit den Mitteln elektronischer Musik.
Highlights: - 


16. White Lung – Sorry  
(Punk/Punk Rock)


10 Songs und knapp 18 Minuten - so lange brauchen White Lung um dem Hörer ein fantastisch kompromissloses und doch irgendwie auch ungemein eingängiges Punk Rock-Album um die Ohren zu hauen. Sängerin Mish Way keift und schreit sich extrem wütend und ebenso energetisch durch die musikalisch und lyrisch schmerzhaft direkten Lieder, Schlagzeugerin Anne-Marie Vassilou kennt nur schneller oder noch schneller und die hektischen, dissonanten Riffs von Gitarrist Kenneth William würden trotz ihrer Ohrwurmqualität manchmal fast in eine Matchcore- oder Black Metal-Band passen. Die besten Qualitäten von White Lung sind dabei ihre absolute Atemlosigkeit und die immer wieder verblüffende Härte und Rohheit aller Songs. Sorry ist sicher eines der besten Alben diesen Jahres, um einfach mal auszuflippen. 

Highlights: Take the Mirror, Thick Lip, Bag, I Rot


15. Captain Planet – Treibeis 
(Punk Rock)


Es hat sich sicher viel geändert seit der Veröffentlichung von Captain Planets Debüt Wasser kommt, Wasser geht vor gut 5 Jahren – Die Band wurde zurecht mit Lob überhäuft von Punk-Seiten bis hin zum Feuilleton der ZEIT und aus den Studenten von damals sind berufstätige Familienmenschen geworden. Doch musikalisch bleibt (zum Glück) auch auf Treibeis alles beim alten. Was nicht heißt, dass Captain Planet stagnieren oder sich wiederholen. Der Sound ist fetter und eindringlicher als zuvor, die Texte noch besser als auf den Vorgängern und dabei genau so einprägsam und wichtig. Was die Band aber so besonders und einzigartig macht, ist ihre Direktheit, die emotionale Wucht mit der sich jeder Song sofort in Herz, Hirn und die Beine bohrt.

Auch auf Treibeis sind alle Songs in der zweiten Person Singular verfasst – das „Du“ scheint manchmal an eine ganz bestimmte Person gerichtet und an anderen Stellen eher an alle Hörer von Captain Planet. Immer aber klingen die Texte wie direkt für DICH oder MICH geschrieben. Die Lieder auf Treibeis spielen in deiner WG, deiner Lieblingskneipe und in deinem Leben. Jeder der flirrenden Momentaufnahmen auf dieser Platte hören sich an wie Teile einer Highlight-Sammlung aus dem Alltag deines Lebens oder zumindest dem Leben, das du gerne leben würdest – und wahrscheinlich auch leben könntest. Die Songs sind nicht politisch im engeren Sinne und auch keine Liebeslieder oder Lebensweisheiten, sondern von all dem etwas und noch viel mehr. 
Musikalisch gibt es wieder 11 schnelle Songs, ohne Verschnaufpause und mit einer Gefühls-Wucht, die dem fantastischen Debüt ebenbürtig ist. Insgesamt klingt alles etwas erwachsener und irgendwie noch bedeutsamer; Hinter den scharfen Alltagsbeobachtungen stecken viel Einsamkeit, Frust und Niederlagen. Vorgetragen mit Jan Arne von Twisterns Press-Stimme zwischen Wut und Melancholie und unterstützt von einer noch besseren Produktion sowie kleinen, aber feinen Neuigkeiten im Sound wird aus Treibeis ein weiteres, großartiges Stück rotzigem, ehrlichen Punk Rock aus Deutschland. Ich kann nur hoffen, dass meine Kinder mal so coole Lehrer haben werden wie die Jungs aus dieser Band – ihre Musik werden sie auf jeden Fall Mal zu hören bekommen. 
Highlights: Pyro, Spielplatz, Aus Alt Mach Neu, Nationalpark


14. Amenra – Mass V 
 (Sludge, Doom Metal, Post-Metal)


Amenra verdienen wirklich Respekt für ihre Konsequenz – Andere Metalbands verändern ihren Sound über die Jahre deutlich, streuen Melodie und Farbe darunter, oder stagnieren und werden zu einer blassen Selbstkopie. Amenra dagegen loten weiter kompromisslos die absolute Schwärze aus. Keine Farbe, keine Verschnaufpausen, nur hoffnungslose, alles erdrückende Dunkelheit. Statt Stagnation gibt es eine weitere Verfeinerung und Verdichtung des Erfolgsrezepts und dazu den bisher mit Abstand fettesten Sound der Bandgeschichte.

Die gut vier Jahre, die seit dem letzten regulären Release vergangen sind, haben Amenra für einen äußerst gelungen Ausflug in die akustische Musik genutzt und für diverse musikalische Nebenprojekte, die gemeinsam mit anderen befreundeten Bands die Church of Ra bilden. Diese vertiefte Mythologie und der vergrößerte musikalische Horizont sind deutlich zu hören auf den vier gigantischen Songs von Mass V. Alle Songs beginnen dabei ungewöhnlich ruhig, mit unheilvollen Geräuschkulissen und cleanem Gesang. Dazu gibt es beängstigendes Flüstern, meisterhafte Spannungsaufbauten und vielschichtige Arrangements. Im Mittelpunkt stehen aber immer noch diese monströsen Riffs und der markerschütternde, unmenschliche Gesang von Colin H. Van Eeckhout, der sämtliche Konkurrenz sowohl in Sachen Intensität als auch Härte mühelos zu Staub zermalmt. Und diese Stärken macht auch Mass V wieder zu einem uneingeschränkten Genuss. Amenra sind unglaublich heavy, verbinden das aber mit einer Emotionalität und Tiefe, die sie einzigartig macht. 

Der einzige Nachteil von Mass V ist seine bei nur vier Songs so geringe Laufzeit. Dafür gibt es aber auch keinerlei Schwächen, Längen oder Wiederholungen – Das Album ist gleichzeitig kompakt und doch von einer epischen, erdrückenden Breite. Die musikalischen Attacken von Amenra bewegen sich wie mit der schleppenden, aber unentrinnbaren Gewalt von Lava, die den Hörer weiter und weiter in eine unendliche und unergründliche Dunkelheit drängt. Der Sound kommt von allen Seiten, er überwältigt zutiefst und lässt trotzdem hungrig zurück.

Highlights: Boden, Nowena | 9.10


13. Sarah Jaffe – The Body Wins 
(Folk/Singer-Songwriter, Indie)


The Body Wins, Sarah Jaffes zweites Album, schockt beim ersten Hördurchgang schon ein wenig. Der intime und oft spartanische Folk des Vorgängers weicht plötzlich größeren Arrangements, inklusive Bläsern, Streichern und sogar so etwas wie einem elektronischem Sound an manchen Ecken. So ist die Vorabsingle Glorified High ein eingängiges Pop-Lied mit richtigem Beat und auf jeden Fall tanzbar. Andere Songs auf dem Album sind sogar rockig und Jaffe klingt plötzlich tough und wütend. 

Nachdem der anfängliche Schock aber überwunden ist und man mal etwas offener hinhört, merkt man schnell, dass diese Weiterentwicklung, diese Erweiterung des musikalischen Kosmos nicht nur funktioniert, sondern The Body Wins sogar besser als den bereits tollen Vorgänger macht. Denn im Mittelpunkt steht immer noch Sarah Jaffes unbeschreiblich warme und berührende Stimme, die trotz dem größeren Sound von The Body Wins nie untergeht. Der kurze Opener Paul balanciert in nicht einmal 2 Minuten schon Euphorie und Melancholie, zärtliche Ballade und dramatische Orchestermomente. Paul fließt gekonnt in den Titelsong über, der die musikalische Palette dann noch um Bläser, Beat und einen unglaublichen Sex-Appeal erweitert. Der Rest des Albums folgt diesen Sound-Vorgaben, mischt sie aber anders und stellt sie dazu neben Songs, die mehr an Jaffes ältere Songs erinnern. Diese Mischung macht The Body Wins zu einem so erfolgreichen Zweitwerk mit hoher Halbwertszeit. 
 
Highlights: Paul, The Body Wins, Halfway Right, Sucker for your Marketing


12. Swans - The Seer
(Noise, Experimental)


The Seer ist ein Monstrum – Über 2 Stunden Musik, verteilt auf 2 Cd's, teilweise 30 Minuten lange Songs, die meilenweit entfernt sind von konventionellen Melodien oder Songstrukturen. Und da es (zu Recht!) eines der von Kritikern am meisten geliebten Werke dieses Jahres ist, wird es wohl unzählige Ersthörer verschrecken und wütend machen. Wenn man aber weiß, was kommt, ist The Seer kein Lärm, sondern ein rauschhaftes, aufwühlendes, meditatives und kathartisches Erlebnis ohne gleichen. Swans loten die Feinheiten von kontrolliertem Lärm, hypnotischer Ambient-Musik und purer Bosheit und Dunkelheit bis zur Perfektion aus und sprenkeln darauf die feinsten Spuren von Schönheit und Licht.

Swans-Mastermind und einziges verbleibendes Original-Mitglied Michael Gira wirkt dabei auch nach 30 Jahren keineswegs müde, sondern voller Energie. Er singt und keucht sich durch die Songs und ist ansonsten Mittelpunkt und Dirigent dieses Sound-Ungetüms, das dank der perfekt eingespielten Band und hochkarätiger Gäste wie u.a. Karen O und Mitglieder von Low, gleichzeitig spontan und bis ins kleinste Detail durchgeplant klingt. Die resultierende Klanglandschaften sind erdrückend und anstrengend, aber doch auch erfrischend und befreiend. 
 
Highlights: Lunacy, Mother of the World, The Seer, Avatar, The Apostate


11. Jessie Ware – Devotion 
(RnB, Soul, Pop)


Jessie Ware schafft auf ihrem Debüt-Album eindrucksvoll den Spagat zwischen Radio-freundlicher Popmusik und modernem RnB mit Tiefe und am allerwichtigsten – Klasse. Denn was fast als erstes an Jessie Ware auffällt – Optisch, Textlich und Musikalisch - ist ihre Klasse. Sie wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein modellierter Popstar oder ein oberflächclihes Sternchen, sondern wie eine eindrucksvolle und absolut ernst zu nehmende Diva (im positiven Sinne!). Diesen Eindruck erfüllt sie dann mit ihrer Musik auch zu 100%. Im Mittelpunkt steht natürlich diese gigantische, leidenschaftliche Stimme, die Ware eindrucksvoll, aber immer auch Song-dienlich einsetzt. Hier gibt es kein stimmliches Geflatter oder peinliche Gesangs-Marotten, sondern eine fesselnde, erwachsene und selbstsichere Stimme. Die Songs wurden mit drei verschiedenen Produzenten geschrieben, die durch verschiedene Herangehensweisen den Songs einen individuellen Stempel aufdrücken. Das Devotion trotzdem geschlossen und stimmig klingt ist in erster Linie Jessie Wares ebenso variabler wie unverkennbarer Stimme zu verdanken.  

Diese Stimme erinnert mich manchmal an Sade oder vergleichbare Künstlerinnen, Wares Musik aber ist eher zwischen Florence and the Machine, Lana Del Rey und Adele angesiedelt. Im Gegensatz zu der Musik dieser Frauen ist Devotion aber nicht nur von der Musik, sondern auch von den Stimmungen her deutlich variabler. Darüber hinaus schaffen es die Beteiligten auch die Persönlichkeit der Künstlerin und ihre Musik ebenbürtig und komplementär neben einander zu stellen. So gewinnt dann sogar eine luftige, sexy Popnummer wie 110%, die bei anderen Sängerinnen vermutlich in übertriebener Erotik untergehen würde, dank Wares kraftvoller Stimme und ihrer untypischen „Aura“ an Substanz. Am besten aber entfaltet sich die Kraft von Ware bei dramatischen RnB-Songs wie Wildest Moments oder Night Light, die mit großen Refrains aufwarten und vor Leidenschaft nur so strotzen, ohne aber in sinnlosen Bombast zu verfallen. Im Gegensatz dazu ist Devotion zu jeder Zeit etwas zurück genommen und gesetzt, ohne aber auch nur im entferntesten langweilig zu wirken. Es verbinden sich hier ehrliche Leidenschaft mit einer gewissen Kultiviertheit, die viel interessanter ist als ein schrilles Gehangel von Höhepunkt zu Höhepunkt ohne Nuancen. Denn die nutzt sich schnell ab, während Devotion mit jedem Hören besser wird. 
 
Highlights: Wildest Moments, No to Love, Night Light, Swan Song, Taking in Water



Weitere Anwärter auf die Top 20:

- Cat Power's kraftvolle musikalische Wiedergeburt Sun, die sehr wahrscheinlich in meiner Top 20 gelandet wäre, wenn ich früher rein gehört hätte.
- Die tolle The Knife-Verbeugung von Purity Ring, die auf ihrem Album Shrines faszinierende Electro Pop-Hits mit hypnotischer, düsterer Schlagseite erschaffen.
- Krallice technisch und songschreiberisch überwältigendes Black-Metal-Monstrum Years Past Matter, das ich noch lange nicht ausreichend verdaut habe.
- Das schmerzhaft authentische und brachial-emotionale Screamo/Hardcore-Glanzstück I.V. von Loma Prieta.
- Das dritte Crystal Castles-Album, das kompromisslos düster ist und vertonte Hoffnungslosigkeit mit Gruselfaktor und unerwarteter Tanzbarkeit verbindet.
- Xiu Xiu's zwar etwas unausgeglichenes und schwer verdauliches, aber dafür umso intensiveres und aufwühlendes Album Always.
- Get Disowned, das herrlich wilde, spaßige und ergreifende neue Album von Hop Along



Die Top 10 gibt es am Sonntag...

Das Beste aus 2012 - Teil 1: Musikvideos

Dienstag, 27. November 2012

Das Beste aus 2012 - Teil 1: Musikvideos

Schon wieder ist ein Jahr fast vorbei und es wird Zeit für meinen lange geplanten und ausführlichen Musik- und Film-Rückblick 2012. Zu Beginn gibt es was einfaches, mit schönen Bildern und ohne viel Text, bevor es dann die nächsten Wochen mit vielen Musiktipps und noch mehr Geschreibsel weiter geht. 
Enjoy! 



10. Japandroids – The House that Heaven built: Eine so sympathische, spielfreudige und geradlinige Band wie die Japandroids brauchen einfach so ein altmodisches Video, das in wunderbar mitreißenden Bildern den Touralltag zusammenfasst und bei jedem anschauen sofort wieder Lust auf ein Konzert der Jungs macht.


9. Aesop Rock – Cycles to Gehenna: Eines der Highlights auf einem der besten Alben des Jahres bekommt ein Musikvideo mit nächtlichen Motorradfahrten und martialisch anmutenden Ballerinas – wie auch die Musik, nicht gleich verständlich, aber äußerst stimmungs- und kraftvoll... 


8. Xiu Xiu – Honeysuckle: Ein sterbender Fisch, ausfallende Zähne und ein blutender Apfel – wie Musik und Text von Xiu Xiu neigen auch ihre Videos zum Overkill. Aber ein so eindringlicher Song über Depression, Verzweiflung und Schmerz braucht ein ebenbürtiges Video. Und das Video von Honeysuckle vermischt scheinbar alltägliche Szenen aus dem Leben einer jungen Frau mit beunruhigenden und abstoßenden Bildern, bis sich auch die scheinbar harmlosen Szenen zu alptraumhaften Szenen verschieben. 
 

7. WIFE – Bodies: Das Video von Bodies kombiniert gespenstische Straßenszenen mit einem merkwürdigen Ritual aus Kerzen, einem Hirschgeweih, schwarzer Farbe, einem Pfirsisch, Körperflüssigkeiten und diversen anderen, zweckentfremdeten Gegenständen zu einer der Musik  angemessen Begleitung – die schnellen Schnitte und grobkörnigen, hypnotischen Bilder untermalen die unheimliche, intensive Wirkung der Musik äußerst gut.


6. Amenra – Boden: Bands mit einem vergleichbar heftigen Sound wie Amenra begnügen sich meist mit Bandaufnahme-Videos oder versuchen ihre Musik mit eher peinlichen, „brutalen“ Videos zu unterstreichen. Doch bei Amenra, wo Konzept und Ästhetik so wichtig sind, gibt es stattdessen ein künstlerisch wertvolles Video. Eine junge, leicht zerrupft aussehende Frau wacht nackt in einem unheimlichen, mystisch anmutenden Wald auf und verbringt den Rest des Video mit befremdlichen Ritualen. Die atemberaubende Kulisse, eine fast monochrome Farbauswahl und die ebenso faszinierenden, wie beunruhigenden Handlungen der schönen Hauptfigur komplementieren den einzigartigen Sound von Amenra besser, als jedes „Metal-Video“ es tun könnte. 

 (für Leute ohne youtube-Account alternativ hier: vimeo)

5. Rhye – Open: Es ist schwer, das Video von Open zu beschreiben, ohne es wie einen Softporno klingen zu lassen – Knapp gesagt: Verschiedene Paare werden beim Sex gefilmt. Dazu passt, dass der Song eine intime, zutiefst sinnliche Schlafzimmer-Ballade ist. Doch wie der Song, strahlt auch das Video eine Wärme und Vertrautheit aus, die das aufreizende Konzept problemlos ausbalancieren. Mit cleveren Schnitten wechselt das Video die Akteure immer wieder kaum merklich aus und schafft so einen äußerst schönen und grazilen Tanz sich liebender Menschen.

 (Youtube ist blöd, das Video gibts bei vimeo)
 
4. Fiona Apple – Every Single Night: Das Video von Every Single Night wirkt wie ein bizarrer Traum, den man selbst schon mal so ähnlich gehabt zu haben scheint. Die Bilder sind seltsam und unzusammenhängend, haben aber immer etwas kunstvolles und einprägsames. Die kurzen Szenen des Videos wechseln dabei von sexy zu gruselig zu lustig, oft mit wenigen Schnitten oder gar in der selben Szene. Im Mittelpunkt steht dabei immer Apples fesselnde Präsenz – optisch wie akustisch. 

 (Youtube ist blöd, das Video gibts bei vimeo)

3. Grimes – Genesis: Das Musikvideo von Genesis ist einfach total durchgeknallt: Claire Bucher schlüpft in mehrere Outifts/Persönlichkeiten, die sich an Irrwitzigkeit überbieten – vom Anime-Charakter bis hin zum Domina-Roboter ist alles dabei. Dazu fährt sie mit dem Geländewagen durch die Wüste und Los Angeles oder tanzt, mit Schwert und Morgenstern bewaffnet im Bild herum. Das ganze wirkt wie eine Mischung aus Power Rangers-Outtakes, 90er Jahre Pop-Musikvideo und Gangsterfilm aus einer Parallelwelt. Kombiniert mit Buchers offensichtlichem Spaß an der Sache wird das Video zu einer Offenbarung.  
 (Youtube ist blöd, das Video gibts bei vimeo
 
2. Frank Ocean – Pyramids: Pyramids ist wie ein typisches R n B-Video - nur auf einem schlechten Drogentrip. Die Genre-üblichen Locations sind immer ein wenig zu dunkel, zu grell oder zu verschwommen, die leicht bekleideten Stripperinnen verwandeln sich für wenige Sekunden in etwas dämonenhaftes und lassen den Zuschauer, ebenso wie den Protagonisten des Videos an seinem Verstand zweifeln. Es fühlt sich an, als ob hier etwas absolut nicht stimmt. Sex-Appeal und Gruselfaktor gehen eine unheimlich wirkungsvolle Mischung ein, Frank Oceans einmalige Stimme, die fantastische Produktionsqualität und John Mayers psychedelisches Gitarren-Solo in der Wüste tun ihr übriges, um aus einem der besten Songs des Jahres, (trotz Kürzung des Liedes) auch eines der besten Videos des Jahres zu machen.  

 (Youtube ist blöd, das Video gibts bei vimeo)
 
1. Explosions in the Sky – Postcard from 1952: Die Musik von Explosions in the Sky klingt schon immer wie ein Soundtrack zu einem epischen Film, der nur noch nicht gedreht wurde. Also passt das visuelle Feuerwerk dieses Videos einfach nur perfekt zu dieser so euphorischen, triumphalen Musik. Die Idee ist simpel, aber grandios umgesetzt: Alte Kindheitsfotos von entscheidenden Momenten im Leben, werden zu kleinen Filmszenen erweckt und von den Protagonisten Jahre später noch einmal rekonstruiert. Durch die malerische, exquisite Produktionsqualität und die sich langsam steigernde, majestätische musikalische Untermalung bekommen die Szenen eine unglaubliche Bedeutsamkeit und Tiefe. Heraus kommt eine zum weinen schöne, nostalgische Liebeserklärung an die Fotografie, die Kindheit und das Leben!